Von Elena Lappin
10. Mai 2004 Als ich am Montag vor einer Woche auf dem Londoner Flughafen Heathrow das Flugzeug nach Los Angeles bestieg, freute ich mich auf meinen ersten Besuch in Kalifornien. Ich flog als freie Journalistin im Auftrag einer britischen Zeitschrift dorthin, wollte mir auf Einladung von Freunden während meines sechstägigen Aufenthalts aber auch ein wenig das Land ansehen. Statt dessen verbrachte ich 26 Stunden in einer Haftzelle, und meinen einzigen Blick auf Los Angeles warf ich aus dem vergitterten Fenster des Gefangenentransporters, mit dem man mich in Handschellen vom Flughafen zu dem in der Stadt gelegenen Gefängnis fuhr.
Versehentlich war ich als ausländische Journalistin ohne das Pressevisum auf amerikanischem Boden gelandet, das die neuen strengen Richtlinien des Heimatschutzministeriums für die Einreise verlangen. Ich hatte nur meinen britischen Paß bei mir, und wie die meisten anderen Besucher aus Ländern mit vereinfachter Visumpflicht wußte ich nicht, daß die Vereinigten Staaten seit März 2003 (als man dort das Ministerium für Heimatschutz gründete, um den erhöhten Sicherheitsanforderungen nach dem 11. September zu genügen) in befreundeten Journalisten aus befreundeten Ländern feindliche Ausländer erblicken, deren Absichten die staatlichen Behörden einer genauen Überprüfung unterziehen müssen, bevor sie ihrer Arbeit nachgehen dürfen.
In Handschellen in ein Gefängnis für Abschiebehäftlinge
Was für ein Land hat Angst vor der ausländischen Presse? Dieser Frage nachzugehen hatte ich viel Zeit während meiner verstörenden, demütigenden und zutiefst enttäuschenden Begegnung mit einem Amerika, das nur noch ein Zerrbild jenes Landes ist, welches ich liebe. (Nur Länder wie Kuba, Syrien, Iran, Nordkorea und vielleicht noch Zimbabwe verlangen spezielle Visen von Journalisten.) Wenn ich mich bei der Paßkontrolle als Touristin bezeichnet hätte, wäre ich mit einem Lächeln durchgewinkt worden. Doch da ich mich wahrheitsgemäß als Journalistin zu erkennen gab, wurde ich zu einer verdächtigen Person und an einen "Aufsichtsbeamten" verwiesen.
Während ich meine Lage mehreren Beamten erklärte, war ich noch lange der festen Überzeugung, mein unschuldiger Irrtum, der auf meiner (und meiner Papiere) Unkenntnis hinsichtlich der neuen und immer noch unklaren Visumpflichten basierte, werde sich rasch aufklären und dann verziehen werden. Ich kam aus Großbritannien, das sich als treuer Verbündeter der Vereinigten Staaten erwiesen hatte. Konnten sie mir wirklich die Einreise verweigern? Es mag unglaublich scheinen, aber so kam es. Und sobald die Entscheidung gefallen war, mich abzuschieben, behandelte man mich wie einen gefährlichen Kriminellen, der keinerlei Grundrechte besaß. Ich wurde abgetastet und durchsucht, desgleichen mein Gepäck. Man nahm meine Fingerabdrücke und fotografierte mich. Dann führte man mich, die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt - eine besonders schmerzhafte und demütigende Methode -, durch das Flughafengebäude zu einem Transporter und fuhr mich in ein Gefängnis für Abschiebehäftlinge.
Ein "Hafttank" hinter dicken Glaswänden ohne Stuhl oder Bett
In Handschellen zwischen all den freien Passagieren auf dem Flughafen von Los Angeles hindurchgeführt zu werden war eine unbeschreiblich befremdliche Erfahrung. Mehr als alles andere machte sie mir die kafkaeske Tatsache deutlich, daß ich nun eine Gefangene war. Die Nacht verbrachte ich in einem "Hafttank" hinter dicken Glaswänden ohne Stuhl oder Bett. Er enthielt nur eine kaum vierzig Zentimeter breite Stahlbank, eine Toilette und ein Waschbecken gleichfalls aus Stahl (und beide voll einsehbar für alle, die vorbeigingen, wie auch für die alles überblickende Kamera), eine grelle Neonleuchte und ein von Big Brother kontrolliertes Fernsehgerät an einer Ecke der Decke, in dem die ganze Nacht eine Shopping-Sendung lief. Ich konnte kaum atmen in diesem Fischtank, aber es half nichts, daß ich wiederholt an die Scheibe klopfte. Als schließlich ein Beamter vorbeiging, rief ich ihm durch die Tür zu, daß mir schlecht sei, aber das interessierte ihn nicht.
Am Morgen brachte man mich (wiederum in Handschellen) zurück auf den Flughafen, wo ich in einem Büro des Sicherheitsdienstes unter der Bewachung von acht schläfrigen, fernsehschauenden Beamten den Rest des Tages verbrachte und auf den Nachtflug nach London wartete. Während sie ihr appetitanregendes Frühstück aßen, mußte ich viermal nach etwas Eßbarem fragen und wurde angeschrien, bevor man mir etwas zu essen holte, für das ich natürlich zu zahlen hatte.
Später fand ich heraus, daß ich nicht die einzige bin, die so etwas erlebt hat. Zwölf Journalisten wurden im Jahr 2003 auf dem Flughafen von Los Angeles festgenommen und abgeschoben, einen weiteren traf dieses Schicksal auf einem anderen amerikanischen Flughafen. Als Häftling durfte ich keinen Stift bei mir haben. Doch ich kann mich noch gut daran erinnern, was ich gesehen habe: ein Land, das ein tiefes Gefühl der Verunsicherung hinter einer Fassade aus Mißhandlung und willkürlicher (wenn auch durchaus beabsichtigter) Mißachtung der bürgerlichen Freiheiten versteckt. Der 3. Mai war übrigens der Weltpressetag.
Aus dem Englischen von Michael Bischoff.
Die Autorin schreibt für den "Guardian".
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2004, Nr. 108 / Seite 42
Bildmaterial: EPA