Filmfestspiele

Laut, bunt, teuer

Von Andreas Kilb, Cannes

Penelope Cruz, zu sehen in “Chromophobia“

Penelope Cruz, zu sehen in "Chromophobia"

18. Mai 2005 Der reglose Mann mit Anzug und Zylinder, der mit geschlossenen Augen vor einer Filmkamera aus Pappe auf der Meerespromenade von Cannes steht, ist nicht „grau wie ein Markstein namenloser Reiche“, wie es der Dichter will, aber er könnte dennoch gut das Wahrzeichen dieses Festivals sein.

Denn er ist ganz mit Gold überzogen, eine lebendige Statue, ein mit Farbe bestäubter Kinodarsteller, der mit seiner stoischen Stummheit Geld verdienen will wie fast alle hier. Die Produzenten, die Verleiher, die Regisseure, die Stars - sie kommen jedes Jahr nach Cannes, um ihren Marktwert taxieren zu lassen oder ihren Marktanteil zu erhöhen, um Filme zu kaufen und zu verkaufen; und weil die Ware Kino kein Produkt wie jedes andere ist, gleicht auch ihr größter Messeplatz keinem anderen, sondern eher einem Zirkus von galaktischen Dimensionen.

Gewaltszenen und Pessimismus

So richtig galaktisch wird es hier erst am Pfingstmontag zugehen, wenn George Lucas nach Cannes kommt, um die sechste und angeblich letzte Folge seiner „Star Wars“-Saga im Wettbewerb zu präsentieren, außer Konkurrenz natürlich, wie es sich für einen Zweihundert-Millionen-Dollar-Film gehört. Die Kritiker der Festivalzeitschriften „Screen“ und „Variety“ haben „Die Rache der Sith“ bereits gesichtet und verkünden froh, der Film werde durch seine Gewaltszenen und seinen Pessimismus vor allem die europäischen Zuschauer wieder mit der Serie versöhnen. Von Hollywood aus gesehen, ist Europa das Reich des starken Tobaks, und wer in den letzten Jahren die Wettbewerbsauswahl von Cannes gesehen hat, muß diesem Vorurteil eine gewisse Plausibilität zubilligen.

In diesem Jahr allerdings dürfte es, wenn dem Festivalkatalog zu trauen ist, eher gesittet zugehen auf den Leinwänden von Cannes. Der einzige explizit auf Brutalität setzende Wettbewerbsbeitrag, Robert Rodriguez' „Sin City“, kommt aus Amerika, während die großen Namen, die Kinoautoren, deren Filme wie stets das Rückgrat der Auswahl bilden, sich jenen Themen widmen, die von jeher ihre Stärke waren.

Menschen im Ausnahmezustand

Wim Wenders („Don't Come Knocking“) und Jim Jarmusch („Broken Flowers“) erzählen von Vätern und Söhnen und wiedergefundenen Lieben, David Cronenberg („A History of Violence“) und Michael Haneke („Cache“) von Menschen im Ausnahmezustand, die Dardenne-Brüder („L'enfant“) und Lars von Trier („Manderlay“) von der Macht des Sozialen und der Taiwanese Hou Hsiao-Hsien („Three Times“) von der Liebe über die Zeiten hinweg.

Fast jeder dieser Regisseure hat schon einmal eine Goldene Palme in Cannes gewonnen, die übrigen mindestens einen Regiepreis, und wie jedes Jahr erhöhen sie durch ihre Teilnahme mit der Attraktivität des Festivals zugleich ihre eigene. Die internationalen Einkäufer von Lars von Triers „Manderlay“ jedenfalls mußten sich vertraglich verpflichten, noch einmal ein Viertel auf den Kaufpreis draufzulegen, falls der Film hier den Hauptpreis gewinnt. In Cannes geht es, wenn es um Kunst geht, niemals nur um Kunst.

Bunt und teuer

Das konnte man in den vergangenen Jahren auch an den Eröffnungsfilmen sehen, die fast immer laut, bunt, teuer, kostümträchtig und aus Frankreich waren. In diesem Sinn bildet Dominik Molls „Lemming“, der in diesem Jahr den Anfang macht, eine halbe Ausnahme. Molls Film knüpft an die stärkste Traditionslinie des französischen Kinos an: den Krimi, der zugleich ein Liebesfilm ist. In „Lemming“ gibt es Einstellungen von Straßen und Häusern in der Vorstadt, die an Francois Truffauts letzten Film „Auf Liebe und Tod“ erinnern, und in Laurent Lucas, der bei Moll die Hauptrolle spielt, kann man, wenn man will, das Vorbild Jean-Louis Trintignants erkennen. Nur von der Leichtigkeit, mit der Truffaut erzählen konnte, hat „Lemming“ nichts.

Alain, Angestellter einer Elektronikfirma, und seine Frau Benedicte (Charlotte Gainsbourg) bekommen Besuch von Alains Chef Pollock (Andre Dussollier) und dessen Gattin Alice (Charlotte Rampling). Der Abend geht schief. Alice beschimpft ihren Mann, daß er sie mit Huren betrüge, dann gießt sie ihm ein Glas Wein ins Gesicht. Am nächsten Tag erscheint sie in Alains Büro und versucht ihn zu verführen. Das ist die erste große Szene des Films: als Charlotte Rampling mit ihrem Gesicht über den Hals von Laurent Lucas streicht, und wie Lucas sich abmüht, ihre Zärtlichkeit nicht zu erwidern. Solche Momente sind wie Phantome bei Moll, sie lösen sich in Luft auf, bevor man mit dem Staunen überhaupt angefangen hat.

Wenig später ist sie tot

Wenig später sucht Alice auch Benedicte heim, und noch ein wenig später ist sie tot. Das ist der Punkt, an dem in „Lemming“ eine ausgeklügelte Mechanik des Entgleisens in Gang kommt. Der Blutfleck, den die sterbende Alice im Haus des jungen Paars hinterlassen hat, ist nicht abzuwaschen, und der Blick, mit dem sie die entsetzte Benedicte anstarrte, hat sich dieser eingebrannt. Benedicte beginnt, sich in Alice zu verwandeln, und Charlotte Gainsbourg spielt diese Wandlung mit so wenigen Gesten und Tönen, daß man nie weiß, ob man nicht bloß einer Halluzination von Alain zuschaut. Zuletzt ist, anders als etwa bei Chabrol, der seine Geschichten selten positiv enden läßt, die Welt des Paares wieder heil, aber um den Preis eines Mordes.

Wenn man im Kino etwas Unglaubliches glaubhaft machen will, muß man etwas noch Unglaublicheres dazuerfinden. Moll kennt diesen Trick, und so steckt er Alain und Benedicte einen Lemming ins Küchenabflußrohr, der, lebend geborgen, eine ganze Lawine von Metaphern in Bewegung setzt. Am Ende gibt es für die Anwesenheit des Nagers eine banale Erklärung, aber bis dahin funktioniert die Sache ausgezeichnet, so wie auch die rotorgetriebene Minikamera, die Alain konstruiert hat, viel zur Erheiterung des Zuschauers beiträgt.

Spielerische Neuauflage

Wie sein Regiekollege Francois Ozon, dessen neues Werk „Le temps qui reste“ in einer Nebenreihe des Festivals läuft, arbeitet Moll an der spielerischen Neuauflage klassischer Kinoformen. Filme wie „Lemming“ sind nicht wirklich groß, aber interessant, sie halten eine Tür zu Milieus und Themen offen, die der amerikanische Mainstream nicht erreicht.

Falls „Lemming“ in der Jury, die in diesem Jahr von dem serbischen Regisseur Emir Kusturica geleitet wird, keinen Fürsprecher findet, kann er immer noch auf dem Internationalen Filmmarkt sein Glück machen, wo clever gemachte Genrefilme allemal ihr Geld einspielen. In den vergangenen fünfzehn Jahren ist der Filmmarkt aus dem Souterrain des Festivalpalasts nach oben und ins Freie hinausgewuchert, wo man ihm eine eigene Zeltstadt zwischen Strand und Jachthafen baute, in der jetzt die großen Kinonationen ihre Gäste mit Prospekten und Breitbildschirmen verwöhnen.

Zwischen diesen Bilder-Aquarien könnte man fast vergessen, daß Cannes ein Haifischbecken ist, in dem die großen mit den kleinen Jägern um die Wette nach fetten Filmbrocken schnappen. Nur unten im Palast, wo sich die ärmeren Länder und die weniger feinen Produktionsgesellschaften drängen, herrscht noch der alte rauhe Ton. „So viele Gangster - so wenig Zeit!“ brüllt ein Plakat für einen Kung-Fu-Film. Und die Firma Troma, die der Welt Kinowerke wie „Surf Nazis Must Die“ und „Headless Body in a Topless Bar“ geschenkt hat, ruft zum Selbstdrehen auf: „Macht euren eigenen verdammten Film!“ Wenn nichts mehr hilft, hilft Zelluloid. Jedenfalls in Cannes.

Text: F.A.Z., 12.05.2005, Nr. 109 / Seite 29
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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