Premiere-Chef

Georg Kofler hat sich verzockt

Von Michael Hanfeld

21. Dezember 2005 In einer Nacht hat Georg Kofler alles verloren. Er sagt zwar, er habe sich „nicht verzockt“. Doch hat er hoch gepokert; und er hat mehr verloren als die Senderechte an der Bundesliga. Sein Lebenswerk steht auf dem Spiel, das darin besteht, daß er aus dem einst maroden Abosender Premiere, dem in der Branche kaum jemand eine Chance gab, durch einen erfolgreichen Börsengang ein florierendes Unternehmen machte, mit besten Zukunftsperspektiven.

Diese Perspektiven haben sich auf einen Schlag verdüstert, der Kurs der Premiere-Aktie brach über den Nachmittag ins Bodenlose ein, Analysten meinten, es sei fraglich, ob es Premiere ohne die Bundesliga überhaupt geben könne. Und wie es scheint, hat der Senderchef Georg Kofler, der die Verhandlungen um die Fußballrechte mit der Deutschen Fußball-Liga zuletzt ganz allein führte, sich dies selbst zuzuschreiben. Denn sowohl die Liga als auch der große Konkurrent ARD beteuerten, ihr Ziel sei es mitnichten gewesen, Premiere mattzusetzen.

So hatten sie es nicht gemeint

Geradezu zerknirscht gaben sich der Liga-Präsident Werner Hackmann und der für den Rechtehandel zuständige Geschäftsführer Christian Seifert auf ihrer Pressekonferenz, beide beteuerten, daß sie gerne weiter mit Premiere zusammengearbeitet hätten, doch da Kofler allein für das Szenario bot, das angetan war, die „Sportschau“ der ARD zu vernichten, war eine Einigung nicht möglich. Und selbst bei der ARD gibt es kein Triumphgeheul. „Wir waren nicht davon beseelt, Premiere vom Markt zu kegeln“, sagt der ARD-Vorsitzende Thomas Gruber im Gespräch, aber Premiere sei wohl hingegen davon beseelt gewesen, die „Sportschau“ auszumanövrieren.

Doch da sind nicht nur die knapp hundert Millionen Euro vor, welche die ARD pro Saison für eineinhalb Stunden Fußball am Samstagabend bezahlt, sondern auch die Wertschätzung, die sich der Senderverbund bei den Vereinen erarbeitet hat. Die ARD hat beim letzten Mal die Rechte für günstige 49 Millionen Euro pro Saison (plus geschätzte rund zwanzig Millionen zusätzliche Kosten) gekauft, als kein anderer Sender dafür höhere Summen ausgeben wollte - Sat.1, das zuvor achtzig Millionen Euro gezahlt hatte, ging mit der Fußballshow „ran“ in die Knie. Und die ARD hat sich - was eingefleischten Fußballfans die „Sportschau“ verleidet - dem Kommerzprodukt Fußball verschrieben, macht soviel Werbung wie möglich, bedient die Sponsoren und hat so nach eigenen Angaben die Kosten für die Erstsenderechte wieder hereinbekommen. Ob das noch properes öffentlich-rechtliches Fernsehen ist, das steht auf einem anderen Blatt.

Fragwürdige Kalkulation der ARD

Doch ist die ARD zweifelsohne als Partner der Vereine immer stärker geworden und hat nun Grund, sich in die Brust zu werfen. „Wir waren fest entschlossen, das gesetzte Ziel zu erreichen mit Mitteln, die wir vertreten können“, sagt der ARD-Vorsitzende Gruber. „Und wenn man ein Ziel hat und dieses mit fairen Mitteln erreicht, dann darf man sich auch freuen.“ Daß diesmal für den Fußball Gebührengeld rollt, daraus macht Gruber kein Hehl: „Nirgendwo steht geschrieben, daß man für Sport im Fernsehen kein Gebührengeld verwenden darf. Doch nach den Erfahrungen der letzten drei Jahre gehe ich davon aus, daß wir mehr als die Hälfte der Erstrechtekosten durch Werbung wieder einspielen.“

So also sieht die Kalkulation der ARD aus, die man grundsätzlich in Frage stellen kann, weil der Fußball immer dann nach der öffentlichen Hand ruft, wenn private Geschäftspartner gerade ausfallen, um sich das Portemonnaie füllen zu lassen. Doch jeder weiß, daß die Gesetze auf diesem Markt - nichts anderes ist der Fußball - so und nicht anders sind. Auch Kofler.

Plötzlich gibt es Konkurrenz

Er hat sich allerdings nicht nur in der Frage verschätzt, wie stark die ARD ist, er hat auch verkannt, daß die Liga am längeren Hebel sitzt, weil es beim Bezahlfernsehen plötzlich Konkurrenz gibt. Diese Konkurrenz heißt erstaunlicherweise nicht Kabel Deutschland, sondern „Arena“ - eine Firma, die bislang kaum jemand auf der Karte hatte. Auf der schönen Schautafel, mit welcher der Ligaverband bei seiner Pressekonferenz die künftige Verteilung der Spiele darstellte, taucht sie jedoch immer wieder auf und markiert einen Paradigmenwechsel. Denn die Firma Arena ist eine hundertprozentige Tochter der Firma Unity Media, hinter welcher die Kabelgesellschaften ish, iesy und Telecolumbus stehen.

Arena soll das Pay-TV veranstalten und angeblich offen sein für neue Teilhaber wie Hedgefonds und Finanzinvestoren, wie wir sie im Fall von Kabel Deutschland schon kennen. Wollte man Müntefering zitieren, könnte man unken, die Heuschrecken übernähmen jetzt auch noch den Fußball. Doch hat ihnen der Ligaverband Zügel angelegt: Die Abos, die man künftig bei Arena für die Bundesliga kaufen kann, dürfen per Vertrag in den nächsten drei Jahren nicht teurer als zwanzig Euro pro Monat sein. Es gibt trotzdem eine Unmenge Geld zu verdienen: rund 420 Millionen Euro bringen die Bundesligarechte von 2006 an pro Saison ein, der nunmehr auf drei Jahre abgeschlossene Vertrag hat ein Volumen von 1,26 Milliarden Euro. Zwar soll Premiere erklecklich mehr geboten haben - mehr als 300 Millionen Euro fürs Pay-TV pro Jahr -, doch was sollte das nützen?

Kofler gibt sich „alles andere als panisch“

Der Premiere-Chef Kofler hätte bieten können, was er wollte, mit dem Konzept „Einer gegen alle“ mußte er scheitern. Sein Gebot habe „nördlich von 300 Millionen Euro“ gelegen, sagte er am Mittwoch in einer Telefonkonferenz, er sei „bis an die Grenze des Vertretbaren gegangen“, doch sei er nicht bereit gewesen „mehr Geld für weniger Exklusivität“ zu geben, angesichts der Tatsache, daß nicht nur die ARD zum Zug kam, sondern die Telekom Liverechte für das Internet erworben hat.

Für Premiere und für Kofler persönlich - der sagte, man sei „alles andere als panisch“, und er „bleibe selbstverständlich an Bord“ - ist das trotzdem eine Katastrophe, die nur noch verhindert werden kann, wenn Premiere nach Canossa geht und nun bei Arena die Rechte einkauft. Da es bei Arena vor allem ums Geldverdienen geht, wäre das sogar denkbar, wenngleich die Möglichkeit, eine eigene Fußballfernsehplattform für das Kabel und über Satellit aufzubauen, durchaus mehr Gewinn verspricht. So hoch wie Georg Kofler hat im deutschen Fernsehgeschäft wohl noch niemand gepokert. Und noch niemand hat je so hoch verloren.



Text: F.A.Z., 22.12.2005, Nr. 298 / Seite 38
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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