Von Lorenz Jäger
16. Februar 2005 Der junge Mann schreibt Gedichte und denkt an Dramen. Auch die politischen Zustände im geschlagenen Nachkriegsdeutschland beschäftigen ihn in seinem Tagebuch.
Im September 1920 notiert er: Im Rheinland saugen die Neger den Boden aus. Sie schwängern die Frauen in Kompagnie, gehen straflos aus, lachen über alle Proteste der Bevölkerung. Die Haltung der Bevölkerung ist in Deutschland vorbildlich: es gibt keine Meldung von Mord und Totschlag. Diese Leute, denen die Frauen kaputtgemacht werden, sind von Lynchjustiz himmelweit entfernt. Sie knirschen mit den Zähnen, aber dazu gehen sie auf den Abtritt, daß es niemand hört.
Nein, es ist nicht der Rheinländer Joseph Goebbels, der diese verzweifelt-zynischen Zeilen schreibt - es ist Bertolt Brecht. Wer wissen will, aus welchen Gründen jemand in den frühen zwanziger Jahren in die nationalistische Richtung tendieren konnte, der müßte mehr kennen als nur eine Seite und eine Stimme. Er müßte wissen, worauf der Nationalismus die Antwort war - wenn er denn überhaupt mehr hören will als die ewige Rede vom dumpfen Ressentiment und ähnliche Auskunftsmittel, die in Wahrheit nichts erklären.
Nur eine Stimme
Michael Kloft und Lutz Hachmeister hören nur eine Stimme, die der Goebbels-Tagebücher, in der deutschen Fassung gelesen von Udo Samel, in der englischen, mit einigen schönen Schärfen, von Kenneth Branagh. Immerhin gelingt es ihnen, den Facettenreichtum dieser Stimme plastisch zu machen. Goebbels notiert seine Verzweiflungen (im Februar 1933, als er sich bei der Regierungsbildung übergangen fühlt) wie seine Hochs (als er Magda Quandt erobert), seine Bewunderung (für Dostojewski, mit Abstrichen auch für Sergej Eisenstein) und seine Verachtung (am Ende vor allem für Göring).
An die Stelle der zweiten oder dritten Stimme, die eine Entscheidung plausibel oder verbrecherisch erscheinen lassen würde, treten hier die Bilder. Manchmal gibt es kleine ironische Montagen. Das Tagebuch notiert die Widrigkeiten, die der Propagandaminister von einer, wie er glaubt, hysterischen, undisziplinierten Leni Riefenstahl zu erdulden hatte, gleich darauf kommt die Wochenschauaufnahme, die Goebbels' salbungsvolle Rede bei der Verleihung des deutschen Filmpreises an die Regisseurin zeigt. Man erfährt vom internen Gezänk der Führungsriege; wechselnde Verbindungen mußte eingehen, wer nicht aus der Kerngruppe herausfallen wollte.
Ein fast unpolitisches Porträt
Der Film ist um Klassen besser als die einschlägigen Fernsehproduktionen und dennoch keine Ideallösung. Bei der Berliner Vorführung wurde ihm aus dem Publikum vorgehalten, er beziehe politisch nicht Stellung. Selbst wenn man die mitschwingende volkspädagogische Erwartung abzieht, bleibt an der Kritik etwas richtig: Ein fast unpolitisches Porträt entsteht hier.
Als Goebbels Ende 1933 zur Konferenz des Völkerbundes reist, aus dem Deutschland austreten wird, hat der emigrierte Fotograf Erich Salomon einige böse Blicke festgehalten, aber die Sache, um die es damals ging, durchschaut man kaum. Eine Szene gibt es, die durch ihren bildlichen Kommentar besticht und im Gedächtnis bleibt: Goebbels fordert 1941 die Deportation der verbliebenen Berliner Juden, er spricht von 78.000 Menschen. Dazu läuft Farbfilm aus dem gleichen Jahr, ein friedliches Berlin liegt im hellsten Sonnenlicht, man sieht Segler und Badende.
Ein Mann am Mikrophon
Es ist das Verdienst von Michael Kloft, die Dinge derart nahezurücken, auch in manchen unbekannten Wochenschauszenen. In den Reichstag sieht man einmal den Kanzler Brüning einziehen, es folgt der deutschnationale Hugenberg. Sie sind Honoratioren einer älteren politischen Welt, keiner von ihnen nutzt die Interviewmikrophone - nur Goebbels weiß, was die Stunde geschlagen hat, daß man nicht mehr nur die Kabinette, sondern die Massen erreichen muß, er stellt sich den wartenden Journalisten, verkündet, der Reichstag, gerade neugewählt, solle sich auflösen, und wird mit einem herzlichen Danke schön, Herr Doktor! von den Pressevertretern belohnt.
Reichhaltig sind die privaten Aufnahmen, und eines merkt man jedenfalls sehr deutlich: Corinna Harfouch, die im Untergang Magda Goebbels spielt, war eine hochinteressante Fehlbesetzung, vom Typus der Goebbels-Gattin ist sie weit entfernt. Der Film legt zuweilen ein scharfes Tempo vor, eben steht man noch vor Moskau, im Herbst 1941, und hört einen Goebbels, der bestreitet, daß man die russische Hauptstadt überhaupt je habe einnehmen wollen - und schon ist man im nächsten Stück im Februar 1943, bei der Sportpalastrede.
Schauerliche letzte Bilder
Je länger der Krieg dauerte, um so mehr ging Goebbels zu einer Propaganda über, die von schlechthin dummen, sofort durchschaubaren Rosa-Färbungen der Lage Abstand nahm. Da er als einer der wenigen NS-Führer Kontakt zur ausgebombten Bevölkerung hielt - andere, vor allem Hitler, scheuten den Anblick der Zerstörung - konnte er feststellen, wie die Hurra-Parolen angesichts der Wirklichkeit verpuffen oder gar Abscheu erzeugen mußten. In der Sportpalast-Rede suchte er eine Alternative und hatte Erfolg damit.
Die letzten Bilder sind schauerlich. Marschall Schukow läßt sich die verbrannten Körper des Ehepaars und die aufgebahrten Kinderleichen zeigen, und wie in einer Geste zynischer Ironie ragt der verkohlte linke Arm, den Goebbels so wirkungsvoll zu schütteln wußte, hoch heraus. Das sieht aus wie in einer finsteren Sage der Brüder Grimm.
Text: F.A.Z., 17.02.2005, Nr. 40 / Seite 44
Bildmaterial: AP
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