08. September 2005 Umschulen ist das eine, aber wenn man im Brotberuf Terrorist war, kann das nicht ohne Reibungen abgehen. Erst tarnen, täuschen, entführen, foltern, morden - und dann im Kreise der Familie ein beschauliches Leben führen? Soll es ja immer wieder gegeben haben.
Meistens aber unter der Prämisse, sich eben im vorgezogenen Ruhestand bedeckt zu halten, das sprichwörtliche Gras über die Geschichte wachsen zu lassen. Der berüchtigte PLO-Krieger Abu Daud hatte 1999 die Nase voll vom beschaulichen Lebensabend in Ramallah und hat damals deep-throat-mäßig mitgeteilt, daß er der Verantwortliche für den Anschlag der Gruppe Schwarzer September war - jener palästinensischen Terroristen, die aus den friedlichen Sommerspielen 1972 in München ein Massaker gemacht haben, das elf Israelis, fünf Palästinenser und einen deutschen Polizisten das Leben kostete. Zu bereuen gab es für Abu Daud nichts, Krieg gegen Israel sei Krieg, hat er damals gesagt.
Pervertierte Vorstellung
Genau diesen Kriegsausschnitt verfilmt derzeit Steven Spielberg unter dem Titel Munich, Ende des Jahres soll der Film in den Vereinigten Staaten anlaufen. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters gab sich Abu Daud nun angesäuert, daß der amerikanische Regisseur sich nicht bei ihm über den Verlauf der Ereignisse erkundigt habe. Eine seltsam pervertierte Vorstellung von Beratung. Aber damit ist er nicht allein, auch der derzeitige israelische Geheimdienstchef hat Spielberg kritisiert, weil er sich auf Quellen stütze, die der Mossad für untauglich halte.
Ausgerechnet Spielberg ist freilich die vollkommen falsche Adresse, hat er doch wie kein zweiter Regisseur bewiesen, daß er die Sphären des Faktischen und des Fiktionalen zu trennen weiß. Für Schindlers Liste hat er Zeitzeugen befragt, eine Stiftung und ein Dokumentationszentrum gegründet; für E.T. oder seine jurassischen Echsen war das schwer möglich. Es gibt in Amerika ein Gesetz, dem zufolge verurteilte Straftäter nicht von ihren Verbrechen profitieren dürfen, auch wenn es viele Möglichkeiten gibt, die Paragraphen zu umschiffen. Immerhin soll so verhindert werden, daß etwa inhaftierte Massenmörder beratend für einen Serienkiller-Film tätig werden.
Im Nahen Osten sieht die Sache anders aus: Es wird für die palästinensische Autonomiebehörde nicht leicht werden, ein kulturelles Milieu aufzubauen, das von Akteuren bestimmt wird, die noch nicht mit Terrorismus in Berührung gekommen sind. Der Ruheständler Abu Daud hat für seine vor sechs Jahren erschienenen Memoiren Von Jerusalem nach München prompt den Kulturpreis Mahmud Hamasri erhalten. Es mag für die dortige Mentalität ein normaler Vorgang sein, aber für abendländische Vorstellungen sind Abu Dauds Einlassungen schockierend, gerade weil er post festum den Terror als tragischen Irrtum bezeichnet hat. Einer, der im Dienst einer Ideologie gemordet hat, müßte wissen, daß seine schuldhafte Verstrickung nicht dadurch getilgt wird, indem sein Name als Berater im Abspann einer Hollywood-Produktion auftaucht.
Text: hhm / F.A.Z., 08.09.2005, Nr. 209 / Seite 33
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa
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