Medien

Unser RTL soll schöner werden

Von Stefan Niggemeier

Erfolg vergangener Tage: “Nikola“

Erfolg vergangener Tage: "Nikola"

10. August 2005 Eigenproduzierte Serien sind wichtig, sagt die neue Geschäftsführerin Anke Schäferkordt. Bei RTL sollen sie eine „breite Zielgruppe“ ansprechen und ein hohes „Identifikationspotential“ bieten. Schöne Sache.

Leider hat RTL in der nächsten Saison fast keine neuen eigenproduzierten Serien. Keine einzige neue Sitcom. Und nur zwei andere Serien: Eine mit Lisa Fitz als bayerisch grantelnder Gerichtsmedizinerin, aber das sind gerade mal vier Folgen. Und eine mit Mariele Millowitsch als „Familienanwältin“ mit reichlich privaten Problemen, das sind immerhin acht Folgen. Das ist das neue Angebot an eigenproduzierten Serien von RTL.

„Das Bestmögliche in jedem Genre“

Das ist nicht sehr viel, wenn man „Innovation“ einen von drei Kernbegriffen des Senders nennt (die anderen sind „Vielfalt“ und „Qualität“). Wenn man den Zuschauern nicht nur „Orientierung und Beständigkeit“ bieten, sondern auch „Trends setzen“ will. Und wenn man, wie Anke Schäferkordt, zwar betont, daß RTL trotz seiner zurückgegangenen Quoten in der Zielgruppe immer noch „mit deutlichem Abstand“ vor der Konkurrenz liegt, aber auf die alte Reiseflughöhe um siebzehn Prozent Marktanteil zurück will.

„Wir werden die Kreativität unserer Mitarbeiter auf klar definierte Ziele anwenden“, sagt Schäferkordt. Viel konkreter wird es nicht. „Wir wollen das Bestmögliche in jedem Genre bieten“, meint sie noch. Und betont, wie wichtig es ist, daß die Programme „Relevanz“ haben: „Wir müssen an den Themen dran sein, die die Leute bewegen.“

Nichts zum Thema Telenovela

Gestern stellte die RTL-Familie in Hamburg ihre Programme für die nächste Saison vor. Nach dem zu urteilen, was es zu sehen gab, wird es eine schwierige Zeit für den Sender, der in den vergangenen Jahren heftig in die Defensive geraten ist. Anscheinend muß es erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird. Der Stillstand der Entscheidungen schlägt jetzt richtig aufs Programm durch; Antworten auf die drängenden Fragen gibt es bislang kaum.

Vom Marktführer ist nichts zum Thema Telenovela zu hören. Abgesehen vom Event des nächsten Jahres, der zweiteiligen Verfilmung der Hamburger Sturmflut mit großem Staraufgebot, und der Fortschreibung bestehender Krimi- und Klamauk-Film-Reihen, war von Fernsehfilmen nicht die Rede.

Trend zu Realityshows

Der gesamte Comedybereich liegt brach; ob RTL es nach dem gefloppten „Frei Schnauze“ noch einmal versuchen wird, eine erfolgreiche Improvisationsshow als Antwort auf die „Schillerstraße“ von Sat.1 zu finden, ist unbekannt. Von „Nikola“ läuft bald die letzte Staffel, ob die „Camper“ fortgesetzt werden, ist noch nicht ganz sicher. Mit Müh' und Not wird der Sender, der die Sitcom in Deutschland etabliert und lange dominiert hat, seine zwei Sitcomtermine am Freitag bestücken.

Fortsetzen wird sich nach Meinung von Anke Schäferkordt der Trend zu Realityshows, auch in der Primetime, wobei RTL auf „eher positive, harmonische Formate“ setzen will. Das Team vom „Einsatz in vier Wänden“ darf auch in Zukunft häufiger am Abend ganze Häuser umgestalten. Unter anderen Voraussetzungen tun dies in „Haltet den Dieb“ auch Sicherheitsexperten bei Familien, die vorher fassungslos live zugucken durften, wie professionelle Diebe die Fenster einschlagen, ihr Haus ausräumen und den Wagen entführen.

Essmüller als rasende Reporterin

Am Vormittag begleitet RTL nach jungen Paaren, die heiraten, und jungen Paaren, die Eltern werden, demnächst auch noch junge Paare, die zum ersten Mal in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Bemerkenswert wirkt im Vergleich die für den Sonntagabend geplante Reihe „Bauer sucht Frau“, in der genau das passiert: mit vielen knorrigen Landwirten, die für sich und ihre freundlichen Tiere eine liebende Begleiterin suchen.

Die Rechte an einigen Sonntagsspielen der Fußball-WM will RTL, das sich in einem Logo stolz offiziell „lizenzierter“ Sender nennt, dazu nutzen, die Weltmeisterschaft „im ganzen Programm zu feiern“. Gleich eine ganze Reihe neue „Formate“ kündigte Chefredakteur Peter Kloeppel für die Wahlberichterstattung an: Zum Beispiel Ilka Essmüller als rasende Reporterin, die endlich einmal bei den Wählern klingelt und sie fragt, was sie wollen (Überraschung: Arbeit! Ausbildungsplätze!). Und Reportagen mit Kloeppel selbst, der Spitzenpolitiker einen Tag begleitet, um zu zeigen, wie sie auf die Menschen zugehen.

Den Wettbewerb wieder liebenlernen

Zu finden sind die Stippvisiten aber allesamt in den Nachrichten und Magazinen, „Sendungen“, wie Kloeppel treffend mißverständlich formulierte, „aus denen man noch etwas machen kann“. Gegenüber den letzten Wahlen hat RTL seine Berichterstattung zurückgefahren, es wird keine einzige zusätzliche Sendung geben - abgesehen natürlich vom Fernsehduell, das RTL „fast exklusiv übertragen wird“, wie Kloeppel scherzte.

Mit den Worten „Eine Show wird zum Phänomen“ kündigte RTL die dritte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ an, die im Oktober beginnt. Deutlich gestrafft und mit Änderungen am Konzept sollen die Zuschauer den Wettbewerb wieder liebenlernen. Das zugehörige Magazin wird allerdings nicht mehr wie bisher auf dem kleinen Schwestersender Vox laufen, sondern auf dem noch kleineren Schwestersender Super-RTL, was vermutlich auch etwas über Art und Größe des „Phänomens“ aussagt, zu dem die Show wird.

Neuer Slogan: „Mein RTL“

Frank Hoffmann, der von Anke Schäferkordt den Posten als Geschäftsführer von Vox übernommen hat, konnte sein Programm mit den schönen Worten einführen: „Unser größtes Kapital sind nicht Programme wie ,C.S.I.', sondern die Mitarbeiter, die diese Programme entdecken und an sie glauben.“ Alles eine Frage der Ausdauer: Die Serie, von der dieser Tage sogar Wiederholungen die viel größere Konkurrenz abhängen, startete vor Jahren mit mäßigen Quoten. Außer dem New Yorker Ableger „C.S.I. NY“, der Ende des Monats beginnt, bringt Vox noch David E. Kelleys Anwaltsserie „Boston Legal“ mit William Shatner und James Spader in die Prime Time.

Seine eigene Variante der Nostalgieshows hat Super-RTL gefunden: Aleksandra Bechtel buchstabiert nach dem „großen Abc der Schlümpfe“ auch mit Donald Duck und Barbie das Alphabet. Ins Hauptabendprogramm rutscht die billigste Talkshow-Recyclingshow „Voll daneben“, hinzu kommt „Upps! Die Pannenshow“, die den sicherlich irreführenden Untertitel „Die lustigsten Homevideos aller Zeiten“ trägt.

Halt, doch etwas Neues vom Marktführer an diesem Tag: RTL bekommt einen neuen Slogan. Er heißt: „Mein RTL“. Das ist doch was.

„Egal, wo ich hinkomme, wird mit mir immer nur noch in Quizform kommuniziert. So heißt es im Supermarkt an der Wursttheke: Darf es heute A: Salami, B: Leberwurst, C: Serranoschinken oder D: Cervelatwurst sein. Ich flüchte dann an die Käsetheke und nehme den abgepackten Edamer“: Günther Jauch in „TV Movie“

Text: F.A.Z., 11.08.2005, Nr. 185 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance / obs

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