06. März 2006 Überraschungssieger und zerplatzte deutsche Träume: Bei der 78. Oscar-Verleihung haben sich etliche anspruchsvolle Filme die wichtigsten Preise geteilt, einen überragenden Gewinner gab es nicht.
Das Episodendrama L.A. Crash (siehe auch: Video-Filmkritik: L.A. Crash) des kanadischen Regisseurs und Autors Paul Haggis um Rassenprobleme in Los Angeles wurde von den Oscar-Juroren zum besten Film gewählt. Keiner von uns hat das wirklich erwartet, sagte Haggis. Das war doch eigentlich nur ein kleiner Film. Wir haben alle Regeln gebrochen und Hollywood hat das belohnt. In den deutschen Kinos ist der Überraschungssieger der Oscar-Nacht mit Sandra Bullock, Matt Dillon, Brendan Fraser und Don Cheadle trotz hervorragender Kritiken mit nur rund 200.000 Besuchern allerdings untergegangen.
Den Preis für die beste Regie erhielt Taiwaner Ang Lee mit dem Schwulen-Western Brokeback Mountain, der in insgesamt acht Kategorien nominiert war. Die deutschen Oscar-Hoffnungen wurden enttäuscht: Das Nazi-Widerstandsdrama Sophie Scholl - Die letzten Tage (siehe auch: Video-Filmkritik: Sophie Scholl - Die letzten Tage) ging ebenso leer aus wie der Kurzfilm Ausreißer.
Enttäuschung für Brokeback Mountain
Der Top-Favorit Brokeback Mountain konnte die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Insgesamt gab es nur drei der acht möglichen Oscars: Neben dem Regiepreis bekam der Western noch Auszeichnungen für das beste Drehbuch nach einer literarischen Vorlage und für die beste Filmmusik. Auch L.A. Crash holte drei goldene Statuen: Bester Film, bestes Original-Drehbuch (Paul Haggis und Bobby Moresco) und bester Schnitt.
Daß Brokeback Mountain nicht bester Film wurde, sorgte für Diskussionen unter Kritikern und hörbare Enttäuschung bei Mitwirkenden. Die Wahrheit ist vielleicht, daß Amerikaner keine schwulen Cowboys wollen, sagte Larry McMurtry, der dennoch für Brokeback Mountain - gemeinsam mit Diana Ossana - einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt. Trotz der großen medialen Präsenz von Homosexualität sei Hollywood noch nicht reif dafür, dem Thema die Ehrenhaftigkeit des Mainstream zuzugestehen, sagte der Kritiker der Los Angeles Times, Kenneth Turan. Für Leute, die sich wie gute, produktive Liberale fühlen wollten und denen Brokeback Mountain zu heiß war, sei L.A. Crash eine perfekte Ausflucht gewesen.
Sanftmütiger reagierte Brokeback Mountain-Regisseur Ang Lee auf seine Auszeichnung für die beste Regie. Der gebürtige Taiwaner Lee nahm die Trophäe mit bescheidener Geste entgegen und widmete den Oscar seinem verstorbenen Vater. Ich habe diesen Film mehr als jeden anderen für ihn gemacht, sagte Lee.
Mama, ich bin stolz auf dich
Als beste Schauspieler profilierten sich Philip Seymour Hoffman und Reese Witherspoon mit biografischen Filmen. Der 38jährige Hoffman wurde für seine Darstellung des exzentrischen Schriftstellers Truman Capote ausgezeichnet. Der Film Capote (siehe auch: ) beschreibt die kurze, aber entscheidende Phase im Leben des Autors, in der sein Roman Kaltblütig entstand. Witherspoon erhielt die goldene Statue für ihre Hauptrolle in dem Film Walk the Line über das Leben des Musikers Johnny Cash, dessen Ehefrau die 29jährige verkörpert (siehe auch: James Mangolds Film Walk the Line). Für beide Oscar-Gewinner war es die erste Nominierung, sie hatten aber bereits bei den Golden Globes triumphiert.
Während meiner Kindheit in Tennessee hätte ich nie gedacht, daß ich einmal so weit kommen könnte, sagte Witherspoon in ihrer Dankesrede. Der Oscar gebe ihr das Gefühl, daß ihre Arbeit etwas bedeute. Hoffman forderte die Zuschauer auf, seiner Mutter zu gratulieren, die vier Kinder allein aufgezogen habe. Sei stolz, Mama, denn ich bin stolz auf dich.
Triumph für Tsotsi
Die deutschen Filmemacher durften sich in der Oscar-Nacht nur über ihre Nominierungen freuen, denn die Oscars räumten andere ab. Regisseur Marc Rothemund mußte sich mit seinem Film über die Widerstandskämpferin Sophie Scholl in der Kategorie bester Auslandsfilm dem südafrikanischen Streifen Tsotsi geschlagen geben. Die Hamburger Filmemacherin Ulrike Grote hat mit Ausreißer bereits einen Studenten-Oscar gewonnen. Doch bei der Oscar-Gala gewann in der Sparte Kurzfilm der britische Film Six Shooter von Martin McDonagh.
Bei den Nebendarstellern triumphierten Schauspieler aus Polit-Thrillern: George Clooney und Rachel Weisz. Der 44jährige Clooney erhielt die goldene Statue für seine Nebenrolle in dem Thriller Syriana. Der Film (siehe auch: Stephen Gaghans Film Syriana) beschreibt die Verstrickung amerikanischer Konzerne in Kriege, Verschwörungen und Morde. Damit ist eigentlich klar, daß ich nicht bester Regisseur werde, meinte Clooney gleich am Anfang der Gala lakonisch - und bedankte sich trotzdem stilvoll bei der Academy: Hier in Los Angeles leben ziemlich viele abgehobene Leute, sagte er. Umso wichtiger sei es, daß über die Oscars Themen wie Aids oder Rassismus mit dieser Welt in Kontakt gebracht würden.
Weisz bekam den Oscar als beste Nebendarstellerin für den Film Der ewige Gärtner. An der Seite von Ralph Fiennes spielt die Britin, die am Dienstag ihren 35. Geburtstag feiert, eine Aktivistin, die die Machenschaften eines Pharmakartells in Afrika aufdeckt und dafür umgebracht wird. Sie widmete ihre Trophäe all jenen Menschen, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.
Oscars für Pinguine und Riesenkaninchen
Den besten Filmsong lieferte der Rapper-Film Hustle & Flow mit dem HipHop-Lied It's Hard Out Here For A Pimp ab. Je drei Oscars, allerdings nicht in Top-Kategorien, gingen an Peter Jacksons Mega-Produktion King Kong (Spezialeffekte, Toneffekte, Ton) und Rob Marshalls Die Geisha (Ausstattung, Kostümdesign, Kameraführung). Das beste Make-up war nach Meinung der 5800 Oscar-Juroren in Die Chroniken von Narnia zu sehen. Bei der Oscar-Gala in Hollywood wurde zudem die britische Produktion Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Die Reise der Pinguine (siehe auch: Die Reise der Pinguine im Kino) erhielt einen Oscar in der Sparte Dokumentarfilm.
Rückkehr zum Glamour war das Motto der Gala - und diese herausragende Qualität des alten Hollywood stach vor allem optisch hervor. Im eleganten Bühnenbild im Stil der Goldenen zwanziger Jahre nahmen vor allem die weiblichen Presenter beim Öffnen der Umschläge das Thema ernst: Nicole Kidman in beinahe überirdischer Perfektion, Charlize Theron in göttlicher schwarzer Seide, Uma Thurman als strahlende Diva, Jennifer Lopez und Salma Hayek in schimmernden Roben - sie verliehen der Show den dringend benötigten Schauwert.
Die Sandburg bleibt im Gedächtnis
Moderator Jon Stewart, der zum ersten Mal durch die Oscar-Gala führte und sich glänzend bewährte, setzte als Gegenpol dazu auf bissige Satire. Lily Tomlin und Meryl Streep lieferten einen komödiantischen Höhepunkt mit ihrer absichtlich völlig verrutschten Rede auf den großen Regisseur Robert Altman (81, The Player, Nashville), der für sein Lebenswerk gewürdigt wurde. Die rund 3500 Ehrengäste im Kodak Theater spendeten stehend Beifall für den Schöpfer von Filmen wie M.A.S.H. und Short Cuts.
Altman war in seiner Karriere fünfmal als Regisseur für einen Oscar nominiert, hat aber nie einen gewonnen. Einen Film zu drehen ist, wie am Strand eine Sandburg zu bauen, schilderte Altman in seinem emotionalen Auftritt. Man lädt alle ein, die Burg zu bewundern und freut sich an ihrer Pracht. Aber dann kommt die Flut und wäscht alles wieder weg. Doch die Sandburg bleibt immer im Gedächtnis.
Die Oscar-Preisträger in der Übersicht
Bester Film: L.A. Crash
Bester fremdsprachiger Film: Tsotsi (Südafrika)
Bester Animationsfilm: Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen
Beste Darstellerin (Hauptrolle): Reese Witherspoon in Walk the Line
Bester Darsteller (Hauptrolle): Philip Seymour Hoffman in Capote
Beste Darstellerin (Nebenrolle): Rachel Weisz in Der ewige Gärtner
Bester Darsteller (Nebenrolle): George Clooney in Syriana
Beste Regie: Ang Lee für Brokeback Mountain
Bestes Original-Drehbuch: Paul Haggis und Bobby Moresco für L.A. Crash
Bestes adaptiertes Drehbuch: Larry McMurtry und Diana Ossana für Brokeback Mountain
Beste Kamera: Die Geisha
Bester Schnitt: L.A. Crash
Bester Ton: King Kong
Beste Toneffekte: King Kong
Beste Filmmusik: Brokeback Mountain
Bester Filmsong: It's Hard Out Here for a Pimp aus Hustle & Flow
Beste Kostüme: Die Geisha
Beste Maske: Die Chroniken von Narnia
Beste Ausstattung: Die Geisha
Beste Spezialeffekte: King Kong
Bester Dokumentarfilm: Die Reise der Pinguine
Bester kurzer Dokumentarfilm: A Note of Triumph: The Golden Age of Norman Corwin
Bester kurzer Trickfilm: The Moon and the Son: An Imagined Conversation
Bester kurzer Realfilm: Six Shooter
Ehren-Oscar für das Lebenswerk: Robert Altman (Regisseur/Autor)
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AP
Bildmaterial: AP, Berlinale, dpa/dpaweb, REUTERS