„Das Parfum“

Bitte keinen Vorschuß!

Von Felicitas von Lovenberg, Zürich

12. September 2006 Die Geschichte des größten deutschen Bucherfolgs der Nachkriegszeit beginnt mit einer Geste der Bescheidenheit. Als der Diogenes-Verleger Daniel Keel das Drama „Der Kontrabaß“ liest, ist er davon so angetan, daß er das Ein-Mann-Stück von Patrick Süskind sogleich als Buch herausbringen will. Als man dem jungen, noch unbekannten Münchner Schriftsteller aus Zürich einen Vorschuß anbietet, winkt dieser jedoch ab: „Einen Vorschuß will ich nicht. Ich mag schon das Wort ,Vorschuß' nicht. Vorschüsse sind Zahlungen für erst zu erbringende Leistungen. Ich erbringe aber keine Leistung. Auch für Auftragsarbeiten könnte man zur Not Vorschüsse nehmen, die dann freundlicherweise 1. Rate oder Anzahlung oder à conto heißen. Man kann auch Vorschuß nehmen, wenn man Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Verlegers hat oder seinen Konkurs vorausahnt. Oder dann, wenn man das Geld einfach dringend braucht. Gott sei Dank ist das alles bei unserem Projekt nicht der Fall, und deshalb möchte ich bitte keinen Vorschuß!“

Auch Daniel Keels Vermutung, der begabte Autor habe ja vielleicht noch andere Dinge in der Schublade liegen, quittiert Süskind mit Zurückhaltung und Lakonik: „Zwar sind da einige Texte - übrigens nicht in der Schublade, sondern aufrecht stehend in Ordnern in einem Regal! -, aber wenn sie nicht veröffentlicht sind, so könnte das womöglich auch mit ihrer Qualität zusammenhängen.“

Sehr gut zum Verschenken geeignet

„Der Kontrabaß“ erscheint im März 1984; im Mai schreibt der Autor seinem Verleger einen äußerst höflichen, ordentlich mit der Schreibmaschine getippten Brief und bedankt sich: „Ich finde das Büchlein sehr schön, sehr vornehm und sehr gut zum Verschenken geeignet. Hoffentlich finden das andere Leute auch.“ Fast beiläufig erwähnt er, daß er soeben die Arbeit an einem Manuskript abgeschlossen hat: „Es ist die Geschichte eines Parfumeurs, heißt ,Das Parfum', spielt im Frankreich des mittleren 18. Jahrhunderts und hat 280 Seiten.“ Anstatt zu beichten, daß das besagte Manuskript zuvor bereits von zahlreichen namhaften Verlagen abgelehnt worden ist, fährt Süskind leichthin fort: „Ob es ein Roman ist, weiß ich nicht, es ist wohl eher eine Geschichte, aber das Etikett spielt ja auch keine Rolle. Es ist ziemlich spannend, ziemlich unheimlich und ziemlich eklig. Falls Sie es trotzdem lesen wollen, falls Sie überhaupt Zeit haben, eine so lange Geschichte zu lesen, geben Sie mir Bescheid oder lassen Sie mir von einer Ihrer zahlreichen Damen Bescheid geben.“

Wer dann letztlich Süskind Bescheid gegeben hat, ist nicht überliefert; das Manuskript muß seinen Weg jedenfalls nach Zürich gefunden haben, denn die Diogenes-Verlagschronik notiert statt dessen eine Erinnerung von Keels Kompagnon Rudolf C. Bettschart: „Daniel Keel hat es gelesen, kam am nächsten Morgen in mein Büro, haute mir das Manuskript auf den Kopf mit den Worten: ,Ruedi, jetzt haben wir einen Welt-Bestseller.'“ Süskind derweil denkt an eine Erstauflage von handelsüblichen fünftausend Exemplaren.

Erstauflage fünfzigtausend

Nach dem von begeisterten Leserreaktionen begleiteten Vorabdruck des Romans in dieser Zeitung in den zuversichtlichen Erwartungen bestärkt, entschließt man sich bei Diogenes zu einer ersten Auflage von fünfzigtausend Bänden. „Das Parfum“ erscheint ohne Gattungsbezeichnung und mit dem Untertitel „Die Geschichte eines Mörders“ im Februar 1985; man hat das Erscheinen aufgrund der regen Nachfrage sogar noch um einen Monat vorgezogen. Von da an laufen die Druckmaschinen ohne Unterlaß. Nach nur zwei Monaten sind bereits 115.000 Exemplare verkauft; in Zürich treffen Anfragen zu Übersetzungsrechten aus der ganzen Welt ein. Die Rezensenten sind fast ausnahmslos begeistert, ebenso wie die Buchhändler und die Leser. Nur der Autor schweigt, gibt keine Interviews, gewährt keine Einblicke in seine Arbeit oder gar sein Privatleben. Und weil ein derartiges Verhalten in einer Welt, die das Rampenlicht der stillen Andacht allemal vorzieht, nicht vorgesehen ist, legte man dem Schriftsteller diese Zurückhaltung als Kalkül aus. Bis heute wollen viele nicht begreifen, daß Patrick Süskind, wenn er sein Schweigen je brechen sollte, nicht sich selbst, sondern allein dem Publikum einen Gefallen täte.

Während die wachsende Leserschaft hinnehmen mußte, daß sich der Autor umfassend entzog, flüchtig war wie der Duft, den sein Held Grenouille zu konservieren sucht, schoß das Buch die Bestsellerlisten nicht nur in Deutschland hinauf. Zu den besonderen Kunstgriffen des Verlegers Keel gehört das Titelblatt des „Parfums“. Nachdem er ursprünglich eine karikaturistische Grandville-Zeichnung als Illustration in Erwägung gezogen hatte, entdeckte Keel im Pariser Grand Palais das Gemälde „Jupiter und Antiope“ von Antoine Watteau. Das nackte Mädchen, das dort süß zu träumen scheint, während ihr der - für den Leser unsichtbar bleibende - Satyr auflauert, ist bei einer mittlerweile verkauften Gesamtauflage von fünfzehn Millionen Exemplaren in sechsundvierzig Sprachen, darunter sogar das Lateinische, zum Sinnbild des Romans geworden. Außer in den Vereinigten Staaten, wo man bei der Taschenbuchlizenz wegen des sogenannten „no nipple law“ auf die Abbildung, auf der eine Brustwarze der Schlafenden zu erkennen ist, verzichten mußte, hat der Verlag klug verfügt, daß die Titelillustration auch bei fremden Ausgaben verwendet wird, man den Roman also auch in Übersetzungen sofort wiedererkennt - ein Marketingkniff, der inzwischen gern bei internationalen Bestsellern angewandt wird, aber vor gut zwanzig Jahren noch nicht üblich war.

Komplizen eines Ungeheuers

Was aber machte das Buch so sagenhaft erfolgreich, was verlieh ihm jenen universellen Reiz? War es die stets beliebte Mischung zwischen historischem Roman und Kriminalgeschichte, eingebettet in ein Stück Sitten- und Kulturgeschichte, die, freilich auf andere Weise, auch Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ seit bald einem Jahr beflügelt? War es die geradlinige Erzählweise, unangestrengt elegant und anschaulich, aber nicht schwierig? Oder war es die Figur des Jean-Baptiste Grenouille, der auf seiner triebhaften Jagd nach dem Duft der Düfte skrupellos die schönsten Frauen umbringt - ein Ungeheuer, das den Leser dennoch zum Komplizen macht, ihn hoffen läßt, daß dieser skrupellose Sklave seiner Nase bei aller Grausamkeit noch einmal davonkommt? War es der geniale Einfall, ausgerechnet den flüchtigsten aller Sinneseindrücke ins Zentrum einer Geschichte zu stellen, zu zeigen, daß die Menschen, ohne es zu wissen, letztlich eben nicht den plakativen, sondern den sublimsten Reizen erliegen - Gerüchen, Klängen, Proportion?

Patrick Süskinds Hauptfiguren sind allesamt Anti-Helden, Zwangscharaktere, die außerhalb stehen und von dieser Warte aus ihren ganz eigenen Blick auf das Treiben und die Beweggründe der Menschen werfen, ob im „Kontrabaß“, in „Die Taube“ (1987) oder in der „Geschichte von Herrn Sommer“ (1991). Sie erwecken keine Liebe, aber auf ihre schrullige, hemmungslos unangepaßte Art Respekt. Es sind keine Helden, die Nähe aufkommen lassen, dem Leser das beruhigende Gefühl vermitteln, schau, du bist nicht allein, ich bin wie du. Wiedererkennen kann er sich höchstens in den hilflosen, halb faszinierten, halb abgestoßenen Menschen, die diesen Männern begegnen. Und so ist es gerade diese Verweigerung, die Grenouille unvergeßlich macht: Süskind hat damit eine Figur geschaffen, die kein Leser jemals vergessen kann - in einer Epoche der ständigen Reizüberflutung die schwierigste Kunst von allen.

Märchenerzähler oder Berserker

Angebote von Regisseuren und Produzenten, die den Stoff verfilmen wollten, gab es immer wieder; mehr als hundert seien es im Laufe der Jahre gewesen, erzählt Daniel Keel, darunter Roman Polanski und andere große Namen. Ihm wäre als Regisseur ein begnadeter Märchenerzähler wie Milos Forman, Süskind ein Berserker wie Stanley Kubrick am liebsten gewesen. Aber ausgerechnet diese beiden bemühen sich nicht um die Filmrechte, die Süskind über lange Zeit nicht zu vergeben beschließt. Nach dessen sechzehnjährigem Buhlen um die Zustimmung des Autors vergibt der Diogenes Verlag sie 2001 schließlich an Bernd Eichinger.

Das Buch, das zum größten deutschen Literaturerfolg der Nachkriegszeit wurde, endet mit einer Szene, der aus heutiger Sicht etwas geradezu Prophetisches anhaftet: Grenouille, den man seiner Verbrechen überführt und zu Tode verurteilt hat, gelingt es mit einer einzigartigen Essenz, den zum Hinrichtungsspektakel gekommenen Mob in einen Duftrausch, eine Massenhypnose zu versetzen. Sie stürmen das Schafott und schenken ihm so die Freiheit. Grenouille begreift, daß er die größte Macht besitzt: „die ganze Welt zu bezaubern... die unüberwindliche Macht, den Menschen Liebe einzuflößen. Nur eines konnte diese Macht nicht: Sie konnte ihn nicht vor sich selber riechen machen. Und mochte er auch vor der Welt durch sein Parfum erscheinen als ein Gott - wenn er sich selbst nicht riechen konnte, und deshalb niemand wüßte, wer er sei, so pfiff er drauf, auf die Welt, auf sich selbst, auf sein Parfum.“

Geradezu mystisches Opferritual

Auch Jean-Baptiste Grenouille ist nicht vor der Sehnsucht gefeit, erkannt werden zu wollen, in seiner Einzigartigkeit, aber eben auch so, wie Kinder ihre Eltern und Liebende einander stets untrüglich am Duft erkennen. Und da wird das Monster plötzlich menschlich. Sein Schöpfer hat sich nicht von der Masse, die nach ihm drängte, zerreißen lassen, sondern sie von allem Anfang an gemieden - nicht aus Eitelkeit oder um die Spannung zu erhöhen, sondern aus schierem Überlebensinstinkt. Bereits 1981, also noch vor dem „Parfum“, schrieb Süskind in „Theater Heute“ eine ironische Physiognomie des Verfassers des „Kontrabaß“: „Es geht darin - neben einer Fülle anderer Dinge - um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnte bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, daß es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt.“

Grenouille wird zu guter Letzt von den dunklen Gestalten auf dem Pariser Cimetière des Innocents, von den Dieben, Mördern, Dirnen und Verbrechern, in einem geradezu mystischen Opferritual getötet: „Jeder wollte ihn berühren, jeder wollte einen Teil von ihm haben. Sie rissen ihm die Kleider, die Haare, die Haut vom Leibe, sie zerrupften ihn, sie schlugen ihre Krallen und Zähne in sein Fleisch.“ Grenouille löst sich auf, doch sein Duft ist in der Welt.



Text: F.A.Z., 12.09.2006, Nr. 212 / Seite 33
Bildmaterial: Archiv, Der Kurier der Zarin, Edition Orient Vertrieb, Import, Penguin Books

 

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