Filmfestpiele in Cannes

Wo das Unglück wohnt

Von Verena Lueken, Cannes

24. Mai 2007 Nach mehr als einer Woche in Cannes, in der fast ununterbrochen die Sonne schien, eine Brise wehte und eine größere Anzahl sehenswerter Filme zu sehen war als seit langem bei diesem oder irgendeinem anderen Festival, fällt es schwer, zu glauben, dass Europa irgendwo so aussieht wie Österreich und die Ukraine bei Ulrich Seidl in seinem Wettbewerbsfilm „Import Export“: Wohnsilos von unbeschreiblicher Hässlichkeit, in denen kein Wasser fließt und keine Seele Ruhe findet, und auch das Kinderkrankenhaus in der Ukraine, in dem der Film beginnt, und die Internet-Sexagentur, in der Olga (zum ersten Mal vor der Kamera: Ekateryna Rak) versucht, die wenigen deutschen Wörter zu lernen, mit denen die Kunden ihre Wünsche beschreiben, wirken unvergleichlich trostlos - bis wir in Wien dann dem Training einer Sicherheitstruppe zuschauen, die für Hoffnung ebenfalls keinerlei Anlass bietet, und auf eine Sterbestation dementer Alter kommen.

Ulrich Seidl folgt hier zwei Figuren: Olga, die aus der Ukraine nach Österreich geht, um Geld zu verdienen, sich durch mehrere Jobs hangelt, bis sie, die Krankenschwester, schließlich auf der Sterbestation putzen darf, und Pauli (Paul Hofmann) aus Österreich wiederum verliert seine Arbeit bei der Sicherheitsfirma und landet am Ende in der Ukraine. Die beiden treffen sich nie, der Regisseur begleitet sie zumeist mit sachlichem Interesse, manchmal aber auch mit ein wenig Sympathie.

Haben wir den Sieger schon gesehen?

Der Film gehörte fraglos zu den intensivsten Erfahrungen des Programms. Aber sein Einsatz realer Schauplätze, vor allem der Sterbestation mit realen Patienten, grenzt ans Morbide. Zwar gelingt es Seidl in zwei Szenen, aus den verschiedenen Stammeleien der Dementen einen Todeschor herauszufiltern, der ihnen eine große Würde verleiht und aussieht wie eine Kunstinstallation mit Särgen, aber wohl ist einem nicht bei der Vorstellung von Dreharbeiten an diesem Ort. „Import Export“ wird als einer der Favoriten um Preise hier gehandelt, nicht nur von den Österreichern.

Wird sich die Jury noch an „Zodiak“ erinnern, haben Filme wie „Import Export“ die Chancen des leichtgewichtigen Wong-Kar-Wai-Films „My Blueberry Nights“ möglicherweise verbessert, weil er so viel bessere Laune machte, wird der andere todtraurige Film, „4 Monate, 3 Tage, 2 Stunden“ des Rumänen Cristian Mungiu das Rennen machen oder doch noch einmal Tarantino, Gus van Sant oder die Coens? Oder haben wir den Sieger noch gar nicht gesehen?

Ein vollständig gezeichneter Film

Unter französischen Kollegen hieß es, ein großer Favorit sei „Persepolis“, die Adaption des gleichnamigen Comics von Marjane Satrapi, die mit Vincent Paronnaud auch den Film gemacht hat, den einzigen Animationsfilm im Wettbewerb. Iran mag ihn nicht; man hat sich beschwert. Der Film erzählt in fast immer schwarzweißen einfachen Bildern von dem kleinen Mädchen Marjane, das in Teheran aufwächst, in Österreich zur Schule geht, zwischendurch wieder zurückkommt nach Iran und dann endgültig ins Exil nach Paris geht. Die Geschichte beginnt mit der Vertreibung des Schahs, führt sich fort über die verratenen Hoffnungen der Revolution zum Krieg zwischen Iran und dem Irak und endet in der tyrannischen Herrschaft der Mullahs - alles gesehen durch die Augen der Heranwachsenden.

Es ist der Blick der Autorin, die in den immens erfolgreichen Comics ihre eigene Geschichte erzählt, clever, witzig, selbstironisch, sehr traurig manchmal. Statt digitale Animationstechniken zu verwenden, wurde der Film vollständig gezeichnet. Deshalb sieht er tatsächlich aus wie die Bücher Marjane Satrapis in Bewegung. Ästhetisch verbindet „Persepolis“ mit „Import Export“ rein gar nichts, sie kommen aus verschiedenen Galaxien des Filmemachens. Aber in beiden sieht man ein Leiden am eigenen Land und die Unmöglichkeit, da glücklich zu werden, wo man hingehört. Die Filme immerhin haben ihren Ort gefunden.



Text: F.A.Z., 25.05.2007, Nr. 120 / Seite 33
Bildmaterial: AP

 
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