Im Kino: „L'enfer“

Auf der Suche nach einem Film, den es nie gab

Von Michael Althen

Teil eines Farbexperiments: Romy Schneider

Teil eines Farbexperiments: Romy Schneider

03. Juli 2009 

Das Zustandekommen von Filmen, auch das von Meisterwerken, hängt oft an einem so seidenen Faden, dass man sich auch gut eine ganz andere Filmgeschichte vorstellen könnte. In ihr hätten all die Werke, die man kennt, nie das Licht der Leinwand erblickt, dafür aber wären all jene Projekte, die aus welchen Gründen auch immer gescheitert sind, auf wundersame Weise vollendet worden. Und so haarsträubend, wie sich die Entstehungsgeschichte mancher Filme liest, wäre es sogar denkbar, dass diese Verkehrung der Wirklichkeit kein schlechteres Ergebnis gebracht hätte. Auf diesen Gedanken kann man jedenfalls kommen, wenn man den sensationellen Dokumentarfilm „L'enfer de Henri-Georges Clouzot“ von Serge Bromberg und Ruxandra Medrea sieht, der in dieser Woche auf dem Münchner Filmfest gezeigt wird.

„L'enfer“ ist eines jener sagenumwobenen Projekte, aus denen nie ein Film wurde, von denen aber Gerüchte und Bilder kursierten, welche die Imagination befeuerten - eines zeigte die junge Romy Schneider in einem strahlend weißen Brautkleid vor nachtblauem Hintergrund mit einer Zellophanfolie um den Kopf. Der Film wurde nie fertiggestellt, weil sein Regisseur Henri-Georges Clouzot während der Dreharbeiten 1964 einen Herzinfarkt erlitt, den er zwar überlebte, dem aber sein Projekt zum Opfer fiel. Nachdem Bromberg gehört hatte, dass die Aufnahmen noch existieren, besuchte er die Witwe des 1977 gestorbenen Regisseurs, die er bekniete, den Schatz bergen zu dürfen. Sie aber wies ihn ab - bis sie ihn mit dem Fahrstuhl nach unten bringen wollte und die beiden zwischen dem zweiten und dem dritten Stock steckenblieben . . . Der seidene Faden, an dem solche Projekte hängen, bestand in diesem Fall aus einem Stahlseil.

Der Traum vom Film aller Filme

Schauspielerin Berenice Bejo und Regisseur Serge Bromberg bei der Präsentation von “L'Enfer d'Henri-Georges Clouzot“ in Cannes

Schauspielerin Berenice Bejo und Regisseur Serge Bromberg bei der Präsentation von "L'Enfer d'Henri-Georges Clouzot" in Cannes

Clouzot galt nach Filmen wie „Lohn der Angst“ und „Die Teuflischen“ als genialer Handwerker, und so hatte ihm die Columbia 1964 freie Hand für sein nächstes Projekt gegeben: „Inferno“, eine Geschichte aus der Hölle der Eifersucht, die Claude Chabrol dann übrigens dreißig Jahre später mit Emmanuelle Béart in der Hauptrolle verfilmte - was die Sehnsucht nach dem nicht existenten Original nur noch schürte. Mitte der Sechziger gehörte Clouzot nach Meinung der Nouvelle Vague bereits zum alten Eisen, was den Siebenundfünfzigjährigen natürlich wurmte. Nachdem er mit dem Malerei-Experiment „Picasso“ seine künstlerischen Ambitionen bereits unterstrichen hatte, wollte er aus „L'enfer“ den Film aller Filme machen, der formal alles in den Schatten stellte, was man bis dahin kannte. Und weil Geld keine Rolle spielte, bestellte er seine Stars Romy Schneider und Serge Reggiani ins Studio und machte mit ihnen Probeaufnahmen, bei denen er alle möglichen optischen Tricks, Licht- und Farbeffekte, Verzerrungen und Brechungen ausprobierte. Was in der Kunst damals Viktor Vasarely und die Op-Art war, wollte Clouzot auf den Film übertragen.

Produktiver Exzess

Der Perfektionswahn, mit dem Clouzot dann auch bei den Dreharbeiten sein Team entnervte, erinnert durchaus an Stanley Kubrick, der an der kleinen Ehebruchsgeschichte „Eyes Wide Shut“ ebenfalls jahrelang herumdrehte. Im Falle von „L'enfer“ führte das dazu, dass Serge Reggiani irgendwann das Handtuch schmiss und die Dreharbeiten verließ. Während Clouzot noch über einen neuen Hauptdarsteller nachdachte, ereilte ihn der Infarkt, der allem ein Ende setzte.

Fünfzehn Stunden Filmmaterial in 183 Filmbüchsen sind übriggeblieben. Bromberg und Medrea haben daraus ein faszinierendes Meisterwerk im Konjunktiv gemacht, haben Zeugen befragt, Szenen mit Jacques Gamblin und Bérénice Béjo nachgestellt und so Erzählung, Recherche und Making-of zu einer Art Meta-Film verbunden. Ob „L'enfer“ je das Meisterwerk geworden wäre, das Clouzot sich vorstellte, weiß man nicht. Aber was man sieht, kommt seinem Traum schon sehr nahe.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Filmfest München

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