Emmanuelle Béart

Ich brauche den Blick, der mich trägt

04. August 2004 Emmanuelle Béart war zuletzt bei André Téchiné in "Les Egarés" zu sehen, diese Woche spielt sie an der Seite von Fanny Ardant und Gérard Depardieu eine Prostituierte in Anne Fontaines "Nathalie", und Ende August startet bei uns Jacques Rivettes "Geschichte von Marie und Julien" mit ihr in der Hauptrolle.

Sie hat den Ruf, schwierig und launisch zu sein, präsentiert sich dann aber im Gespräch ziemlich reflektiert und aufgeschlossen. Aber natürlich hat sie auch in Wirklichkeit jenen Blick, dem man erst einmal standhalten muß, wenn man ihn nicht als Mitleid mit den Männern interpretieren will.

Sie haben drei Rollen in einem Jahr gespielt - war das Plan oder Zufall?

Es gibt im Leben immer wieder mal Züge, die man nicht verpassen darf. Eine Lehrerin, einen Geist und eine Prostituierte in einem Jahr zu spielen war natürlich nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Anstrengung. Aber das gibt es eben nur in der Schauspielerei, diese drei Leben in einem Jahr zu verkörpern. Dafür bin ich sehr dankbar.

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Betreiben Sie denn vor einer Rolle wie "Nathalie" noch Recherchen, oder verlassen Sie sich auf Ihre Imagination?

Vor den Recherchen stand ich vor einem ganz anderen Problem. Ich mußte erst mal alle falsche körperliche Scham ablegen, mußte dafür sorgen, daß mein Körper mir nicht im Weg steht, wenn ich nackt agiere. Ich wollte nicht mich oder andere bei den Dreharbeiten damit belasten, daß ich damit Probleme habe. Schließlich geht es um eine Frau, die ihren Körper als Werkzeug benutzt.

Ich habe also orientalischen Tanz gelernt, weil dort ein besonderes Verhältnis zum Körper und zur Erotik besteht, eine größere Selbstverständlichkeit im Umgang. Als das erledigt war, konnte ich mich mit dem Rest der Rolle befassen. Ich habe junge Frauen in Bars getroffen, aber nicht um den üblichen Stereotypen auf die Spur zu kommen, sondern wollte wissen, was sie sonst so machen, jenseits der Bars. Mich interessierte diese Schizophrenie zwischen ihrem Leben nachts und der Normalität am Tag, das emotionale Vakuum, das dabei entsteht. Wie man diese Leere mit Geschichten füllt, wie man verschüttete Phantasien weckt, darum geht es ja in "Nathalie".

War Ihnen die Nacktheit vor der Kamera nach "Die schöne Querulantin" nicht ein vertrauter Zustand?

Ganz im Gegenteil. Damals ging es ja genau darum, diese Scham spürbar zu machen. Die Herausforderung, was es heißt, sich einem Blick auszuliefern, sollte sichtbar werden.

Wieviel an solchen Szenen ist denn Improvisation?

Erst einmal gibt es immer den Text, der keine Freiheiten zuläßt. Aber zwischen dem Drehbuch und dem Spielen gibt es trotzdem immer immense Freiheiten. Es gibt den Körper, der sich dazwischenschiebt, und die Erinnerungen. Wie die Worte klingen, wie man sich bewegt, wie man blickt, das ist alles Teil der Improvisation. Für mich gilt: Je enger das Korsett, desto größer die Freiheit für Improvisation.

Die Freizügigkeit der Szenen bei der "Geschichte von Marie und Julien" ist für Rivette ziemlich ungewohnt . . .

Da besteht ein Unterschied zwischen der Art, wie Sie das gesehen haben, und der Art, wie wir das gemacht haben. Die Szenen sind zwar sehr körperlich, aber meine Idee war, daß zwar der Impuls sexueller Natur ist, die Begierden den Wesen aber die Möglichkeit geben, Sachen nicht nur körperlich auszudrücken, sondern auch in Worte zu fassen. Das ist für Rivette in der Tat überraschend. Er zeigt eigentlich nicht viel Fleisch. So gesehen, bin ich für ihn das Fleisch.

Zwölf Jahre sind zwischen der "Querulantin" und "Marie und Julien" vergangen. Hat sich da etwas verändert bei der Zusammenarbeit?

Es ist immer interessant zu sehen, wie man sich entwickelt, wie man gereift ist. Aber wie bei Téchiné habe ich mit Rivette nie den Kontakt verloren, wir haben immer gesehen, was der andere gemacht hat. Trotzdem gab es in den zwölf Jahren auch Angebote von ihm, die ich abgelehnt habe.

Gibt es denn Regisseure, die Sie sich noch erträumen?

Die gibt es schon, aber letztlich funktioniert das Kino so nicht. Es kommt vor, daß ich einen der Regisseure, von denen ich mir ein Angebot erträumt habe, dann auf einen Kaffee treffe und während des Gesprächs richtig zusehen kann, wie sich diese Träume in Nichts auflösen. Ich sehe ihren Blick, aber spüre nichts. Da passiert einfach nichts. Um so häufiger passiert es, wenn ich es gar nicht erwarte. Es geht eben darum zu wissen, ob der Blick eines Regisseurs mich trägt oder nicht. Begierde und Begehrtwerden sind immer eine Sache des Unerwarteten.

Hatten Sie nach "Mission Impossible" denn keine Lust mehr, in Hollywood zu spielen?

Natürlich gab es Angebote, aber keine interessanten Rollen. Außerdem ist meine Muttersprache Französisch, die Sprache meiner Erinnerungen und all der Sachen, auf die ich mich beim Spiel beziehe. Englisch ist eine Sache des Kopfes, eine eher spielerische Angelegenheit. Auch da gilt, daß ich einen Regisseur finden muß, der Lust hat, sich darauf einzulassen, damit das Englisch aus meinem Kopf in den Bauch absinkt.

Das Gespräch führte Michael Althen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2004, Nr. 180 / Seite 36
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, EFE

 
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