13. Juni 2007 Marianne Faithfull ist keine Frühaufsteherin: Zu unserem morgendlichen Interview in einem Berliner Hotel erscheint sie eine halbe Stunde zu spät. Ihre dunkle, brüchige Reibeisenstimme rollt wunderbar warm, als würde sie jeden Satz singen. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein und gibt sich überraschend offen.
Frau Faithfull, Sie sind vor kurzem sechzig geworden. Wie haben Sie Ihren Geburtstag verbracht?
Gute Freunde haben mich in Paris zum Dinner ausgeführt. Es war ein sehr schöner Abend. Dabei wollte ich eigentlich gar nicht feiern.
Warum? Haben Sie Angst vor dem Altwerden?
Natürlich! Hat das nicht jeder? Ein junger Reporter fragte einmal die reife Bette Davis: Wie fühlt man sich, wenn man älter wird? Sie nahm einen Schluck Whisky, zog an ihrer Zigarette und antwortete mit verächtlichem Blick: Nun, es ist nichts für Weicheier!
Haben Sie wie viele Menschen auch das Gefühl, dass Sie mit zunehmendem Alter Ihren Eltern immer ähnlicher werden?
Ja, ich verwandle mich definitiv in meine Mutter: Ich genieße es immer mehr, einfach nur im Bett zu liegen und fernzusehen. Ich gehe auch nicht mehr so gern unter Leute, lebe sehr zurückgezogen, lese viel und denke nach. Ab und zu gehe ich spazieren, ins Museum oder ins Kino. Seit ich mit dem Alkohol und den Drogen aufgehört habe, kommt meine wahre Persönlichkeit heraus: das einfache, zurückhaltende, verletzliche Mädchen.
Lassen Sie wenigstens als Sängerin auf Ihrer neuen Tour noch das wilde Rock-'n'-Roll-Tier raus?
O nein. Meine neue Show ist sehr ruhig - ich habe nicht einmal einen Schlagzeuger. Und keiner meiner Musiker trinkt. Bei uns gibt es keine Popstar-Exzesse.
Das heißt, das Bild, das die meisten Menschen von Ihnen haben, ist . . .
. . . völliger Schwachsinn! Mein Image hat nichts mit mir zu tun. Wenn die Leute wüssten, wie langweilig ich bin! Als ich im vergangenen Jahr wegen meiner Brustkrebs-Operation gezwungen war, eine Auszeit zu nehmen, habe ich es sehr genossen, dass ich mich nicht ständig aufstylen, in High Heels quälen und Marianne Faithfull spielen musste.
Wie man Ihrer Autobiografie entnehmen kann, sind Sie schon vor vielen Jahren als Heroin-Junkie mehrmals dem Tod von der Schippe gesprungen. Durch Ihre Krebserkrankung wurden Sie nun erneut mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Hat das Ihre Lebenseinstellung verändert?
Auf jeden Fall. Zum Glück sind die Knoten in meiner Brust frühzeitig entdeckt worden, so dass ich die Krankheit besiegen konnte. Trotzdem hatte ich irrsinnig Angst, denn ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der eine Krebsdiagnose automatisch das Todesurteil bedeutete. Nun wurde mir schlagartig wieder bewusst, dass das Leben ein kostbares Geschenk ist - und dass ich gut auf mich Acht geben muss. Ich hatte zwar schon immer eine selbstzerstörerische Ader, doch meinen Todeswunsch habe ich längst überwunden. Für mich gibt es noch immer vier Dinge, für die es sich lohnt zu leben: Filme drehen, Platten aufnehmen, live auftreten und Liebe machen.
Warum, glauben Sie, hatten Sie damals den Wunsch zu sterben?
Weil ich mich selbst gehasst habe.
Und heute?
Heute akzeptiere ich mich. Sogar die Seiten an mir, die ich nicht mag.
Zum Beispiel?
Meine Ichbezogenheit. Ich war schon immer extrem selbstsüchtig. Meine Mutter hat mich fatalerweise zu einer kleinen Prinzessin verzogen. Dadurch haben es meine Mitmenschen nie leicht gehabt mit mir.
Sie haben einmal gesagt, Ihre Jugend sei die glücklichste Zeit Ihres Lebens gewesen.
Diese Jahre waren vollkommen unschuldig. Damals, mit fünfzehn, als ich auf eine Klosterschule ging und bei meiner Mutter lebte, war das Unanständigste, was ich wagte, Oscar Wilde und Baudelaire zu lesen. Meine engste Freundin Sally, die Schwester von Mike Oldfield, und ich hatten eine geniale Strategie entwickelt: Wir lasen einfach alle Bücher, die auf dem Index der katholischen Kirche standen - das beste Bildungsprogramm, das man sich denken konnte!
Werden Sie manchmal nostalgisch?
Nein, nie. Das ist auch nicht nötig, denn ich pflege regelmäßigen Kontakt mit Keith Richards, Charlie Watts, Bob Dylan, Roger Waters und all den anderen: Sie sind auch heute noch meine Freunde. Mick Jagger hat mich bei meinem Brustkrebs-Eingriff sogar im Krankenhaus angerufen. Ich lebe jetzt und hier - für Nostalgie ist da wirklich kein Platz.
Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Sie bereuen?
Na klar. Eine Menge. Ich wünschte, ich wäre eine bessere Mutter gewesen. Ich hätte auf jeden Fall netter zu meinen Eltern sein sollen. Aber am allermeisten bereue ich das Heroin. Wissen Sie, Mick Jagger und ich, wir haben uns sehr geliebt, aber auf die Dauer hat es nicht funktioniert - und als meine langjährige Beziehung mit ihm zerbrach, war ich am Boden zerstört. Daraufhin bin ich in den Drogensumpf abgerutscht: Zwei Jahre lang lebte ich in Soho auf der Straße und spritzte mir Unmengen von Heroin, bis ich mich in ärztliche Hände begab. Es hat mich Jahre gekostet, um von dem Zeug loszukommen, wertvolle Jahre, in denen ich nicht arbeiten konnte.
Dabei hatte Ihre Schauspiellaufbahn ziemlich vielversprechend begonnen: Sie spielten die Irina in Tschechows Drei Schwestern am Londoner Royal Court Theatre und an der Seite von Anthony Hopkins die Ophelia in Tony Richardsons Hamlet-Inszenierung.
Als ich siebzehn war, wollte mich Regisseur Anthony Page für John Osbornes neues Zweipersonenstück Richter in eigener Sache ans Royal Court Theatre holen. Für mich wäre es das Paradies gewesen, doch mein damaliger Manager Tony Calder sagte nein. Das hat mir das Herz gebrochen. Hätte man mich nicht kurz zuvor als Popsängerin entdeckt, zur Chartstürmerin gemacht und auf Tour geschickt, dann wäre ich auf die Schauspielschule gegangen. Das war stets mein Traum. Und Regisseure haben mir immer wieder bestätigt, dass ich sehr begabt sei. Stattdessen konnte ich neben meiner Popkarriere anfangs nur ein paar grauenhafte Filme drehen. Diese Leinwandauftritte haben nur ein Gutes: Sie beweisen, wie hinreißend ich als junges Mädchen aussah!
Aber Sie hätten lieber in ganz anderen Filmen gespielt?
O ja. Es ist mir im Lauf der Jahre immer wieder passiert, dass ich im Kino saß und dachte: Verdammt, das wäre eine Rolle für mich gewesen! Zum Beispiel bei Lars von Triers Dancer In the Dark: Ich meine, Catherine Deneuve ist eine tolle Schauspielerin - aber als Fabrikarbeiterin? Ich bitte Sie! Das hätte doch besser ich übernehmen sollen!
Immerhin durften Sie auf der Leinwand auch Tabus brechen: 1967 haben Sie in dem Film Was kommt danach ?? als erste Schauspielerin das Wort Fuck in den Mund genommen.
Na und? Kein Grund, stolz zu sein! Erstens habe ich für diese filmhistorische Leistung bloß lächerliche 200 Pfund bekommen. Zweitens war das einer jener typischen Fälle, in denen man meinen Körper und meinen Ruhm für irgendeinen Scheiß ausgebeutet hat, so wie Nackt unter Leder, dieser verlogene Harley-Davidson-Softporno, den ich mit Alain Delon gedreht habe. In den sechziger Jahren wurde von mir ausschließlich erwartet, mit den Stars ins Bett zu steigen. Na ja, wenigstens habe ich nicht mit Alain Delon gevögelt. Darauf bin ich stolz! Später, in den Siebzigern, habe ich den Film zufällig mal in Delhi gesehen, auf Hindi! Unter diesen aberwitzigen Umständen konnte ich mich sogar darüber amüsieren. Aber die Dreharbeiten waren die Hölle: Sie haben mir die Lust am Filmen für lange Zeit verdorben. Erst im Jahr 2000 hat Patrice Chéreau mit Intimacy diese Leidenschaft wieder neu geweckt.
Wie ist er denn auf Sie gekommen?
Ich habe ihn selbst angequatscht. Ich hatte gerade seinen Film Die Bartholomäusnacht gesehen und schwärmte in einem Pariser Restaurant jemandem davon vor. Und der Typ sagte: Du wirst es nicht glauben, aber da drüben sitzt der Regisseur. Ich ging zu ihm und fragte, ob ich in seinem neuen Film mitspielen könnte, und er hat ja gesagt.
Er hat Sie in Intimacy allerdings ohne Make-up und in unvorteilhafter Beleuchtung agieren lassen.
Anfangs war es auch schwer für mich, meine Eitelkeit zu überwinden. Als ich die Aufnahmen zum ersten Mal sah, wollte ich mich buchstäblich umbringen. Doch der Film sollte ja möglichst ehrlich und lebensnah sein. Natürlich will ich nicht mein restliches Leben lang Filme machen, in denen ich wie eine alte Schabracke aussehe. Aber Tatsache ist: Ich bin eine alte Schabracke. Und ich dachte: Schlimmer als diesmal kann es nicht werden.
Das war ein Irrtum: In Ihrem neuen Film Irina Palm laufen Sie in bemerkenswert scheußlichen Klamotten herum.
Aber es ist eine tolle Rolle. Und die Kleidung war für die Figur absolut essentiell - schließlich spiele ich eine einsame graue Vorstadt-Maus. Ich gebe zu: Lieber stecke ich in prachtvollen Kostümen wie als Maria Theresia bei meinem vorletzten Film Marie Antoinette. Doch ich war froh, mit Irina Palm beweisen zu dürfen, dass ich auch überzeugend eine Figur verkörpern kann, die völlig anders ist als ich.
Sie spielen eine Witwe, die in einer Rotlicht-Bar in Soho anheuert, um ihrem Enkel eine lebenswichtige Operation zu ermöglichen. Wären Sie auch zu einem solchen Opfer fähig?
Nein, ich glaube nicht. Ich bin keine Heilige. Meine Arbeit war mir immer wichtiger als meine Familie. Und meine Hauptaufgabe ist es, auf mich selbst aufzupassen. Zum Glück sind meine beiden Enkel gesund, und mein Sohn hat einen lukrativen Job als Herausgeber eines seriösen Finanzmagazins. Ich selbst verdiene gar nicht so viel. Bis jetzt habe ich es nie geschafft, etwas zu sparen.
Kannten Sie solche Sexclubs wie in Irina Palm aus der Zeit, als Sie in Soho auf der Straße lebten?
Nein. Ich habe nie meinen Körper verkauft und nie einen Sexclub betreten. Allerdings hatte ich während meiner Junkie-Phase mal zwei Freundinnen, die tatsächlich als Prostituierte gearbeitet haben. Sie haben mir erzählt, dass es kaum jemand in dem Job ohne Drogen aushält.
Sind die Menschen heute sexuell frustrierter oder befreiter als in den sechziger Jahren?
Sie glauben ja gar nicht, wie verklemmt die Leute damals in Wirklichkeit waren! Insofern hat sich durch die sexuelle Revolution doch ein bisschen was gebessert, zumindest für die Frauen. Manche Männer scheinen mir noch immer unsicher zu sein oder ihre sexuellen Wünsche zu unterdrücken.
Viele behaupten heutzutage, Sex sei Ihnen nicht so wichtig.
An Ihrer Stelle würde ich denen kein Wort glauben. Sex ist und bleibt eines der wichtigsten Mittel, sich zu verständigen: eine Art universelle Sprache, wie die Musik. Für mich ist Sex jedenfalls immer noch sehr wichtig.
Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Liebe und Sex?
Auf dem Gebiet bin ich keine Expertin. Das müssen Sie schon selbst untersuchen. Wenn Sie es herausgefunden haben, können Sie es mir ja verraten!
Das Gespräch führte Marco Schmidt
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.06.2007 Seite Z6
Bildmaterial: AP, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/GAL, Cinetext/Henschel Theater-Archiv, Cinetext/Mona Filz, Cinetext/Sammlung Beyl, Cinetext/Volker Döring, dpa
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