03. September 2007 Claude Chabrol und Woody Allen - zwei hocherprobte Regisseure, und jeder begeht einen Mord. Mit dieser reizvollen Konstellation konnte das Filmfestival am Lido in der Nacht des Samstags aufwarten. Während draußen das jugendliche Publikum den Strand in eine Flaniermeile verwandelte, erzählte die leise Lightshow drinnen von sehr existentiellen Themen, vom Nachleben des Nachtlebens sozusagen: Freundschaft und Eifersucht, Gier und Ehrgeiz, Sex und Hörigkeit.
La fille coupée en deux zeigt die reizende, sehr französisch kokette Hauptdarstellerin Ludivine Sagnier buchstäblich entzweigerissen zwischen dem alten, zynischen Großschriftsteller (François Berléand), den sie über alles liebt und der sie schnöde sitzenlässt, und dem verstörten, jungen Millionenerben (großartig: Benoît Magimel), der sie als Dandy vergöttert, dem sie aber höchstens rührende Zuneigung entgegenbringt. Solche vertrackten Liebeskonstellationen buchstabiert man in Frankreich seit den höfischen Romanen des Barock immer wieder gerne. Chabrol nimmt dergleichen hormonelle Verwicklungen wie stets als Anlass, genüsslich die bürgerlichen Milieus zu zerlegen. Wahrscheinlich wurde der ganze Film überhaupt nur erdacht, um den tolerant verehelichten und überzüchteten Romancier hinzurichten, der sein höriges Nymphchen nicht nur zu dominanten Schäferstündchen in die Schreiberklause bestellt, sondern auch seinen gesamten Altherrenkreis daran teilhaben lässt.
Puritanische Ethik
Dass so ein Lüstling die gerechte Strafe bekommt, gehört zu Chabrols letztlich puritanischer Ethik. Exakt, aber irgendwie vorhersehbar zeichnet er zwischen Lyoneser Esstempeln und Rosengärten das Bild von gefühlskranken Schwerreichen, die sich angesichts von korrupten Priestern, Wohltätigkeit und Langeweile längst zu sozialen Untoten entwickelt haben. Eine verzeihliche Sentimentalität, dass die romantische Heldin - ähnlich de Sades unglücklicher Justine - inmitten dieser Schießbudenfiguren des ermatteten Kultur- und Wirtschaftszirkus als Einzige Gefühle zeigen darf. Dennoch: Dass ein kluges, schönes, ehrgeiziges Mädchen seine fatale Lebensleidenschaft ausgerechnet im schlaffen Perversling um die Sechzig findet - für eine solche Idealkonstellation reichen weder Vaterkomplex noch ein Hang zum Masochismus aus, da braucht es schon die Altmännerphantasie eines Regisseurs, Jahrgang 1930.
Während der Glückspilz Chabrol dergestalt seine Leidenschaft auslebt, zeichnet sich Woody Allens europäische Phase durch eine gewisse Fixation auf das Beseitigen von unschuldigen Mitmenschen aus. In dieser Hinsicht ist Cassandra's Dream nichts anderes als eine plattere Variation der britischen Sozialstudie Matchpoint. Dort erledigt ein skrupelloser Aufsteiger seine lästige Geliebte, hier müssen zwei geldklamme Proletenbrüder einen ahnungslosen Geschäftsfeind ihres neureichen Onkels über die Klinge springen lassen.
Protestantische Pedanterie
Seine Milieustudien der Londoner Gesellschaft, in der sich alles um Geld und Status dreht, haben Allen leider die New Yorker Ironie, den Blick fürs Absurde und Komische ausgetrieben. Protestantische Pedanterie ersetzt jüdischen Witz. Und das tut weh. Der Film ist nach einem allzu teuren Segelboot benannt, dessen Finanzierung alle auf die falsche Bahn bringt. Statt Schulden haben die Täter schließlich eine Schuld zu schultern, deren Last sie erdrückt. Nicht anders als beim von Kassandra vorhergewussten Trojanischen Krieg ist das Ende leicht vorhersehbar; die Dramaturgie des Mordes und der Sühne sind als schiefe Ebene angelegt, auf der das gesamte Personal in den Abgrund rutscht. Wo aber liegt der Kick? Gelungen wäre der Film, würde er in kleinen Schritten vorführen, wie kleiner Manipulationen es bedarf, aus einem netten Jungen einen Killer und aus einem Killer einen Erfolgsmenschen zu machen. Hitchcock oder die Brüder Coen hätten das Drehbuch in diese Richtung entwickelt.
Hier aber ist alles furchtbar simpel: Zuerst knickt nach dem Mord einer der beiden Brüder vor Albträumen ein, dann gerät auf dem fatalen Segelboot alles außer Kontrolle. Dass Allen Teile der Handlung ins Schauspielermilieu verlagert, in dem kultivierte Lords und sexy Actricen bei der Gartenparty über altgriechische Tragödien plaudern, während sich im Leben der anwesenden Proleten mit Erinnyen und Brudermord genau eine solche abspielt, sind fast schon die subtilsten Verweise dieser altbackenen Moralstudie. Ob Allen hier eine ungelenke Hommage an sein Idol Ingmar Bergman loswerden wollte? Dann sollte er beim nächsten Mord besser Claude Chabrol kopieren.
Text: F.A.Z., 03.09.2007, Nr. 204 / Seite 36
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv