21. Oktober 2004 In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschien einem Zeitungsleser der Untergang des Abendlandes in Gestalt einer Sportreportage, in der von einem "genialischen Rennpferd" die Rede war. Wenn schon Rennpferde genialisch sind, dachte der Leser, dann gilt das Genie bald gar nichts mehr, was in der Zeit zwischen den Weltkriegen auch ungefähr der Wahrheit entsprach.
Der Leser hieß Ulrich, und die Gedanken, die er sich machte, standen in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" - einem Buch, dessen erster Band (der zweite wurde nie fertig) zu einer Zeit erschien, als das Kino noch schwarzweiß war und gerade erst sprechen gelernt hatte und Greta Garbos Karriere noch kein Zeichen von Ermüdung zeigte. Inzwischen sind die laufenden Bilder ein gutes Stück weitergekommen, und auch der Untergang des Abendlandes hat, wie es sich gehört, einen Zahn zugelegt.
Wie hoch war die Gage?
Vor ein paar Monaten wurde in Sydney der neue Werbespot für das Chanel-Parfum No. 5 gedreht. Regie: Baz Luhrmann, Hauptdarstellerin: Nicole Kidman. Während der Spot selbst die Rekordsumme von vierzehn Millionen Dollar gekostet hat, sind sich die Zeitungen über Kidmans Gage uneinig: vier Millionen Dollar ("Corriere della Sera"), drei Millionen Euro ("Hamburger Abendblatt"), 6,5 Millionen Dollar ("Bunte"), 7,5 Millionen Euro ("Libération"). Jedenfalls ist es mehr, als irgend jemand je zuvor für zwei Minuten Film bekommen hat. Und da Kidman und ihr Partner Rodrigo Santoro in diesen zwei Minuten offenbar nicht viel zu sagen haben, erreicht das Dialoghonorar ganz ungeahnte, geradezu kosmische Dimensionen.
Die "Bunte" hat auf ihrer Website erste Bilder des Chanel-Spots veröffentlicht, der Ende Oktober in die europäischen und amerikanischen Kinos und im November auch auf die Fernsehschirme kommt. Da erfährt man nun, daß in diesem "Trailer für einen nie gedrehten Film" (Baz Luhrmann) erstens Sydney wie New York und zweitens Nicole Kidman wie Marilyn Monroe aussieht.
Schmuck für dreißig Millionen Dollar
Sie spielt eine Hollywood-Göttin, die im Taxi den Mann ihres Lebens kennenlernt und mit ihm ein paar heftige Küsse tauscht ("ein Feuerwerk der Gefühle" meldet "Bunte"), bevor sie mit Bedauern in die Arme ihrer Fans zurückkehrt. Der Schmuck, den Kidman in dem Spot trägt, ist dreißig Millionen Dollar wert, die Kostüme stammen von Karl Lagerfeld. "Nicole ist eine Ikone", läßt sich der Präsident des Parfümherstellers zitieren. "Sie ist die ikonischste Person, die es überhaupt gibt."
Nun kann man das Genialische von heute nicht unbedingt in Zahlen darstellen, aber auch der Nicht-Musil-Kenner wird ahnen, daß es eng mit dem Ikonischen zusammenhängt. Nicole ist die ikonischste aller Ikonen, also spielt sie die einzige Ikone, die noch ikonischer war, aber tot ist, nämlich Marilyn. Und Baz Luhrmann lebt zwar vom Filmedrehen, aber noch besser lebt er vom Drehen von Vorfilmen für Filme, die nie gedreht werden. Schon sollen erste Trailer für den Chanel-Spot im Umlauf sein.
Damit, Leser, endet unser heutiger Werbeblock. Es folgt "Der Untergang".
Text: kil / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2004, Nr. 246 / Seite 37
Bildmaterial: ANSA, AP, RTL II