Das Programm von RTL

Große Pleiten, kleine Pleiten

Von Michael Hanfeld

Raus aus dem Container: Ruth Moschner

Raus aus dem Container: Ruth Moschner

30. Mai 2005 Das ZDF dreht von Mai an seine nächste Telenovela. Die Nachfolgeseifenoper von „Bianca - Wege zum Glück“ wird von einer gewissen Julia handeln und sie wird von der Produktionsfirma Grundy Ufa in Babelsberg inszeniert. Die Grundy Ufa erstellt seit dem vergangenen August die erste Telenovela im deutschen Fernsehen für das Zweite, für die nächste sollen die Studios sogar erweitert werden.

Der Laden brummt, die Telenovela scheint das Gebot der Stunde zu sein, dem Produzenten Christian Popp laufen sie die Bude ein. Genauso gut, wenn nicht besser als mit dem ZDF gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Sat.1 bei „Verliebt in Berlin“. Die Telenovela mit Alexandra Neldel ist zum Aushängeschild des Senders geworden, der im Augenblick all das richtig macht, was bei RTL schief läuft. Während andere Sender Telenovelas produzieren, schreibt RTL lieber selbst eine, in mittlerweile ziemlich vielen Folgen, mit offenem Ende: Statt „Verliebt in Berlin“ steht „Verlassen (von allen guten Geistern) in Köln“ auf dem Programm.

Ausgeflogen: Die “Wilden Engel“ setzen sich zur Ruhe

Ausgeflogen: Die "Wilden Engel" setzen sich zur Ruhe

Diesen Titel wird zumindest Ruth Moschner unterschreiben, die auf der großen Programmkonferenz von RTL im letzten Herbst am Hamburger Hafen noch als dralles Moderationswunder gehandelt wurde und nun gleich ihre beiden Jobs in der RTL-Familie los ist: bei „Big Brother“ (RTL 2) und bei den „Freitag Nacht News“, die fortan mit wechselnden Komoderatorinnen arbeiten wollen, die dem Hauptanchorwitzbold Henry Gründler Stichworte zuliefern.

Die Frauen haben ausgespielt

Doch ist das nicht alles, was es von RTL zum Tage zu melden gibt: Neben Ruth Moschner verlassen die Serien „Die Spielerfrauen“ und „Wilde Engel“ den Sender. Beide wurden - wie in der Branche mittlerweile üblich -, zur Probe auf vier Folgen angesetzt und sind jetzt - da die Marktanteile von rund dreizehn Prozent im Schnitt bei den vierzehn bis neunundvierzig Jahre alten Zuschauer als nicht ausreichend gelten - gestrichen worden. Das sei das normale Verfahren, sagt die zuständige RTL-Presseredakteurin Anke Eickmeyer, und meint, daß andere Sender sich einen Marktanteil wie diesen doch wohl wünschten.

Was im Fall von Kabel 1 oder RTL 2 sicher stimmt, bei RTL in besseren Tagen allerdings nicht mal als Witz, geschweige denn als Argument durchgegangen wäre. Wo eben noch ein selbstproduzierter Frauenunterhaltungsabend war, den man als Pendant zu den „Verzweifelten Hausfrauen“ bei Pro Sieben sehen könnte, muß im Sommer wieder „Columbo“ ran, um in der soundsovielten Wiederholung seine Fälle zu lösen. Im Herbst folgt mit „Die armen Millionäre“ eine neue Kurzserie, in der Sky Dumont und Andrea Sawatzki eine Sippe anführen, die plötzlich statt im Luxushotel im Plattenbau absteigen muß.

Die Komödie zu Hartz IV

Das klingt nach der passenden Komödie zu Hartz IV, doch mag man daran nicht so recht glauben, denn man kann sich kaum erinnern, wann RTL zuletzt eine Show oder eine Serie hatte - Fernsehfilme gibt es dort ja seit langem nicht mehr - die einem nicht irgendwie abgekupfert vorkam. Das war bei den „Spielerfrauen“ jetzt genauso wie zuvor bei der „Beauty Queen“, einem Vierteiler, den RTL der amerikanischen Schönheitschirugenserie „Nip/Tuck“ aus dem Fleisch schnitt und bis in Kostellationen, Handklungsabläufe und Dialoge hinein nachbildete: ein Programm wie plastische Chirurgie, dem die Kraft für eigene Schöpfungen fehlt und das dann nicht einmal in der Lage ist, die Kopie auf die Augenhöhe des Originals zu bringen.

Wenn es bei RTL läuft, muß es dem Mainstream entsprechen, das ist schon klar. Doch muß es deshalb immerfort aussehen, als käme es aus dem „Media-Markt“, muß es C-Prominente, die nicht schauspielern können, zu Darstellern machen und sich an den fleischlichen Fotoaufmachern der „Bild“ orientieren?

Nur Schmidt ist schlechter

Den “Spielerfrauen“ half auch Calmund nichts

Den "Spielerfrauen" half auch Calmund nichts

Muß es nicht, weil Zuschauer und Werbekunden das Flache auf dem Schirm inzwischen kennen und nicht mehr lieben. Um veranschaulicht zu bekommen, wie weit RTL hinterherhinkt - auch wenn die absoluten Quoten häufig noch stimmen - muß man sich nur einmal hintereinanderweg die „Schillerstraße“, „Genial daneben“ (bei Sat.1) und dann „Sieben Tage, Sieben Köpfe“ (RTL) ansehen. Da weiß man, was die Kölner derzeit nicht haben. Nur Harald-Schmidt-Schauen ist weniger unterhaltsam.

Und es mag schon stimmen, was der RTL-Sprecher Wolfram Kons sagt: daß der Moderationswechsel bei den „Freitagnacht News“ den Versuch darstellt, ein seit langem laufendes Programm aufzufrischen, eine wenig zu „beatmen“, um es spannender zu machen. Doch deutet dies wiederum auf das grundsätzliche Manko hin: RTL hat entweder sehr viel altes Programm, lauter frische Flops und offenbar auch verkannt, daß die Konjunktur für bestimmte „Eventprogramme“ a la „Deutschland sucht den Superstar“ passé ist. Die Daniel Küblböcks dieser Welt sind Quotenkiller geworden, wer seine Zuschauer verjagen will, der muß sich nur die entsprechenden „Promis“ ins Zelt holen, die außer ihre Prominenz zu behaupten nichts können. (Was in höchster Vollendung übrigens an Paris Hilton und zuletzt ihrem Auftrit bei „Wetten, daß ..?“ im ZDF zu besichtigen war.)

Innere Zerrissenheit

Läßt RTL alt aussehen: “Verliebt in Berlin“ von Sat.1

Läßt RTL alt aussehen: "Verliebt in Berlin" von Sat.1

Wie groß die Nervosität und innere Zerrissenheit bei dem einstigen Marktführer ist und welche Spuren sie hinter den Kulissen hinterläßt, das deutete sich zuletzt selbst an dem Tag an, als Sat.1 eine Erfolgsmeldung zu „Verliebt in Berlin“ abgesetzt und dabei darauf hingewiesen hatte, daß man marktanteilsgemäß „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ erstmals hinter sich gelassen habe. Keine fünf Stunden später konterte RTL mit dem historischen Rückblick, daß GZSZ seit fast dreizehn Jahren Marktführer sei. Aber eben nur seit - fast - dreizehn Jahren.

Dreizehn Jahre sind mehr als ein Tag, doch werden die Tage zunehmend länger, ohne daß die unterhaltenden Abteilungen von RTL auch nur irgendeinen Erfolg vorweisen könnten. Und so ist es auch kein Wunder, daß die Grundy Ufa, die mit den anderen Sender so gut kann, mit ihrem Altauftraggeber RTL zunehmend in Konflikt gerät. Dessen Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ darf auf keinen Fall ins Hintertreffen geraten, gehört es doch zu den letzten tragenden Säulen eines ansonsten erodierenden Programms. Das bekommen nach wie vor alle Produzenten zu spüren, selbst wenn sie wie die Grundy Ufa einen erheblichen Beitrag zum Programm leisten und obendrein auch noch ebenso zu Bertelsmann gehören wie RTL.

Die ersten Köpfe rollen

Feste Bank: Günther Jauch in seiner Millionärsshow

Feste Bank: Günther Jauch in seiner Millionärsshow

Inzwischen sind bei RTL nicht nur Programme gekippt, sondern auch ein paar Köpfe gerollt: Vor zwei Wochen sind die beiden langjährigen Bereichsleiter aus der Fiktionsabteilung, Annette Wirbatz und Peter Weckert, abgesetzt worden. Ihren Bereich übernimmt die Produzentin Barbara Thielen, die von der ebenfalls zur Ufa-Gruppe gehörenden Firma Teamworx von Nico Hofmann kommt. Bis Barbara Thielen im August bei RTL antritt, übernimmt der Programmdirektor Frank Berners selbst den Bereich. Das sieht ein bißchen nach Baueropfern aus, die den König schützen sollen.

Mit der Absetzung des Hundert-Tage-Geschäftsführers Marc Conrad ist die Aufgabe, die sich der alte und neue RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler gesetzt hat, nicht erfüllt, will er seiner designierten Nachfolgerin Anke Schäferkordt den Sender in geordnetem Zustand übergeben. „Demnächst offiziell“ werde Schäferkordt als RTL-Chefin vorgestellt, sagte Zeiler jetzt der „Kleinen Zeitung“ in Graz. In Österreich ist man für gewöhnlich vor allem daran interessiert, wann Zeiler zu seiner SPÖ in die Politik zurückkehre und den Kanzlerkandidaten mache. Was er schon so oft dementiert hat, daß man ihn - hierzulande - lieber nicht mehr fragt. Doch wie kommt RTL wieder hin, wo der Sender war? Mehr Politik und „Kanzlerduell“ inklusive Peter Kloeppel und Günter Jauchs Millionärsshow werden nicht reichen.

Text: F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite 40
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, RTL

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