Von Thomas Jansen
15. Mai 2008 Es passiert immer wieder: Als bei der Berlinale zum Beispiel für die Sonderreihe Aufbruch der Filmemacher über den Filmverlag der Autoren Anfang der siebziger Jahre Filme gesucht wurden, stieß man schnell an die Grenzen des Filmgedächtnisses. Filme, die nicht einmal vierzig Jahre alt waren, bedeutsame Dokumente deutscher Kinogeschichte, wurden nicht gefunden und viele blieben auch unauffindbar.
Ein anderer Fall: Die deutsche Kinemathek in Berlin suchte vor kurzem nach dem Film East Side Story, einem Film über die Geschichte des Musicals und des Revuefilms im Sozialismus. Er lief vor elf Jahren in den Kinos hierzulande mit beachtlichen Erfolgen und öffentlichen Fördergeldern. Eine Kopie ließ sich noch auftreiben, das Negativ nicht - es blieb verschollen irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen Produktion, Verleih und Archiv. Vorfälle, die keine Ausnahmen sind.
Mehr als ein Drittel aller deutschen Spielfilme vermisst
Mehr als ein Drittel aller deutschen Spielfilme - die Fernsehproduktionen ausgenommen - gelten als vermisst. Nach einer Auflistung des Bundesarchivs hat der prozentuale Umfang der Überlieferung in den sieben deutschen Filmarchiven bis zum Jahr 1995 stetig abgenommen. Nur noch 47 Prozent der Spielfilme aus jenem Jahr sind vorhanden. Aus den fünfziger und sechziger Jahren sind es immerhin noch 90 Prozent. Nur aus der Zeit der beiden deutschen Diktaturen, die archivierten, weil sie kontrollierten, ist die Überlieferung nahezu vollständig. Von den Filmen, die vor 1920 in den Kinos zu sehen waren, sind gerade 10 Prozent noch auffindbar.
Auch wenn sich hin und wieder irgendwo noch eine verloren geglaubte cineastische Kostbarkeit wiederfindet, wie 1987 Fritz Langs frühes Werk Kämpfende Herzen in Brasilien - von Lücken im audiovisuellen Gedächtnis zu sprechen ist eine Untertreibung: Es droht Amnesie. Darauf wollen die Deutsche Kinemathek und ihre internationalen Partner, unter anderen das Centre national de la cinématographie, mit dem Projekt Lost films aufmerksam machen, einer Auflistung verschollener Filme im Internet, die sich gerade im Aufbau befindet. Die alten Lücken wird man kaum schließen, aber das Aufbrechen weiterer immerhin verhindern und ein Bewusstsein für die prekäre Situation schaffen können. Das ist die Hoffnung.
Pflichtexemplar für Bücher als Vorbild
Schon seit langem ist auch die Einführung einer Pflichtkopie für deutsche Filme, die in einem zentralen Archiv hinterlegt wird, im Gespräch. Das Vorbild ist das sogenannte Pflichtexemplar für Bücher, das der Deutsche Bundestag im Jahr 1969 beschlossen hat. Eine konservative Revolution. Ein Präzedenzfall. Die Sorge um das kulturelle Erbe der Nation hatte über föderales Besitzstandsdenken gesiegt.
Warum nun ist für Filme bislang nicht möglich, was für Bücher inzwischen selbstverständlich erscheint? Liegt es an der fortwährenden Geringschätzung bewegter Bilder in der Heimat Gutenbergs? An der fehlenden Verankerung hiesiger Filmkunst im kollektiven Gedächtnis der Nation? Dem leichtfertigen Urvertrauen in die Vorsehung der Überlieferungsgeschichte? Oder einfach an elf beziehungsweise sechzehn Innenministern, die sich nicht darauf einigen können, wo ein zentrales Filmarchiv angesiedelt werden soll?
An Vorschlägen, Empfehlungen und Initiativen für eine Ausdehnung der Pflichtabgabe auch auf Filme hat es jedenfalls nicht gefehlt. Erstmals kam im Jahr 1970 aus dem Bundestag die Anfrage, wie die Regierung zu einem zentralen Filmarchiv stehe. Seither kam das Thema immer wieder zur Sprache. Der Innenausschuss des Bundestages empfahl schließlich schon im Jahr 1992 die Einführung einer Pflichtkopie. Verwirklicht worden ist lediglich eine deutsche, föderale Lösung, kein zentrales Filmarchiv also, sondern ein deutscher Kinematheksverbund aus drei Institutionen: dem Bundesarchiv, der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin und dem Deutschen Institut für Filmkunde in Wiesbaden.
Politik will umfassendere Filmarchivierung
Das Bundesarchiv solle möglichst vollständig sammeln, lautete der Auftrag. Eine Pflichtabgabe oder ein zentrales Filmarchiv hatte der Förderalismus verhindert. Die Rechtfertigung der Pflichtabgabe für Bücher durch den Bund verweist allerdings noch auf einen weiteren Grund: Bücher seien Mittel und Gegenstand der Forschung, hieß es damals, um die Einführung eines Pflichtexemplars durch den Bund zu begründen. Inzwischen sind Filme seit wenigstens zwei Jahrzehnten unbestritten zwar nicht Mittel, aber doch Gegenstand der Forschung. Der Gesetzgeber mochte im Jahr 2006 indessen nur Musikfilmen diesen Status einräumen.
Einen großen Fortschritt bedeutete allerdings die Vereinbarung der Bundesländer im Jahr 2004, für alle Filme, die Fördergelder erhalten, die Abgabe einer Pflichtkopie einzuführen. Aber dies sind nach Angaben der Filmförderanstalt im Jahr 2006 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) nur fünfzig Prozent der deutschen Gesamtproduktion gewesen. Diesem Manko will nun Kulturstaatssekretär Bernd Neumann mit einem Gesetzentwurf, der eine Pflichtkopie für alle deutschen Filme vorsieht, Abhilfe schaffen. Im Bundestag wurde zudem unlängst ein interfraktioneller Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen eingebracht, der sich ebenfalls für eine Ausweitung der Archivierung ausspricht, ohne die Forderung nach einer erweiterten Pflichtabgabe ausdrücklich zu erheben.
Filmerbe bleibt in jedem Fall lückenhaft
Damit allein wäre es allerdings ohnehin nicht getan. Auf die Form der Archivierung kommt es an. Bremen erlaubt derzeit zum Beispiel auch die Abgabe einer DVD - für Filmarchivare ein Albtraum. Für sie wäre das Original die ideale Lösung. Das wiederum ist für die Produktionsfirmen inakzeptabel. Schon die Abgabe einer Kopie, die meist mehrere hundert Euro kostet, ist für sie ein teures Unterfangen. Davon abgesehen, würden von einer Pflichtabgabe nur die in Deutschland produzierten Filme erfasst, nicht aber das Gros der in deutschen Kinos gezeigten ausländischen Produktionen. Das Filmerbe der Nation bliebe so in jedem Fall lückenhaft und würde keineswegs dem audiovisuellen Gedächtnis der Kinobesucher entsprechen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, ddp
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