02. September 2007 Venedig. Das Wochenende der Filmfestspiele bedeutet High Noon und akute Blutauffrischung fürs alte Venedig. Die Präsenz von Weltstars der Unterhaltungsbranche zieht auch Politiker magisch an. Und die Hochkultur sowieso. Warum sonst gäbe es gleichzeitig mit der Leistungsschau der Lichtspielindustrie auch den prestigiösen Literaturpreis "Premio Campiello" im Teatro La Fenice? Und weil auch das Auge sein Futter braucht, findet am Sonntagnachmittag vor den Kameras des nationalen Fernsehens die "Regata Storica" statt. Bei dieser Trachtenruderschau, zugleich wichtigster Wettkampf der Gondolieri um Geld und Ansehen, kann sich dann Kulturminister Rutelli gemeinsam mit Woody Allen oder George Clooney aus einem Palazzofenster lehnen, können Schriftsteller und Verleger sich im Glanz wirklich berühmter Leute sonnen. Dass in Venedig am selben Wochenende auch noch die Gemäldeschau von Rosalba Carriera eröffnet, ein wichtiger Gelehrtenkongress eingeläutet wurde - das alles fällt beim gloriosen Eintrudeln von Jahrtausendgrößen wie Brad Pitt und Johnny Depp fast schon unters Kleingedruckte. Venezia - caput mundi. Wo lag gleich noch das Dörfchen Rom? Wo Hollywood am anderen Ende der Welt? Und Cannes - ist das Kaff überhaupt schon gegründet worden?
Wie schön, dass es angesichts solch lagunaren Größenwahns auch noch Filme gibt. Die redimensionieren das Festival und den Lido schnell wieder auf die korrekte Kleinstadtgröße. Nicht nur, dass vor allem die italienischen Beiträge bisher von langweilender Provinzialität waren. Festivalchef Marco Müller scheint sich obendrein beim Ablaufen seines Vertrages vorgenommen zu haben, das alteuropäische Genre des Kinos mit seinen eigenen Kräften hinzurichten. Am späten Freitagabend ist Eric Rohmer an der Reihe. Der hat von den sechziger bis in die achtziger Jahre frische, unspektakuläre Sozialdramolette hinbekommen, hat die Banalität der Gegenwart heiter und leichthin geschildert. Leben ist nun mal Laienspiel. Und nun? "Les amours d'Astrée et de Céladon" sind eine aberwitzig korrekte Wald- und Wiesenfassung eines französischen Pastoraldramas aus dem sechzehnten Jahrhundert. Für Rohmer bedeutet das: Elfen und Nymphchen in weißen Wallegewändern, ländliche Burschen in komischen Kitteln, die - Schafherden im Hintergrund, Bardenharfe in der Hand - brav die gestelzte Textvorlage rezitieren.
Das kann doch nicht wahr sein! Vom matten Publikum schläft bald die Hälfte, wer es schafft, flieht vor diesem peinlichen Sommerkurs einer Schauspielschulklasse nach draußen an den Lido. Eric Rohmer, der Film macht es einem schlagartig klar, wird bald neunzig Jahre alt. Den Führerschein muss man in diesem Alter meist abgeben, aber das Regiediplom leider nicht. Eine etwas teure David-Hamilton-Therapie, mit hübschen jungen Leuten in ihren gerne mal über der Brust verrutschten Togen eine Landpartie in die Auvergne zu unternehmen. Doch warum muss das die europäische Filmindustrie finanzieren? Warum sollen sich denkende Menschen so etwas anschauen?
Aber das Festival ist ja noch nicht vorbei. Nach den Premieren der beiden Nachwuchsregisseure Woody Allen und Claude Chabrol ist noch der bald hundertjährige Manoel de Oliveira mit seinem notorischen Beitrag - diesmal über Christoph Kolumbus - dran. Der hat bekanntlich die neue Welt entdeckt. Venedig ist der Nabel der alten. Und der Alten sowieso. Dirk Schümer
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007, Nr. 35 / Seite 26
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