02. Dezember 2003 Auf diesen Tag haben die Boulevardjournalisten gewartet: Heute beginnt der "Prozeß des Jahres". Armin M., bekannt als der "Kannibale von Rotenburg", muß sich vor dem Landgericht Kassel verantworten, und die Yellow Press giert nach den blutrünstigen Details. Seine Sicht der Dinge geschildert hat Armin M. aber schon vorher - in einem Interview, das "dem Leser das Blut in den Adern gefrieren läßt", wie "Bild" meint. Darin behauptet M., den in seinem Haus zu Tode gekommenen Ingenieur aus Berlin nicht ermordet, sondern ihm "Sterbehilfe geleistet" zu haben.
Geführt hat das Interview nicht ein Boulevardreporter, sondern das "Kasseler Sonntagsblatt", eine evangelische Wochenzeitung (Auflage 14 000), deren Chefredakteur, der Pfarrer Reinhard Heubner, Armin M. im Gefängnis besuchte. Warum begibt sich ein Kirchenmann in die grausigsten Gefilde des Boulevards? Aus christlicher Nächstenliebe, sagt Pfarrer Heubner, der, als wir ihn am Dienstag nachmittag per Handy erreichten, gerade auf dem Nürnberger Christkindlmarkt unterwegs ist, um eine Reportage zu schreiben.
Für eine Kirchenzeitung sei das Rotenburger Gespräch "sicher ein ungewöhnliches Thema, gerade in der Adventszeit", so Heubner. Er gehöre aber zu seinem Selbstverständnis, "auf die Menschen zuzugehen", gerade wenn es sich - wie bei Armin M. ganz offensichtlich - um einen "Sünder" handele. Er habe Armin M. "sichtbar machen" und die Frage beantworten wollen: "Was für ein Mensch verbirgt sich hinter der Tat?" Daß sein Interview als Schocker-Geschichte bei "Bild" auftauchen könnte, ohne die ihm wichtigen Aspekte von "Sünde" und "Vergebung", und auch für andere Medien eine Vorlage sein dürfte, das ist dem Pfarrer, wie er sagt, nicht klar gewesen. Dafür ist es ihm gelungen, seine Zeitung mit einem Schlag bekannt zu machen, auch wenn es auf die denkbar geschmackloseste Weise ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2003, Nr. 281 / Seite 37