David Lean zum Hundertsten

Der Mann, der Illusionen unvergänglich machte

Von Verena Lueken

“Doktor Schiwago“ (1965) mit Julie Christie und Omar Sharif

"Doktor Schiwago" (1965) mit Julie Christie und Omar Sharif

23. März 2008 Nur ein Schauspieler hat die Welt des Films je als Fata Morgana betreten, nämlich Omar Sharif in „Lawrence of Arabia“. Wenn man alle Details vergessen hat, um die Lawrence in Arabien kämpft, wenn man zweifelt, ob Peter O'Toole während einer einsamen Modenschau in der Wüste tatsächlich im Spiegel seines Krummsäbels die Wirkung seiner neuen Beduinenkleider prüft, wenn man nicht mehr sicher ist, ob Anthony Quinn wirklich eine falsche Nase trägt, ob Peter O'Tooles britische Uniform in der Tat viel zu klein war und der Reporter, den Arthur Kennedy spielt, am Anfang tatsächlich sagt, neben dem großen Mann, Krieger und Poet sei Lawrence vor allem ein außergewöhnlicher Exhibitionist gewesen - wenn wir all dies nicht mehr so genau wissen, trauen wir unserer Erinnerung in einem unbedingt: Es war eine Luftspiegelung, in der Omar Sharif am Horizont hinter der Wüste auftauchte, und es dauerte und dauerte und dauerte, bis sich aus dem Flirren am Bildrand eine Staubwolke und aus dieser dann eine Figur schälte, die Lawrence Begleiter tot schoss, bevor wir sahen, wer sie war.

Nur ein Regisseur hat einem Schauspieler je einen solchen Auftritt verschafft, nämlich David Lean. Daraus lässt sich allerdings nicht schließen, er habe ein besonders interessiertes Verhältnis zu Schauspielern und ein besonders inniges zu jenen in seinen Filmen gehabt. Er war ein kühler Mann und mochte Schauspieler nur, wenn zwischen ihm und ihnen eine Kamera war. In Interviews hielt er seine gerundete Hand wie ein Objektiv vor ein Auge, wenn er von ihnen sprach. Anthony Quinn bemerkte eine maschinenartige Qualität in ihm, als sei eins seiner Augen ersetzt durch eine Kamera. Selbst auf Omar Sharif - der Lean seine internationale Karriere verdankte - wirkte er wie ein Falke, scharfäugig, unnahbar.

Missachtung der Darsteller

Lean selbst sagte trocken: „I like lenses.“ Er sagte nie: „I like actors.“ Und wenn man das Vorwort von Alec Guinness zu Gene D. Phillips Buch „Beyond the Epic. The Life & Films of David Lean“ liest, hat man den Eindruck eines Freundschaftsdiensts - für Phillip, nicht für Lean, denn von dem ist dort eigentlich gar nicht die Rede. Lean gab Guinness Rollen, die dieser meist erst nach reiflicher Überlegung annahm, er schnitt sie an Stellen, für die der Schauspieler kein Verständnis hatte, und er ließ ihn in achtunddreißig Grad Hitze in Madrid bei den Dreharbeiten zu „Dr. Zhivago“ im Pelzmantel schwitzen, bis er der Ohnmacht nahe war. Wie der andere große englische Regisseur, der in Hollywood eine zweite Karriere machte, Alfred Hitchcock, wurde Lean alles, was er war, trotz seiner geringen Achtung für die Darsteller, die für ihn auf Kamelen zu reiten lernten, im Dschungel lebten oder eben im Hochsommer Pelze trugen.

In seiner Jugend deutet nichts auf eine Kinolaufbahn hin. Sie beginnt in einer Quäkerfamilie, Nachwuchsbuchhalter ist der erste Job nach der Schule. Sein Vater hat ihn vermittelt, in vollkommener Unkenntnis der Leidenschaften, die Lean damals bereits pflegt, das Kino, das Radio. „Ich habe Zahlenreihen geprüft, die vor mir drei Leute schon geprüft hatten und nach mir von zwei weiteren geprüft wurden“ - so stellt sich dreißig Jahre später in der „Brücke am Kwai“ ein Offizier vor, und wahrscheinlich ist dieser Drehbuchsatz das Beste, was Lean aus seiner frühen Geschäftserfahrung machen konnte. Er soll sein Leben lang zum Zählen die Finger benutzt haben. Sein Vater ist es aber auch, der ihn an die Gaumont-British Studios vermittelt, wo Leans Filmkarriere 1927 endlich beginnt.

Alles, was man im Film werden kann

Ganz unten. Lean ist neunzehn und serviert Tee. Dann lernt er Schnitt, inszeniert ab 1938 hier und da eine Szene und 1944 zum ersten Mal allein einen Film, „The Happy Breed“ nach Noel Coward. Schon zwei Jahre später gewinnt er mit der Dickens-Verfilmung „Great Expectations“ seine ersten drei Oscars. Und wird dann mit nur sechzehn Filmen alles, was man im Film werden kann: geehrt mit je sieben Oscars für „Bridge on the River Kwai“ und „Lawrence of Arabia“, mit Auszeichnungen für sein Lebenswerk von der Director's Guild, dem British Film Institute, dem American Film Institute und dem Filmfestival in Cannes. Wird von der Queen zum Ritter geschlagen. Unter den hundert besten Filmen, die das American Film Institute 1998 nach hundert Jahren Kinogeschichte bestimmte, waren drei von ihm, und vor einigen Jahren wählten Regisseure und Kritiker in einer Umfrage des britischen Filmmagazins „Sight and Sound“ Lean unter die zehn besten Regisseure aller Zeiten und nannten „Lawrence“ einen der zehn besten Filme, die je gedreht wurden. Superlative müssen es schon sein, wenn von David Lean die Rede ist.

Vielleicht sollte man deshalb noch einmal einen Blick auf seine kleineren Filme werfen. Nicht, weil die großen nichts taugten (was allerdings auch einige behaupten, allen voran David Thomson in seinem „Biographical Dictionary of Film“), sondern weil man in ihnen deutlich erkennt, worauf es Lean ankam - und das war, den epischen Dimensionen seiner berühmtesten Filme zum Trotz, eben nicht die Überwältigung des Zuschauers. Vielmehr erzählte er in Bildern, die er oft assoziativ miteinander verband, und er erzählte vor allem von Menschen, die weit entfernt davon waren, unbefleckte Helden zu sein. Und von Suspense hielt er so wenig, dass er seine Filme oft mit dem Ende beginnen ließ.

Neue Form des Naturalismus

Nicht nur „Lawrence of Arabia“ beginnt mit dem Ende, das Lawrences Tod ist, auch „Brief Encounter“, einer von mehreren englischen Filmen, die Lean in den vierziger Jahren nach Vorlage und Drehbuch, manchmal auch unter Mitarbeit von Noel Coward drehte, fängt an, wenn die Affäre, um die es geht, schon vorbei ist. Ein Mann und eine Frau trafen sich an einem Bahnhof. Sie waren beide verheiratet, verliebten sich dennoch ineinander. Sie lachten ein wenig, sie litten sehr, sie trennten sich. Das ist alles, erzählt von der Stimme der Frau (Celia Johnson), unsentimental, intelligent. Es ist ein Schwarzweißfilm, die Räume, in denen er spielt, sind unauffällig, ohne Glamour, die Figuren alltäglicher, auch älter, als in Kinoromanzen üblich. Eine neue Form des Naturalismus setzte sich hier durch, geprägt durch den „Wochenschau“-Stil der Kriegsjahre.

Dieser Naturalismus zieht sich durch alle Filme Leans, die folgten - ein Naturalismus, der oft keinen Dialog braucht und mit der Wucht eines Gewitters überm Friedhof daherkommt wie am Anfang von „Great Expectations“ oder seine Poesie erst entfaltet, wenn das Material aneinandergefügt wird, ein herunterbrennendes Streichholz etwa an einen blutroten Himmel bei Sonnenaufgang in einer Schlüsselszene von „Lawrence of Arabia“. Martin Scorsese hat einmal gesagt, dass aus guten Schnittmeistern exzellente Regisseure werden. Wahrscheinlich dachte er dabei an David Lean, der es fertigbrachte, aus einer Illusion am Horizont eine Szene zu entwickeln, die niemand, der sie gesehen hat, je wieder vergisst.

Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite Z3
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext / Allstar / CINEGUILD, Cinetext Bildarchiv

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David Lean, 1908 - 1991“Reise nach Indien“ (1984) mit Alec GuinnessKulisse aus “Doktor Schiwago“ (1965)Anthony Quinn in “Lawrence von Arabien“ (1962)Julie Christie und Omar Sharif in “Doktor Schiwago“ (1965)Ivan Desny und Ann Todd in “Madeleine“ (1950)1957 mit seinem Regie-Oscar für “Die Brücke am Kwai“ “Lawrence von Arabien“ (1962) mit Peter O'Toole (l.) und Omar SharifFinlay Currie in “Geheimnisvolle Erbschaft“ (1946)Sarah Miles in “Ryans Tochter“ (1969)Alec Guinness in “Oliver Twist“ (1948)Katherine Hepburn in “Traum meines Lebens“ (1955)Lean mit Peter O'Toole (Mitte) und Omar Sharif während der Dreharbeiten zu “Lawrence von Arabien“ (1962)