Jakob Augstein

„Hier geht es allein um die verlegerische Führung des Hauses“

So fing alles an - wie aber geht es weiter? Erster „Spiegel”-Titel aus dem Jahr 1947

So fing alles an - wie aber geht es weiter? Erster „Spiegel”-Titel aus dem Jahr 1947

15. Mai 2006 Der „Spiegel“-Verlag bekommt am 1. Januar 2007 einen neuen Geschäftsführer. Dem dann sechzig Jahre alten Karl Dietrich Seikel folgt Mario Frank (48). „Die Gesellschafter respektieren und unterstützten den Entschluß des langjährigen Verlagschefs, nun die Verantwortung einem Jüngeren zu übergeben“, hieß es an diesem Montag. Doch so freiwillig ist Seikels Rückzug wohl nicht. Wir haben Jakob Augstein gefragt, was der Wechsel bedeutet. Der Sohn des 2002 verstorbenen Magazingründers spricht für die Familie, die 24 Prozent der Anteile hält, im Gesellschafterkreis.

Mario Frank leitet zurzeit das Dresdner Druck- und Verlagshaus („Sächsische Zeitung“). Der Dresdner Verlag gehört zu Gruner + Jahr, und Gruner + Jahr ist mit 25,5 Prozent am „Spiegel“ beteiligt. Dessen größter Gesellschafter ist mit 50,5 Prozent die Mitarbeiter KG.

Der „Spiegel“ bekommt einen neuen Geschäftsführer. Warum?

Weil Karl Dietrich Seikel im August sechzig wird und die Gesellschafter der Auffassung sind, daß das Haus vor großen Herausforderungen steht. Der 1. Januar 2007 ist der richtige Zeitpunkt, die Führung des Verlags in kräftigere Händen zu übergeben.

„Kräftigere Hände“ - das heißt, Sie sind mit dem jetzigen Geschäftsführer unzufrieden?

Ich persönlich hätte mir in der Vergangenheit ein paar andere verlegerische Entscheidungen gewünscht. Ich glaube, daß die Wahl von Herrn Frank eine gute ist, um einen anderen verlegerischen Kurs einzuschlagen.

Und der sieht wie aus?

Am wenigsten zu tun ist im Internet. „Spiegel Online“ ist einsamer Marktführer und dreimal so gut wie die besten Mitbewerber. Da müssen wir die Position ausbauen und halten. „Spiegel TV“ muß sich neu orientieren nach dem Verkauf des Senders XXP an Discovery und auf die Digitalisierung einstellen. Die größten Herausforderungen sehe ich im Printbereich: Der Spiegel muß sich zu einem normalen Verlagshaus entwickeln, „Spiegel“ und „Manager Magazin“ allein sind auf die Dauer zuwenig.

Der „Spiegel“ hätte sich zum Beispiel die Leute holen könne, die „Jetzt“, das Jugendmagazin der SZ, gemacht haben. Das hat dann Gruner+Jahr getan und mit ihnen erfolgreich „Neon“ in den Markt gebracht. Der „Spiegel“ war frühzeitig dabei, ein Wissensmagazin zu planen, das Projekt wurde fallengelassen, und dann sind „Zeit“ und „Süddeutsche“ in die Nische gestoßen. Im vergangenen Jahr hätte der „Spiegel“ ein junges, eher lifestyliges Magazin machen können. Der Verlag hat sich aber dagegen entschieden. Jetzt bereitet Condé-Nast ein ähnliches Projekt vor. Und es gibt seit geraumer Zeit einige Leute im Haus, die denken, daß der „Spiegel“ ein monatliches Kulturmagazin machen sollte. Die finden im Verlag nicht viel Unterstützung. Das muß sich ändern.

Aber bremst nur der Verlag? Man hat den Eindruck, daß die Gesellschafter häufig genug neuen Projekten im Weg stehen. Sie haben den Einstieg in das Kulturmagazin „Monopol“ verhindert, den der Verlag wollte. Und das junge Magazin, von dem Sie sprechen, Arbeitstitel „Adler“, war doch Ihre eigene Idee. Damit sind Sie am Einspruch Ihrer Mitgesellschafter gescheitert.

Ich hoffe, daß die Gesellschafter in dieser Hinsicht nicht unterschiedliche Interessen haben. Es gab keine Situation, wo die Gesellschafter komplett unterschiedlicher Meinung waren - mit Ausnahme vielleicht von meiner eigenen Idee. Aber da war ich ja auch in einer anderen Rolle. Die Gesellschafter sind investitions- und entwicklungsbereit. Sie haben den Verlag im vergangenen Jahr aufgefordert, einen Innovationsplan zu entwickeln. Der Weg ist eingeschlagen, jetzt muß er gegangen werden.

Der neue Geschäftsführer kommt von einer Tochtergesellschaft von Gruner+Jahr. Angeregt hat den Wechsel die Mitarbeiter KG. Da könnte man entweder denken, Gruner+Jahr nehme den Spiegel-Verlag an die kurze Leine, oder, die Mitarbeiter KG rüste auf.

Das ist nicht richtig. Gruner+Jahr hat den neuen Mann nicht oktroyiert, wir haben die Auswahl gemeinsam getroffen. Mario Frank ist meines Erachtens der richtige Mann. Er kennt Gruner+Jahr aus seiner Zeit in der Zentrale sehr gut und aus seiner Position des Geschäftsführers beim Dresdner Druck- und Verlagshaus. Er hat den Ruf, ein unabhängiger Kopf zu sein, der sich nicht fernsteuern läßt. Als Geschäftsführer hat er in Dresden, wie ich glaube, einen sehr guten Job gemacht. Er hat die Rendite auf annähernd zwanzig Prozent gebracht.

Aber es gab im vergangenen Jahr eine Auseinandersetzung zwischen der Mitarbeiter KG und dem Chefredakteur, dann der Redaktion und schließlich im Kreis der Gesellschafter untereinander. Der Vertreter der Mitarbeiter KG, Thomas Darnstädt, meinte, man müsse über „Qualitätsmängel in der Berichterstattung“ sprechen. Ihre Schwester Franziska hat den „Spiegel“ inhaltlich auseinandergenommen und als „geschwätzig“ bezeichnet. Hat diese Entscheidung jetzt etwas mit der Sache damals zu tun? Richtet sich das gegen die Redaktion?

Nein, überhaupt nicht. Das wäre ein großer Irrtum, zu glauben, diese Entscheidung habe irgend etwas mit dem Blatt oder mit dem Chefredakteur zu tun. Hier geht es allein um die verlegerische Führung des Hauses. Die Zukunft der Redaktion des „Spiegels“ hat damit gar nichts zu tun, auch wenn die Mitarbeiter KG treibende Kraft bei der Auswahl des neuen Geschäftsführers war. Ich habe die Debatte damals für einen Fehler und für schädlich gehalten. Ich habe mich daran, wie Sie wissen, nicht beteiligt.

Es gab und gibt diese „Qualitätsmängel“ beim „Spiegel“ nicht. Der „Spiegel“ ist kein „geschwätziges Blatt“, um das Stichwort von damals aufzunehmen. Ich sehe überhaupt nicht, daß der „Spiegel“ seinen Charakter in irgendeiner Weise verändert hat im Lauf der letzten Jahre oder Jahrzehnte. Es gehörte immer zum Charakter des Magazins, Titelgeschichten zu machen über „müde Spermien“, den Hitler-Stalin-Pakt, das Leben in der Tiefsee oder den islamistischen Terror. Es war immer ein prägender Zug des „Spiegels“, thematisch breit aufgestellt zu sein.

Von der inhaltlichen Qualität scheint ja auch der Bundesnachrichtendienst überzeugt zu sein, sonst hätte er nicht, wie wir jetzt wissen, vornehmlich den „Spiegel“ ausspioniert. Es geht also nicht darum, das Magazin neu zu positionieren?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, daß die Gesellschafter alle sehr, sehr dagegen wären. Stefan Aust ist ein hervorragender Chefredakteur. Er hat es fertiggebracht, den „Spiegel“ von den Verlusten, die alle anderen in den letzten Jahren erlitten haben, weitgehend freizuhalten. Das ist eine große Leistung. Ein besserer Chefredakteur als Aust ist weit und breit nicht in Sicht, weder im Haus noch außerhalb.

Aber letztes Jahr, als es um die Vertragsverlängerung des Chefredakteurs ging - er hat jetzt eine etwas kürzere Laufzeit -, haben wir einen Machtkampf gesehen, besonders zwischen einigen in der Mitarbeiter KG und Aust.

Da mögen persönliche Fragen eine Rolle gespielt haben. Ich glaube nicht, daß man das inhaltlich rechtfertigen kann. Ich persönlich bin der Auffassung, daß man über die politische Ausrichtung des Blattes in der Tat sprechen kann. Und daß ich selber es manchmal gerne etwas mehr in die Richtung hätte, die man früher „links“ genannt hat, ist auch kein Geheimnis. Aber das ist eine komplett andere Frage. Qualitätsmängel hat der „Spiegel“ nicht. Der „Spiegel“ ist nach wie vor das deutsche Nachrichtenmagazin. Diese Debatte ist ein großer Irrweg gewesen.

Ist sie denn beendet?

Die Debatte ist beendet. Ja.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.



Text: F.A.Z., 16.05.2006, Nr. 113 / Seite 46
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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