Philip Seymour Hoffman

Helden im freien Fall

02. März 2006 Ich muß geben, geben, geben: Der Schauspieler Philip Seymour Hoffman über die Rolle seines Lebens, den Exzentriker Truman Capote und die künstlerische Ausbeutung von Lebensmaterial.

F.A.Z.: Sie spielen den Schriftsteller Truman Capote, von dem wir eine ziemlich genaue Vorstellung haben. Was ist für Sie der deutlichste Unterschied in der Darstellung einer realen Figur im Vergleich zu einer fiktiven?

Ich habe kein großes Talent dazu, Leute nachzuahmen, und Akzente zu lernen, ist furchtbar für mich. Es stand von Anfang an fest, daß es mir nicht gelingen würde, so zu klingen wie Capote oder mich zu bewegen wie er, ohne die innere Logik dieser Figur zu begreifen, ohne zu verstehen, was ihn antreibt. Ich mußte mich ihm sozusagen ergeben, und erst danach konnte ich mir seine Ticks angewöhnen und diese Stimme finden, mit der er spricht. Der Unterschied zum Spielen einer fiktiven Figur ist, daß es reale Richtlinien gibt und Grenzen, innerhalb derer man sich als Schauspieler bewegen muß. Man kann die Figur recherchieren und muß sie nicht erfinden.

Für eine fiktive Figur habe ich nur das Drehbuch, den Rest muß ich selber machen. Aber man kann nicht sagen, daß das eine leichter als das andere sei. Für „Capote“ ist die Art, wie Truman spricht, sich bewegt und wie er sich anderen gegenüber benimmt, ein ganz entscheidender Teil der Geschichte - ohne diese Art zu sprechen wäre es tatsächlich eine andere. Deshalb kann ich diese Stimme nicht einfach ignorieren, ich muß versuchen, ihm da ganz ähnlich zu sein. Das ist wie bei Ray Charles, er muß im Film auch blind sein, oder? Am Ende aber landet man am selben Ort - man muß spielen, und Sie müssen's glauben.

Mögen Sie ihn?

Oh ja, es gibt viele Gründe, ihn zu mögen. Wobei mögen ja eine relative Angelegenheit ist. Ich glaube, ich hätte ihn gemocht, doch. Es gibt aber gute Gründe, warum ihn viele Leute bis heute nicht ausstehen können, und es gibt eben auch Gründe, warum andere ihn anbeten. Und das bleibt auch so nach diesem Film. Viele Leute kommen aus dem Kino und denken, was für ein selbstsüchtiges A...loch Capote war.

Was er ja offenbar tatsächlich war.

Was er tatsächlich war. Aber er war noch alles mögliche andere, und das zeigt der Film eben auch. Seine Dämonen jagen ihn in alle Richtungen, und wenn der Film zu Ende ist, fängt sein richtiger Niedergang ja gerade erst an.

Ihr Porträt von Capote ist die spektakulärste Rolle Ihrer Laufbahn. Denken Sie manchmal, daß Capote Ihrer Karriere in ähnlicher Weise dient wie Perry der von Capote?

Na ja, immerhin ist Capote schon tot. Ich würde das Verhältnis vom Schauspieler und der realen Figur, die er darstellt, nicht ausbeuterisch nennen, wie es Truman Capotes Verhältnis zu Perry war. Man benutzt das Schicksal einer Person als Material, das ist schon richtig, das tut jeder Künstler in gewisser Weise. Aber Truman tat ja entschieden mehr. Er hat sich Perry genähert, nahm eine Beziehung zu ihm auf, hat sein Vertrauen gefunden, und das alles, weil er auf der Suche nach einer Story war, die den Journalismus verändern und ihn in einem Maße reich und berühmt machen würde, von der er nie geträumt hatte. Und um dahin zu kommen, wollte er letztlich, daß Perry endlich hingerichtet wird, damit er sein Buch zu Ende schreiben konnte. Das ist schon etwas anderes als die Ausbeutung von Lebens- oder auch Schicksalsmaterial, die jeder Künstler, jeder Schauspieler betreibt. Und all das hat seinen Preis, wie Trumans Geschichte zeigt.

Welchen Preis zahlen Sie?

Ich muß geben, geben, geben. Ich meine das nicht im altruistischen Sinn, sondern technisch. Man leert sich aus als Schauspieler. Irgendwie muß man sich wieder auffüllen, mit Leben am besten, selber leben.

Haben Sie noch Ihre Theatertruppe in New York?

Ja, da bin ich künstlerischer Direktor, Regisseur, Produzent, und das ist eine Arbeit, aus der ich schöpfe statt hineinzugeben. Das eine entleert, das andere füllt wieder auf, so geht das.

„Capote“ erzählt nicht die übliche Geschichte einer Popikone, die übers Schlimmste weg ist, wenn der Film endet.

Das ist es, was mich daran interessiert hat. Am Ende des Films steht Capote erst am Anfang seines Niedergangs, von da an wird es immer schlimmer. Ich glaube, das habe ich noch nie im Kino gesehen, daß wir den Helden, gebrochen oder nicht, verlassen, während er fällt.

Das Gespräch führte Verena Lueken.



Text: F.A.Z., 02.03.2006, Nr. 52 / Seite 39
Bildmaterial: AP

 
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