Von Andreas Kilb
20. Oktober 2004 In ihrem Roman "Der Junge, der Ripley folgte", dem vierten Band der Abenteuer von Tom Ripley, schickt Patricia Highsmith ihren Lieblingshelden nach Berlin. Es ist das Jahr 1980: "Zuerst fuhren sie kilometerweit durch flaches Land, vorbei an Lagerhäusern, Feldern und Scheunen, dann tauchten die ersten Ausläufer der Stadt auf, einige Gebäude, die brandneu wirkten, hellbraune und cremeweiße Hochhäuser, beinahe Wolkenkratzer, mit chromverkleideten, antennenartigen Spitzen ... Beim Anblick des einzigen alten, schartigen Gebäudes tat Toms Herz einen Sprung, was ihn selbst überraschte." Das "schartige Gebäude" ist die Gedächtniskirche.
So ähnlich sahen auch die Bilder aus, die sich das internationale Kino in den vergangenen vierzig Jahren von Berlin machte: Brachflächen und Neubauten, garniert mit Denkmälern und Ruinen. Müllhalde plus Siegessäule, Plattenbau plus Brandenburger Tor. Seit Billy Wilder hier "Eins, zwei, drei" drehte, hat im Grunde niemand mehr eine Vision von dieser Stadt gehabt, auch wenn Hitchcock in "Torn Curtain" die DDR in glühenden Farben malte und Martin Ritt in "Der Spion, der aus der Kälte kam" mit Berlin-Impressionen aus dem Studio die depressive Atmosphäre des Kalten Krieges beschwor. Gewiß, James Bond war hier (in "Octopussy"), Anthony Hopkins trieb in "The Innocent" sein Spionagespiel mit Isabella Rossellini, und Claude Chabrol zog in "Dr. M" vor Fritz Lang seinen Regisseurshut. Aber für einen echten Eintrag auf der Landkarte der Kinematografie reichten solche Stippvisiten nicht aus. Berlin blieb dem deutschen Film vorbehalten: als Kulisse der Wiedervereinigung (wie in Margarethe von Trottas "Versprechen"), als Tummelplatz der Kreuzberger Boheme (wie in "Herr Lehmann") oder als Mausoleum der untergegangenen DDR (wie in "Good Bye, Lenin!"). Und die Welt schaute zu, von sehr weit weg.
Mit der "Bourne Verschwörung" endet diese Zeit der filmischen Isolation. Denn Paul Greengrass, der Regisseur des zweiten "Bourne"-Kapitels - das erste, "Die Bourne Identität", gedreht von Doug Liman, war kommerziell so erfolgreich, daß eine Fortsetzung unvermeidlich wurde -, hat eine sehr genaue Vorstellung von Berlin. Er liest die Stadt als Labyrinth: der Zeiten, der Stile, der Identitäten. Was in den schachbrettartigen amerikanischen Städten unmöglich erscheint, wird in Berlin wieder filmisch plausibel: das Sichverirren, Sichverlieren am hellichten Tag. Gleich die erste Szene des Films bürstet die Konventionen des Spionagethrillers gegen den Strich. Im Forum-Hotel am Alexanderplatz werden zwei CIA-Agenten ermordet, unter den Augen ihrer Vorgesetzten im Häuserblock gegenüber. Aber die Tat findet nur als Geräuschkulisse statt. Die Leinwand wird schwarz, der Mörder bleibt unsichtbar. Statt dessen sieht man, wie er ein gefälschtes Beweismittel am Tatort präpariert. Fast nonchalant vernachlässigt Greengrass das vordergründig Spektakuläre zugunsten der erzählerischen Logik. Sein Film hat, hier wie auch später, einen altmodischen Touch, der an die besten Zeiten des Genres im Kalten Krieg erinnert.
Jason Bourne (Matt Damon), dessen Fingerabdruck am Sicherungskasten des Berliner Großhotels prangt, befindet sich zu dieser Zeit im indischen Goa, wo er mit Marie (Franka Potente) sein Schicksal auszutricksen hofft. Wer die ersten Minuten des Films für einen Zufallstreffer der Regie gehalten hat, wird durch die Goa-Sequenz eines Besseren belehrt. Greengrass, der den Handkamerastil des Dogma-Kinos ebenso beherrscht wie die klassische Attraktionsmontage, zerstört die exotische Anmutung des Schauplatzes auf ebenso simple wie effektive Weise, indem er einfach alles wegläßt, was nach Ornament aussieht. Also keine Schlangenbeschwörer, keine zerwühlten Laken a la James Bond; statt dessen die wilde Flucht des Paares im Kleinwagen vor dem Killer mit Zielfernrohr, der am Ende doch die Oberhand behält. Unter Wasser, im trüben Grün eines Flusses, nimmt Jason Abschied von Marie, und wer die Karriere des Schauspielers Matt Damon eine Weile verfolgt hat, muß Greengrass für diesen Einfall ein weiteres Mal bewundern. Denn Damon ist kein Mann für Liebesszenen; beim Küssen wirkt er wie ein Schuljunge. Aber Jason küßt Marie ja auch nicht, er beatmet sie. Es ist die Action-Variante der Liebe, hastig und hoffnungslos.
Bevor Jason Bourne dann nach Berlin kommt, vergehen weitere fünfzehn Minuten. Diese Zeit dient dem Film vor allem dazu, dramaturgischen Druck aufzubauen, der sich dann in den Straßen der Metropole entlädt. Wieder einmal erwacht Bourne aus dem süßen Trug der Amnesie in einen Albtraum, den er als Abbild seines vergessenen Agentenlebens erkennt. Vor Jahren, bei seinem allerersten Einsatz, hat er am Kurfürstendamm einen Mordauftrag ausgeführt, dessen Konsequenzen ihm erst jetzt bewußt werden. Und wie immer bei Robert Ludlum, dem Autor der Vorlage - nach der "Bourne Identity" und der "Bourne Supremacy" liegt noch das "Bourne Ultimatum" zu Verfilmung bereit -, versteckt sich Bournes Gegner in den Reihen der CIA.
Wenn es eine Moral in Ludlums Agentenromanen gibt, dann ist es die vom gerechten Kampf des Deserteurs gegen das System: die Lehre der Vietnamkriegsgeneration. Doug Liman, der Regisseur des ersten Bourne-Films, hat dieses Grundmotiv noch ganz klassisch in eine zentrale Autoverfolgungsjagd übersetzt. Greengrass geht ein Stück weiter, indem er Bourne zum Fußgänger und Bahnfahrer macht. Berlin, das an die Stelle von Paris tritt, ist kein Ort für automobile Freiheiten, hier herrscht das Ordnungsprinzip des Personennahverkehrs. Am Alexanderplatz, wo die deutsche Jugend gegen Bildungskürzungen demonstriert, lockt Bourne die Agentin Nicky (Julia Stiles) in eine Straßenbahn, aus dem Hotel am Kurfürstendamm, wo ihn die Polizei überrascht, entwischt er in eine nahe U-Bahn-Station, am Bahnhof Friedrichstraße springt er von der S-Bahn-Brücke auf einen Spreekahn. Es ist, als hätte Greengrass die "Sinfonie der Großstadt" von Walter Ruttmann studiert und in die Gegenwart übersetzt. Und wie bei Ruttmann liegt auch hier eine leise Melancholie über den hektischen Bewegungen der Kamera und ihrer Objekte, das Gefühl, dem eigenen Los nicht entgehen zu können, Teil eines Räderwerks zu sein, das unerbittlich seinem Ziel entgegeneilt.
Humpelnd und desillusioniert, mit wehem Herzen und wundem Bein, gelangt Jason Bourne schließlich nach Moskau. Dort gibt es dann doch noch ein Auto-Duell, und zwischen den Wolkenkratzerfassaden von New York legt sich die Geschichte schließlich zur Ruhe. Aber da wirkt Matt Damon längst nur noch wie ein Geist, den der Fluch seiner Taten auf der Erde herumtreibt. So hat er vor Jahren, in einem anderen Film, auch den jungen Tom Ripley gespielt. Vielleicht kommt er ja bald wieder nach Berlin.
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