Von Verena Lueken, Cannes
18. Mai 2006 Schlimmer hätte es nicht kommen können. Seit Monaten wurden wir auf die Verfilmung von Dan Browns Bestseller The Da Vinci Code neugierig gemacht, durch die Geheimniskrämerei des Studios in Spannung gehalten und von Bildern, etwa von Tom Hanks mit seltsamer Frisur in der Rolle des Symbologen Robert Langdon vor einer Tafel oder Audrey Tautou als Kryptologin Sophie Neveu vor der Pyramide des Louvre, auf ein Filmereignis eingestimmt, das seinesgleichen suchen sollte.
Der Protest der katholischen Kirche und ihre Boykottaufrufe, unterstützt von Evangelikalen und von Muslimen etwa in Indien, taten das Ihre, die Aufregung anzuheizen. Wenn die Lüge erkannt wird, auf der die Macht der katholischen Kirche beruht, wird die größte Krise seiner Geschichte den christlichen Glauben erschüttern. So ähnlich steht's im Buch, und so heißt es im Film. Doch nach sechzig Millionen verkauften Exemplaren ist die Lüge, vor der sich die Kirchen fürchten sollen, ja längst aufgeflogen, und nichts weiter ist geschehen. Wenn die Vorabempörten das Gelächter hätten ahnen können, das den Kinosaal erfüllte, als gegen Filmende der entscheidende Satz fiel - Du bist die letzte Nachfahrin Christi -, hätten sie geschwiegen.
Kein Beben vor Erwartung
Doch für das Filmfestival und auch für den Verleih war es natürlich ein Coup, den Da Vinci Code zur Eröffnung nach Cannes zu holen, zu einer Premiere vor internationalem Starpublikum und Fernsehkameras aus der ganzen Welt. Am Vorabend der offiziellen Eröffnung am Mittwoch aber, als sich die Presse von überall her versammelte, um die erste Vorführung zu sehen, bebt der Ort nicht in Erwartung. Im Festivalpalast stehen die Rolltreppen noch still, über denen sich einige Arbeiter damit abmühen, bunte Banner mit dem Bild der Mona Lisa aufzuhängen, die in allen möglichen Verkleidungen, mit Brille, Matrosenkäppi, Rose hinterm Ohr oder auch als Katze, vor immer neuen Tapeten auf die Gäste herablächelt.
Draußen stehen die Petunien in strahlender Blüte, und aus jedem Schaufenster, von jeder Wand, jedem Balkon, jedem Straßenrand weht uns irgend etwas Filmisches an, Stargesichter so hoch wie Häuser, Titel größer als Lastwagen. Ein flammender Blick aus blauhäutigem Gesicht trifft uns auf der Terrasse des Festivalpalastes, wir sind in Augenhöhe mit den X-Men. Im Kinosaal spielt leiser Jazz, und neben der Leinwand leuchtet ein kleiner Wald in Töpfen, die Blätter geheimnisvoll in Rot und Gelb beleuchtet. Das Kino scheint an diesem Abend wieder der Ort der Wunderwelten. Es ist, als gehöre ihm die Zukunft, und als käme es darauf an. Bis der Film beginnt.
Vom Blatt gespielt
Natürlich ist es eine besondere Herausforderung, eine Geschichte, die inzwischen jeder kennt, der die letzten Jahre nicht auf einer Marsexpedition verbracht hat, noch einmal so zu erzählen, daß man vergißt, wie sie ausgeht. Oder sich wenigstens auf dem Weg zum bekannten Ende für etwas anderes zu interessieren beginnt. Dem Regisseur Ron Howard aber ist überhaupt nichts eingefallen. Er spielt die Geschichte vom Blatt, er läßt die Figuren ununterbrochen reden, erklären, dozieren, laut denken, wie sie es im Buch tun. Zwischendurch jagt er sie durch touristisch wohlerschlossenes Gelände und sorgt dafür, daß kein Staubkorn an ihren Schuhen hängenbleibt, kein Windhauch ihr Haar zerzaust und niemals ihre Nase glänzt. Vierundzwanzig Stunden dauert diese Jagd nach dem Heiligen Gral im Buch, im Kino fühlt es sich ebenso lang an, obwohl nach zweieinhalb Schluß ist.
Gibt es nicht eine Hollywoodregel, die besagt, länger als zwei Stunden kann niemand stillsitzen? Am Geld lag's nicht. Keine Kosten wurden gescheut, um die Geschichte von der Familiengründung Jesu Christi auf die Leinwand zu bringen. Allein das Orchester und die Chöre, die der unvermeidliche Hans Zimmer außer seinen Computern beschäftigt haben muß, um jedes Bild mit Krawall zu illustrieren und für Tempo zu sorgen, wo eigentlich nichts geschieht, außer daß ein paar Autos auffahren, müssen immense Summen verschlungen haben, zu schweigen von den Schauplätzen, realen oder nachgebauten.
Jesus war nicht schwul
Mit Tom Hanks weiß Howard so wenig anzufangen, daß es auch ein preiswerterer Darsteller getan hätte. Audrey Tautou tut so, als spiele sie nicht mit. Nur Ian McKellen in der Rolle des mysteriösen Sir Leigh Teabing scheint Spaß zu haben. Bei der Pressekonferenz war er der einzige, der ein wenig Blasphemie wagte. Da die katholische Kirche Probleme mit der Homosexualität habe, meinte er, schicke der Da Vinci Code doch eine gute Nachricht um die Welt: Jesus war nicht schwul.
Der Film ist von solcher Frechheit frei. Mit allen anderen sorgt auch der Kameramann Salvatore Totino für Pomp, indem er die Kamera knicksen läßt und sich verbeugen, vor Kunstwerken, der Landschaft oder einer Hofeinfahrt. Immer wieder führt er sie am Boden entlang, bis sie ihr Ziel erreicht hat und den Blick hündisch aus dem Staub erhebt, ein Einfall, der vollends lächerlich wird, wenn das Ziel niemand anderes ist als der Portier einer Safevermietung. Daß Silas, der Albinomönch, den Paul Bettany dämonisch gibt, ohne daß wir uns vor ihm fürchten müßten, Selbstflagellation übt und sich blutig zurichtet, wird uns von oben, unten, hinten nahegebracht (nicht von vorn: Silas ist nackt), auf dieselbe Weise wie die diversen Sarkophage, Geheimgefäße oder Autoinnenräume. Rückblenden gibt's auch: in die Geschichte, die große wie die kleine, und immer in Blau.
Die Meßlatte liegt am Boden
Nach dieser Eröffnung liegt die Meßlatte für die Filme des Festivals noch am Boden. Alles, was jetzt kommt, sollte interessanter sein. Filme bekannter Cannes-Regisseure wechseln sich mit neuen Namen ab, ein nicht ganz taufrisches, aber bewährtes Festivalprinzip. Auffallend wenige asiatische Filme laufen in diesem Jahr, im Wettbewerb ist es ein einziger chinesischer Film, Lou Yes Sommerpalast, zwei weitere werden außer Konkurrenz gezeigt, nämlich Election 2 von Johnnie To und Guisi (Seide) des Taiwaners Chao-Pin Su. Offenbar waren in diesem Jahr die Filme aus der spanischsprachigen Welt überzeugender, sie dominieren das Programm neben den Filmen aus Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Allein im Wettbewerb um die Goldene Palme finden sich ein spanischer - Pedro Almodovars Volver -, zwei mexikanische - Babel von Alejandro Gonzales Inarritu und El laberinto del fauno (Pans Labyrinth) von Guillermo del Toro - sowie ein Beitrag aus Uruguay - Cronica de una fuga von Israel Adrian Caetano. Un certain regard zeigt Hamaca paraguaya von Paz Encina aus Paraguay, Salvador des Spaniers Manuel Huerga und El Violin von Francisco Vargas aus Mexiko. Nach der Asienwelle vieler vergangener Jahre wird das sowohl akustisch als auch visuell ein wenig vertrautes Erlebnis sein.
Das Schlimmste liegt hinter uns
Immer wieder in Cannes waren der Engländer Ken Loach, der in diesem Jahr The Wind That Shakes the Barley vorstellen wird, der Amerikaner Richard Linklater, der zwei Filme mitbringt, Fast Food Nation im Wettbewerb und A Scanner Darkly im Certain Regard, der Finne Aki Kaurismäki, der Laitakaupungin Valot (Lichter in der Dämmerung) zeigt und der Italiener Nanni Moretti mit seinem Berlusconi-Film Il caimano (Siehe auch: Nanni Morettis Berlusconi-Film). Die Amerikanerin Sofia Coppola bewirbt sich mit dem Historiendrama Marie-Antoinette um die Goldene Palme. Frankreich darf drei Filme in den Wettbewerb schicken (Bruno Dumonts Flandre, Nicole Garcias Selon Charly und Xavier Giannolis Quand j'etais chanteur) und stellt mit Transsylvania von Tony Gatlif auch den Abschlußfilm, außer Konkurrenz.
Deutsche Filme wurden, obwohl die französische Kritik das deutsche Kino seit einiger Zeit preist, nicht ins offizielle Programm eingeladen. Die Quinzaine des Realisateurs immerhin zeigt Stefan Krohmers Sommer '04 an der Schlei. Das Schlimmste, soviel läßt sich am ersten Tag in Cannes mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen, liegt hinter uns.
Text: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS