Von Peter Körte
05. Februar 2006 Da liegt ein großer, flauschiger, sehr weißer Teppich auf dem Boden vorm Sofa. Der Regisseur sitzt auf dem Sofa, er trägt Filzpantoffeln und telefoniert, er streckt grüßend die Hand aus, er ruft leise: Nicht drauftreten, bitte, oder Schuhe ausziehen!
Er spricht weiter in den Hörer, er spricht die Gästeliste für die Premiere durch, und während das Telefonat mit dem Verleih sich langsam dem Ende nähert, fällt einem auf, daß es sich mit diesem großen, weißen Teppich ungefähr so verhält wie mit dem Film Elementarteilchen, auf den jetzt alle warten. Die Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman hat am kommenden Samstag ihre Weltpremiere auf der Berlinale, und die Journalisten dürfen ihn nicht rezensieren, obwohl sie ihn auf einer großen, weißen Leinwand sehen durften. Schriftlich mußten sie sich zum Schweigen verpflichten. Aber da ist ja Oskar Roehler, der Mann, der den Film gemacht hat, der darf auch über ihn reden.
Flankiert von bekannten deutschen Schauspielern
Er ist müde, er trägt seinen Anorak in der Wohnung, weil er fröstelt, er hat die große Brille abgelegt, die sein halbes Gesicht verdeckt und die andere Hälfte schmaler und älter aussehen läßt. Er ist angespannt, und er ist guter Dinge, weil er sich auf den roten Teppich freut, auf die Gala, bei der ihn so viele bekannte deutsche Schauspieler flankieren werden, daß man sich eher fragen muß, wer nicht dabei ist.
Da sind Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu, Franka Potente und Christian Ulmen, Nina Hoss und Uwe Ochsenknecht, Corinna Harfouch auch und Michael Gwisdek. Sie sehen gut aus im Trailer, über den jeder sprechen und schreiben darf, und sie lassen keinen Zweifel, daß es im Film um das geht, worum es in Michel Houellebecqs Roman geht, der bei seinem Erscheinen vor sieben Jahren leichte Erregung im beschaulichen Literaturbetrieb auslöste.
Sex ohne Fortpflanzung - und umgekehrt
Es geht um Sex und Fortpflanzung und Liebe und Verzweiflung. Um zwei Halbbrüder, um Bruno (Moritz Bleibtreu), einen frustrierten Lehrer, der an Sex ohne Fortpflanzung denkt, und um Michael (Christian Ulmen), einen genialen Molekularbiologen, der sich mit Fortpflanzung ohne Sex beschäftigt und am Anfang des Romans noch nie mit einer Frau geschlafen hat.
Es geht auch um die beiden Frauen (Martina Gedeck und Franka Potente), die sie kennenlernen, vor allem aber dreht sich alles um den Mann am Ende des 20. Jahrhunderts, um sein Leiden an der modernen Welt, um die männlichen Minderwertigkeitskomplexe, deren Schilderung Roehler fasziniert hat: Ich finde es bewunderungswürdig, daß einer so weit geht, sich an diese heiklen Punkte wagt und die Beschreibung eines Mannes von dem Faktum her aufzieht, daß dieser Mann einen sehr kleinen Schwanz hat.
Eichinger hat seinen eigenen Kopf
Aber, sagt Roehler, der manchmal nicht mehr aus seinen Sätzen herausfindet, weil ihm unterdessen etwas anderes eingefallen ist, man muß sich mal vorstellen, daß 53 Prozent der Leute wegen des Trailers in einen Film gehen. Das war die schlimmste Zeit, bis der Trailer fertig war. Ich hatte keine Idee, wie man den Film verkaufen soll, und die anderen auch nicht. Dann hat Bernd sich hingesetzt und in vier Stunden diesen Trailer montiert.
Bernd, das ist der wichtigste deutsche Produzent Bernd Eichinger, der Mann hinter dem Untergang, und er ist ein Produzent, der Regisseuren nicht über den Kopf streichelt, sondern seinen eigenen Kopf hat, und was sich darin bewegt, darüber läßt er die Regisseure nicht im unklaren. Bernd, sagte Roehler, ist ein starker Produzent, der mehr weiß und mehr Erfahrung hat als ich. Ich trauere dieser Arbeitserfahrung jetzt schon nach.
Mann des Undergrounds
Aber hat es nicht Auseinandersetzungen gegeben, ist nicht die erste Fassung des Films bei einer Testvorführung durchgerauscht? Das sei, sagt Roehler, weder ganz wahr noch ganz falsch. Daß Eichinger nach der ersten Ansicht des Films sofort vierzig Minuten rausschmiß, weckte den Kämpfer im Regisseur; da sei er auch ein bißchen spröde geworden, aber hinterher haben wir uns auf halbem Wege getroffen.
Roehler hat Eichinger kennengelernt, als er Die Unberührbare schnitt, den Film, der ihm 2000 einen Bundesfilmpreis einbrachte und ihn salonfähig werden ließ, wenn es denn so etwas gibt im deutschen Film. Vorher galt Roehler als Mann des Undergrounds, der nie eine Filmhochschule besucht hat.
Die Unberührbare nennt er seinen Klassiker
Er schrieb mit Christoph Schlingensief Drehbücher, er drehte Filme, die billig, schrill und hemmungslos waren und Gentleman und Gierig oder Silvester Countdown hießen. Und er löste sich von diesem Image, indem er sich mit der Unberührbaren zugleich ein Bild seiner Familiengeschichte machte. Die Blaupause für die Titelfigur war unverkennbar und unverkennbar verfremdet seine Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, die für die DKP schwärmte und für eine gewisse Dekadenz, die vereinsamte und sich 1992 das Leben nahm.
Und es fiel auch nicht schwer, in dem Mann Umrisse des Vaters, des Schriftstellers und Lektors Klaus Roehler, zu erkennen. Heute nennt Roehler den Film ironisch meinen Klassiker und sagt, das würde ich nicht wieder machen. Und wenn das auch für einen 47jährigen ein wenig komisch klingt, so hat er damit vermutlich recht.
Anarchie und Energieüberschuß
Eichinger jedenfalls, dessen Besuch im Schneideraum Die Unberührbare einiges verdankt, wollte mit ihm arbeiten, aber es dauerte eine Weile, bis sie einen Stoff gefunden hatten. Suck my dick, Der alte Affe Angst oder Agnes und seine Brüder, das war nichts für den Großproduzenten, und vielleicht war auch Roehler nicht an dem Punkt, wo er sich eine deutsche Großproduktion, ein 5,7-Millionen-Euro-Projekt wie Elementarteilchen, hätte aufladen sollen.
In seinen Filmen herrschen immer Anarchie und Energieüberschuß, Menschen gehen bis an die Grenze, sie leben ihre Leidenschaften aus, kehren ihr Innerstes nach außen, und was diese Haltung so einzigartig im deutschen Kino macht, das ist ihr tiefes Desinteresse an Psychologie oder Weltschmerzanalyse. Prestigeprojekte, die ein großes Publikum erreichen und einem Produzenten wie Eichinger auch noch künstlerische Reputation bringen, waren sie allerdings nicht gerade.
Wußte beim Lesen, daß er es verfilmen wollte
Aber man muß wohl davon ausgehen, daß Eichinger dieser Hang zur Transgression, dieser Wille, bis zum Anschlag zu gehen, an Roehlers Filmen gefallen hatte. Insofern war Roehler natürlich genau der Richtige für Houellebecqs Roman - und auch für Eichinger, der mit dem Rückenwind eines Bestsellers mehr anfangen konnte. Wenn du mal was mit mir machen willst, hatte Roehler zu Eichinger gesagt, dann dieses Buch.
Roehler hatte dieses Buch gelesen, als es 1999 auf deutsch erschien, und fand es super. Er habe es einfach so weggelesen, mit einem gewissen Voyeurismus, mit Sympathie für Houellebecqs Bild einer total materialistischen Gesellschaft, in der auch Sex zur Ware geworden ist. Und er wußte schon beim Lesen, daß er es verfilmen wollte.
Er hat ans Aufgeben gedacht
Der Rest war nicht so einfach. Oliver Berben, der zweite Produzent des Films, schaffte es, sich mit dem schwierigen Franzosen anzufreunden. Das war der Schlüssel für die Filmrechte. Roehler selbst hat Houellebecq nur einmal getroffen, in irgendeinem Pariser Vorstadtcafé. Er habe da eine Stunde mit Houellebecq und Hund gesessen. Er war wie ein schwarzes Loch, und ich hatte den Eindruck, was ich mit seinem Buch mache, ist ihm völlig schnuppe.
Aber da wartete noch ein schwarzes Loch, und das war der Roman selbst. Roehler hat sich, mit Unterbrechungen, drei Jahre mit dem Drehbuch gequält, er hat ans Aufgeben gedacht, da war das Gefühl, es einfach nicht zusammenzukriegen, weil ihn vor allem eine Aversion gegen den Schluß befiel. Ich habe diese brutale Kälte stärker wahrgenommen, auch das Propagandistische in dem Roman. Houellebecq ist ein genialer Manipulator.
Bestimmte Dinge aus dem Roman unzumutbar
Daß beide Brüder, kaum daß sie unverhofft jeder eine Frau kennengelernt haben, mit der sie sich vorstellen können zu leben, diese Frauen gleich wieder verlieren, das hat Roehler nicht eingeleuchtet. Dann kommen diese Schicksalsschläge. Das war ein Ende, das man so nicht hinnehmen kann. Man nimmt den Figuren damit ihre Moral. Das mußte er ändern, und Eichinger, der wie so oft auf ein Credit fürs Drehbuch verzichtet hat, hat ihn darin bestärkt. Und letztlich hätten dann doch nicht so viele den Roman gelesen, daß seine Änderungen auffielen, sagt Roehler lachend.
Daß im neuen Roehler noch immer viel vom alten Roehler steckt, das merkt man nicht nur im Film. Man hätte den Leuten bestimmte Dinge aus dem Roman einfach nicht zumuten können, sagt er, da hätte man schon eine Art Elementarteilchen II drehen müssen, der dann eher wie Baise-moi (Fick mich) ausgesehen hätte. Und, hätte ihn das gereizt?
Eine langsamere Gangart
Bevor sich Roehler dazu äußern kann, klingelt das Telefon, und seine Agentin erkundigt sich nach dem Wohlergehen des Künstlers, der gerne umsorgt wird, auch wenn er sagt, die lange Arbeit an den Elementarteilchen habe ihn verändert. Nicht privat, um Himmels willen.
Nein, mein Temperament hat sich verändert. Ich habe keine spontanen Ideen mehr, die ich dann innerhalb einer Woche in einem Drehbuch verarbeite. Ich habe eine langsamere Gangart eingeschlagen. Vielleicht ist das eine Frage des Alters, sagt er, und man weiß dann nicht so genau, auch wenn man ihn schon lange kennt, ob er das wirklich ernst meint. Oder ob er, wie nach dem Erfolg der Unberührbaren, jetzt schnell wieder eine böse Farce wie Suck my dick drehen muß.
Es war eine schwere Geburt
Dann will er unbedingt noch mal den Trailer vorführen, und die Erleichterung, daß er so vielversprechend aussieht, ist ihm immer noch anzumerken. Er ist sich sicher, daß die Leute Martina Gedeck mit ein bißchen Latex und Moritz Bleibtreu in seiner haltlosen, verzweifelten Gier nach Sex und Liebe sehen wollen, daß ihnen Christian Ulmens linkische Art gefällt und eine Franka Potente, die ganz fern von Lola rennt ist. Roehler wirkt dabei wie einer, der eine große Schlacht geschlagen hat und auf den nun der Triumphzug wartet.
Er hat sich gesträubt, er hat den Houellebecq aus Houellebecq auszutreiben, den Dogmatismus seiner Weltverfinsterungs- und Weltuntergangsformel aufzubrechen versucht: Ich habe mich durch diese analytische Phase, die mir gar nicht liegt, durchgekämpft. Und dann sagt er einen Satz, der zunächst wie eine Floskel klingt und dann doch mitten ins Herz einer Geschichte trifft, die vom Klonen und von Reproduktion ohne Sex handelt: Es war eine schwere Geburt.
Elementarteilchen kommt am 23. Februar ins Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.02.2006, Nr. 5 / Seite 23
Bildmaterial: constantin film, picture-alliance/ dpa/dpaweb
