Horst Schlämmer

Die Grevenbroicher Republik

Von Oliver Jungen

Einer von uns: Horst Schlämmer

Einer von uns: Horst Schlämmer

21. August 2009 In knapp einer Woche wählt Köln einen neuen Oberbürgermeister, und nicht wenige werden sich wundern, dass einer nicht auf dem Wahlzettel steht, obwohl sein Plakat hier überall zwischen den ansonsten ziemlich unbekannten Kandidaten hängt, sagen wir es gleich: dass der Favorit nicht draufsteht: Horst Schlämmer, Deutschlands bekanntester Journalist und Spitzenkandidat seiner eigenen Partei, der HSP. Vor seinem Konterfei erfasst alle Kölner, ob Kinder, Rentner, Unternehmensberater, Straßenmusiker oder Kioskverkäuferinnen, dieselbe hochgestimmte Ehrfurcht: ein undefinierter Stolz, denn Horst, das steht außer Frage, ist einer von hier. Selbst auf der Computerspielemesse „Gamescom“ hat die HSP einen Unterstützer-Stand, gleich neben dem für holländisches Gemüse, doch anders als dieser wurde er schon in den frühen Morgenstunden geplündert: „Nichts mehr da, wir sind einfach überrannt worden“, entschuldigt sich die Hostess.

Dieser Grevenbroicher Tiger im Hausmeisterpelz ist – so ganz anders als Brüno oder Borat – ein echtes Phänomen, „same same but different“ , wie die Thailänder sagen (die bei „Isch kandidiere“ eine gewisse Rolle spielen): Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Viel mehr und viel weniger als ein Film

Der einzige Grund, warum dieser Rheinländer in Köln nicht antritt, obwohl ihm hier nicht achtzehn, sondern achtzig Prozent der Stimmen sicher wären, ist, dass er Höheres im Sinn hat: Bundeskanzler möchte er werden, und das sieht man ihm nach. Wie Adenauer. Neuerdings hört man öfter die Beschwichtigung, „Isch kandidiere“ sei doch nur ein Film. Doch schon weil Hape Kerkeling und Regisseur Angelo Colagrossi selbst diesen Satz wiederholen, sollte man vorsichtig sein. Nein, was da dieser Tage auf uns niedergeht, ist viel mehr und viel weniger als ein Film: ein basisdemokratischer Sommernachtstraum und eine filmisch eher plumpe Aneinanderreihung von Einzelszenen, die oft davon leben, dass Horst Schlämmer auf echte Politiker trifft, die er stets leicht, aber nie völlig blamiert. Ein herrliches Beispiel gibt die CDU-Bürgermeisterkandidatin für Grevenbroich ab, Ursula Kwasny, die vorrechnet, dass ihre Stadt sechzehn Millionen Euro Schulden hat. Dann ist die Rede von zweiundzwanzig Millionen. „Wie jetzt?“, fragt Schlämmer. „Na, acht hatten wir schon“, sagt die Dame. Und Schlämmer korrigiert nicht, sondern sagt schmatzend, er komme da auf sechsundzwanzig Millionen. Schließlich verspricht er der Ursula Kwasny, die sich wirklich freut, das Gesundheitsministerium.

Die Story ist eine Frechheit: Der stellvertretende Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblattes“ hat die Nase voll von Karnickelartikeln. Und warum eigentlich nicht Bundeskanzler, fragt er sich. Horst hört bei den Profis nach, und der Wahlkampf beginnt, führt vom Straßenstand bald durch die Medien, auch durch die einschlägigen Werbesender. Derweil fällt dem Kandidaten Alexandra Kamp in die Arme, die, wie sie in „Macht macht mich an“ geschrieben hat, die Macht anmacht. Schnell sind nur noch Angela Merkel und Horst im Rennen: „Der andere, wie heißt der? Der ist raus.“ Das Rennen um die Kanzlerschaft macht aber in jedem Fall Kerkeling, denn Frau Merkel, die spielt er auch. Und warum eigentlich nicht Kerkeling? So abwegig ist die Frage nicht: Sympathischer könnte Deutschland kaum werden, schlagfertiger auch nicht, und Phoenix hätte täglich höhere Zuschauerzahlen als heute im ganzen Jahr.

Rüttgers muss hinten bleiben

Als Video funktioniert dieser Film nicht. Er braucht das große Publikum, die Akklamation. Er braucht das gemeine Volk, das in Jubel verfällt, wenn Horst Schlämmer im Duett mit Bushido die Berliner Republik erzittern lässt, das applaudiert, wenn es dem Sachsen von der Straße endlich gelingt, „Hasenpower“ statt „Hosenbauer“ zu rufen. Das Volk fehlte bei der Berliner Uraufführung, doch bei der Publikumspremiere in Köln kam es jetzt zu seinem vollen Recht – inklusive Auftritt der Darsteller, des Produktionsteams und einer Ansprache von Horst Schlämmer. Die rappelvolle O2-World-on-Tour-Arena stand kopf bei seinem Einzug. Für den vor der beeindruckenden Pressemeute posierenden Bürgermeister von Grevenbroich dürfte es der Auftritt seines Lebens gewesen sein. Aber auch Landesvater Jürgen Rüttgers war angereist, ließ sich für seinen souveränen Auftritt im Film feiern, durfte aber nicht auf die Bühne und musste sich von Schlämmer doppeldeutig zurufen lassen: „Is besser, dasse hinten sitzt.“

Vielleicht muss Schlämmer gar nicht Kanzler werden. Die meisten Politiker liegen ihm schon jetzt zu Füßen, aus purem Instinkt: Macht macht sie an. So wurden sie in den Film als das eingebaut, was sie am liebsten sind: Selbstdarsteller. Claudia Roth bekommt Gurken auf die Augen, Lale Akgün darf einfach nur zusehen, wie Schlämmer eine ganze Schüssel Kartoffelsalat verdrückt, und Otto Fricke, der, das ahnt man, etwas lustig Politisches loswerden will, wird nach zwei Worten abgebügelt. So erfrischend geht das weiter. Als Schlämmer Cem Özdemir zu Sondierungsverhandlungen über eine Gelb-Ocker-Koalition (eventuell mit den Linken) trifft, fordert der grüne Bundesvorsitzende die Kanzlerschaft für Claudia Roth. Schlämmer lehnt natürlich ab, bietet aber („Kann die Englisch?“) das Außenministerium an.

Hasenpower, Hosenbauer

Ganz unauthentisch wirkt das alles nicht. Auch klingt die Losung „Hasenpower für Deutschland“ kaum dümmer als beispielsweise „Politik wird anders“ (CDU), „Köln kann’s besser“ (SPD) oder „Köln kann mehr“ (FDP). Vielleicht ist das mit den Hasen sogar feministisch gemeint, denn die Frauen-Partei hat Schlämmer, der konsequent Hasen sagt und sagen darf, auch besucht, dort aber einen Mann angetroffen, der das Wort „Abschwung“ nicht kennt. Ebenso besuchte Schlämmer die Violetten, denen er die Idee mit dem bedingungslosen Grundeinkommen von 2500 Euro geklaut hat. Kurz: Wir bekommen ein „Best-of“ der deutschen Politik geboten, nur etwas intelligenter als sonst.

Auf eine verquere Art tritt Horst Schlämmer am 30. August übrigens doch in Köln zur Wahl an, und zwar in Form seines weiblichen Über-Ichs, denn an diesem Tag lädt Hape Kerkeling als Gisela zum größten Kaffeekränzchen der Welt in den Rheinpark, Kuchen gratis. Auch Fritz Schramma wird seinen letzten Diensttag beim Horst seiner Gisela verbringen. Es ist nicht unmöglich, dass sich mehr Kölner diesen Termin notiert haben als die Wahl.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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