Von Jordan Mejias, New York
09. Dezember 2005 Als Wunder kann es wohl nicht durchgehen. Aber das Fernsehen führt uns nun zumindest wundersam vor Augen, wie ein Mensch sich verwandelt, wenn er überraschend zum Papst gewählt wird.
Vorher sieht er wie der britische Schauspieler Cary Elwes aus, der mit einem sich allmählich grau einfärbenden Haarschopf noch seine athletische Grundkonstitution beibehält, nachher kommt er in Gestalt des amerikanischen Oscarpreisträgers Jon Voight daher, der sich zwar in seinen Jugendjahren asphaltcowboyhaft bewährte, jetzt aber, im fortgeschrittenen Alter von sechsundsechzig Jahren, den von der Rolle vorgeschriebenen Weg ins Greisentum würdevoll und mit stiller Grazie zurücklegt.
Jon Voight spielt rasant
Die Verwandlung ist um so eindrucksvoller, als sie von einer dreitägigen Pause unterstützt wird. Der amerikanische Fernsehsender CBS erzählt nämlich die Lebensgeschichte von Johannes Paul II. in zwei Teilen. Elwes bestreitet zwei Stunden am Sonntag abend, Voight ist am Mittwoch abend für den substantiell päpstlichen Abschnitt von Pope John Paul II verantwortlich. Wenn der Amerikaner auch aus der Nähe nicht mit dem Original zu verwechseln ist, so gibt er doch mit polnisch zurechtgemeißeltem Akzent mehr als eine Ahnung vom Charme und der stählernen Entschlußkraft dieses populärsten aller Päpste, der noch in seinem öffentlichen Tod weit über seine Kirche hinauswirkte. Die Gefahr, daß ein Star bloß einen Star verkörpern könnte, läßt Voight gar nicht erst aufkommen.
CBS betreibt Buchhaltungsbiographie. Die Hauptereignisse aus der Amtszeit von Johannes Paul II. rasen über den Bildschirm. Abgehakt werden Karol Wojtylas erste, hochemotionale Rückkehr als Papst nach Polen, seine Reisen nach Mexiko, in die Vereinigten Staaten und nach Israel, das Gebet mit seinem Attentäter, der Konflikt mit den kommunistischen Machthabern seines geliebten Vaterlands. Wie es der arg vereinfachende Seifenopernstil will, hat dieser Papst oft mehr Politik als Religion im Kopf. Um die Abtreibungsdebatte kurz zu streifen, wird eine Horde von demonstrierenden Frauen losgeschickt, die dem Papst ungehörig auf die Limousine klopfen. Aids dagegen findet nicht statt. Erbaulich sei der Fernsehabend.
Die Kunst des Maskenbildners
Im Vergleich zu Teil eins, der die Lehrjahre Wojtylas bedächtig nachzeichnet, schlägt der Voight-Papst und mit ihm der Film ein rasantes Tempo an. Überrundet wird er trotzdem noch von Thomas Kretschmann, der in einer Konkurrenzveranstaltung bei ABC das weiße Papstgewand anlegt. Er muß sich auch beeilen, denn für die gesamte Vita hat er nur zwei Stunden Zeit. Mit Ausnahme der Kindheitsjahre ist Kretschmann in Have No Fear: The Life of Pope John Paul II für alle Lebensstadien des Papstes zuständig. Er entledigt sich seiner Aufgabe virtuos, muß sich im körperlichen Verfall der letzten Jahre allerdings für die Nahaufnahme der deftigen Kunst des Maskenbildners anvertrauen. Selbst dann aber braucht der zweiundvierzig Jahre alte Schauspieler in Sachen Hollywood-Look keine Konkurrenz vom anderen Kanal zu fürchten.
Wenn sich doch um ihn und den von ihm getragenen Film ein Hauch von Ikonoklasmus, wenn nicht von Gegenpapsttum legt, so hat das nicht allein ästhetische Gründe. Die ABC-Version ist sowohl kürzer als auch weniger opulent ausgestattet. Während CBS im Vatikan filmen und dort sogar in der Sixtina die Kameras aufstellen durfte, mußte ABC für einige Szenen Rom gegen Vilnius eintauschen. Der Zugang zu den prachtvollen Originalschauplätzen hatte jedoch in doppelter Hinsicht seinen Preis. Ein ABC-Produzent wollte sich schon bei den Dreharbeiten nicht den Hinweise verkneifen: Wir machen keinen Opus-Dei-Film. Das machen die andern.
Harmonische Beziehungen mit dem Vatikan
In der Tat hat CBS nie geleugnet, mit der Produktionsfirma Lux Vide zusammenzuarbeiten, die von Mitgliedern der rege ummunkelten Organisation geleitet wird. Die überaus harmonischen Beziehungen zwischen CBS und dem Vatikan, der das Drehbuch überprüft und genehmigt hat, offenbarten sich bei der Weltpremiere des Films, die vor sechstausend geladenen Gästen, unter ihnen der gegenwärtige Papst, in Rom stattfand. Was Benedikt XVI. danach zu sagen hatte, wurde geschäftstüchtig als päpstlicher Segen umgedeutet: Beim Betrachten dieses Films habe ich wieder Gott dafür gedankt, daß er uns einen Papst gab, der so human und so spirituell war. Ich begrüße den Vertrieb dieses Films.
Nach solch einer Filmkritik kann CBS mit Recht behaupten, das autorisierte Biopic auszustrahlen. In Ton, Duktus und Doktrin gibt es zwischen den beiden Produktionen gleichwohl kaum Unterschiede. Beide Filme sind Hagiographien, und beide verlassen sich dramaturgisch auf den Flashback. ABC rollt das päpstliche Leben aus dem Gebet des Papstes an der Klagemauer auf, die er im Jahr 2000 besuchte, und CBS beginnt aufgeregt mit dem Attentat auf dem Petersplatz. Aus dem Delirium des schwerverletzten Papstes lösen sich die Bilder seines Lebens.
Opus Dei produziert mit
Auch wenn da der Krankenhausthriller nicht weit ist, bleibt ein Kern von biographischer Seriosität gewahrt. Die Vierstundenstrecke erlaubt es CBS, ausführlich den friedlichen Widerstand des jungen Wojtyla gegen die Nazis zu schildern, einen Kampf, der bruchlos übergeht in die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und schließlich der Gottlosigkeit des säkularisierten Westens. Wie das Gesetz der Miniserie es verlangt, überstrahlt das Allzumenschliche alles andere, soll gerade der Blick hinter die Kulissen die Lebensessenz enthüllen. Ein großer Papst, na klar, vor allem aber ein netter Mensch.
Steht bei ABC der frühe Tod der Mutter an einer Gabelung des Lebenswegs, richtet CBS alle Scheinwerfer auf das Gefecht gegen Nazis und Kommunisten. Ob beim Bootsausflug mit der Jugendgruppe, bei der Theaterprobe oder der Knochenarbeit im Steinbruch, überall deutet sich die geistige und geistliche Führung des bedächtigen, zugänglichen, freundlichen Mannes an. Und als eine krebskranke Frau aus seinem Freundeskreis, die freilich nicht als seine Freundin zu begreifen ist, gegen alle ärztlichen Prognosen Heilung findet, fällt auch das Wort, das bei einer künftigen Heiligsprechung nicht fehlen darf: Wunder.
Majestätische Bilder
ABC geht eine Spur distanzierter vor. Karol, von seinen Freunden Lolek genannt, darf sich zu einem Kuß auf weibliche Lippen hinreißen lassen, und auch sein Antikommunismus bewahrt ihn nicht vor der Gewissensnot, in die ihn seine Konfrontation mit der südamerikanischen Befreiungstheologie bringt. Bloß am allerfernsten Horizont wetterleuchten die amerikanischen Priesterskandale. Damit wäre das ansatzweise kritische Maß voll.
So können die Verehrer des Papstes mit beiden Versionen zufrieden sein und sich in ihren Überzeugungen von bald idyllischen, bald majestätischen Bildern und pathosschweren Dialogen bestärken lassen. Doch auch wer missionarische Nebenwirkungen fürchtet, muß nicht zur Fernbedienung greifen. Der emotionale Sog der Filme hält sich in Grenzen, und das mag die nicht eben überwältigenden Einschaltquoten erklären. Teile der Dritten Welt werden beim Anblick der Fernsehpäpste womöglich begeisterter reagieren. In Amerika jedenfalls hatte der Papst gegen die Desperate Housewives keine Chance.
Text: F.A.Z., 09.12.2005, Nr. 287 / Seite 38
Bildmaterial: AP
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