Von Johanna Adorján
20. September 2005 Die Geschichte von Kim Frank ist eine dieser Geschichten, die so unwahrscheinlich klingen, als hätte ein Drehbuchschreiber sie sich ausgedacht.
Im ersten Akt, der von den Blitzlichtern ungezählter Kameras erhellt wird, kommen kreischende Mädchen vor, Applaus, Ruhm und Geld. Im Mittelpunkt steht ein Held, der so jung ist, daß er eben noch auf dem Pausenhof Fangen spielte - fünfzehn Jahre ist er, als die Geschichte beginnt, als er als Sänger der Schülerband Echt zum Popstar wird.
Im zweiten Akt treten Neider auf, der Held macht ein paar Fehler, es gibt beruflichen Mißerfolg, die Band löst sich auf. Es folgt ein Absturz, jedenfalls macht das die Presse daraus, von Drogen ist die Rede, dann nicht mal mehr von diesen. Mit Anfang Zwanzig ist Kim Frank ein gestrauchelter Held, ein Fall für die Rubrik: Was macht eigentlich? Und dann, als er fast vergessen scheint, als kein Journalist mehr den Versuch unternimmt, ihn aufzustöbern und herauszufinden, was aus ihm geworden ist, da taucht er plötzlich wieder auf, ist auf einmal wieder da, es gibt ihn noch, es gibt ihn wieder, ein neuer Akt, eine überraschende Wendung: Im neuen Film von Leander Haußmann, der Ende des Monats in die Kinos kommt, spielt Kim Frank die Hauptrolle.
Volle Lippen, zarte Haut
Er ist immer noch jung, 23 Jahre jetzt, und immer noch hübsch wie ein Mädchen. Sanfte blaue Augen. Volle Lippen. Zarte Haut. Die Haare trägt er jetzt halblang und mit Seitenscheitel, was den zurückweichenden Ansatz kaschiert. Ein Bein über das andere gelegt, sitzt er am großen Holztisch im Konferenzzimmer der Delphi-Filmproduktion und wirkt vorsichtig. Ein bißchen mißtrauisch. Und ist doch erstaunlich offen im Gespräch. Wie jemand, der schlechte Erfahrungen gemacht hat und sich trotzig weigert, aus ihnen eine Lehre zu ziehen.
Leander Haußmann beschreibt seine Ausstrahlung als rührend. Er sei jemand, den man sofort beschützen möchte, obwohl er ein ganz schöner Springinsfeld ist. Für die Hauptrolle in seinem neuen Kinofilm NVA, einer Komödie über die Volksarmee, suchte er jemanden, der alleine schon mit seinem Aussehen einen Offizier dazu bringen könnte, vor ihm stehenzubleiben. Jemanden, der ein Gesicht hätte, auf das sich Sehnsüchte projizieren ließen. Der weniger spielen müßte als einfach nur sein. Er fand keinen Schauspieler, der diese Anforderungen erfüllte - er fand Kim Frank. Der war ihm schon zu dessen Zeiten mit Echt als irre fotogen und irgendwie besonders aufgefallen, und er fiel ihm während seiner Darstellersuche wieder ein. Er besorgte sich Franks Nummer und lud ihn zu Probeaufnahmen ein.
Anruf in der dunklen Zeit
Als der Anruf von Leander Haußmann kam, das war im Januar des vergangenen Jahres, befand sich Kim gerade in einer Phase seines Lebens, die er nicht als Depression verstanden haben möchte, aber ungefähr als solche beschreibt. Dunkle Zeit nennt er es und zitiert damit aus einem Artikel über ihn, der im August 2003 erschien. Damals hatte ein Reporter der Zeitschrift Max ihn in dem kleinen Dorf in der Nähe von Flensburg besucht, aus dem er stammt und in das er nach dem Ende von Echt wieder zurückgezogen war. Kim Frank sagt, daß er den Text sehr gut fand. Als er ihn damals gelesen habe, sei er gerührt gewesen. Daß er in der Nacht leben würde, stand darin. Das habe er so poetisch gefunden, sagt er.
Es war außerdem darin zu lesen, daß es in Kim Franks Wohnzimmer nach Gras riechen würde, daß er erst nachmittags aufstehe, fünfzehn Kilo zuviel wiege, graue Haut habe und Ringe unter den Augen. Und von Angst war die Rede. Von einer Angst, die so groß war, daß sie ihn nachts nicht einschlafen lasse - der Angst, irgendwann einmal wieder hinauszumüssen, ans Licht des Tages und in das der Scheinwerfer.
Alle Männer in seiner Familie sind Soldaten oder Koch
Es hatte nicht unbedingt alles darauf hingedeutet, daß Kim Alexander Frank einmal eine Karriere als Popstar machen würde. Er wurde am 24. 5. 1982 in Flensburg geboren. Einfache Verhältnisse. Die Mutter zog ihn alleine groß, er spricht mit zärtlicher Bewunderung von ihr, von seinem Vater nur mit kaum unterdrücktem Zorn. Außerdem gibt es einen älteren Bruder, Berufssoldat, zu ihm hat Kim aber keinen Kontakt. Alle Männer in Kim Franks Familie sind Soldaten oder Koch. Wie er da reinpasse? Eben gar nicht, sagt er kurz. Ursprünglich wollte er Anwalt werden. Später dann mal Toningenieur. Und dann passierte die Sache mit Echt, eine Sache, mit der niemand hatte rechnen können - eine Schülerband der Flensburger Kurt-Tucholsky-Gesamtschule bekam einen Plattenvertrag und wurde zum deutschen Teenie-Wunder.
Die Jugendzeitschrift Bravo entdeckte die Band früh für sich und begleitete jeden ihrer Schritte. So konnten die Bravo-Leser mitverfolgen, wie Kim (1 Meter 75; Sternzeichen Zwilling) und seine vier Bandkollegen durch die Pubertät kamen. Alles über die süßen Boys wurde dokumentiert, Kims neue Frisur, Kims erster Zungenkuß (sie hieß Jutta und war 15), Kims erstes Mal (es war grausam). Und die Band stellte sich, naiv oder clever, auch bereitwillig zur Verfügung; dem ersten Mal widmeten sie sogar einen Song: Wir haben's getan.
Ich bin gegen Oberflächlichkeiten
Wenn Kim Frank sich heute alte Artikel aus Teenie-Zeitschriften anguckt, sieht er einen Menschen, der nichts mit ihm zu tun hat. Einen kleinen Jungen mit blondgefärbten und nach oben gekämmten Haaren, der frech in die Kamera grinst und bunte Turnschuhe trägt. Auf manchen Fotos zeigen Pfeile auf seine einzelnen Körperteile, und dann steht da zum Beispiel, daß er seine starken Oberarme mit Hanteln trainiere. Oder daß sein Po sich in einem Kinosessel am wohlsten fühlt. Völlig oberflächlich sei das damals alles gewesen, sagt er, und es habe ihn irgendwann tierisch genervt: Wir waren Musiker. Das macht einen echt fertig, wenn man so reduziert wird. Und, dieser Satz fällt mehrmals im Gespräch: Ich bin gegen Oberflächlichkeiten.
Daß Echt in der Tat mehr waren als nur hübsche Jungs, die kleine Mädchen anhimmeln konnten, daß sie eine Band waren, eben echt, und daß Kim Frank ein besonderer Sänger ist, einer der wenigen, die deutsche Texte mit großem Gefühl singen können, ohne daß es ins Kitschige abrutscht, ging bei dem ganzen Rummel beinahe vollkommen unter. Auch wenn die Band ihre größten Erfolge nicht selber schrieb, machte doch erst Kim Franks Gesang sie zu Hits. Seine entschiedene, klare und immer ein bißchen quengelnde Stimme, seine Angewohnheit, die letzten Silben kaugummiartig lang zu dehnen. Unvergessen sein spöttisch einer verflossenen Liebe hinterhergesungenes Du trägst keine Liebe in dir. Die Zeile aus Weinst du: Sag mal, weinst du / oder ist das der Regen, der von deiner Nasenspitze tropft. Seine kantilenenhafte Interpretation des Rio-Reiser-Klassikers Junimond, die Echt zum Crazy-Soundtrack beisteuerten und die 2000 monatelang aus allen Radios tönte: Es ist vorbei-bye-bye, Junimond / es ist vorbei.
In den Klatschspalten
Irgendwann war der Jugendbonus ausgespielt. Durch seine Liaison mit der Fernsehmoderatorin Enie van de Meiklokjes landete Kim Frank in den Klatschspalten der Boulevard-Blätter. Es wurde ernst. Da war der etwas unglückliche Auftritt in der Harald-Schmidt-Show. Ende September 2001 war das, wenige Wochen nach den Anschlägen vom elften September, und Schmidt fragte ihn irgendetwas zu den Taliban. Er interessiere sich nicht für Politik, antwortete Kim Frank, er wisse noch nicht einmal, wo Taliban liege. Leider meinte er das nicht als Witz, die Zeitungen waren in den nächsten Tagen voll mit hämischen Kommentaren. Und dann erschien 2002 Recorder, das erste selbstgeschriebene Album der Band.
Mit Anfang Zwanzig wollten sie als Musiker ernst genommen werden, für die Bravo waren sie damit uninteressant. Um trotzdem rechtzeitig zur Plattenveröffentlichung in den Medien aufzutauchen, bestellte Kim Frank einen Paparazzi-Fotografen zu einem Videodreh, bei dem die Band nackt über die Reeperbahn rennen würde. Er sollte die Szene fotografieren und dann der Bild-Zeitung zuspielen. Ich wollte einmal so mit der Presse spielen, wie die Presse immer mit uns gespielt hat, sagt Frank. Gefährliche Sache, geht meistens schief. Irgendwie landete dann ein falsches Foto in der Bild-Redaktion, und so war schließlich nicht, wie beabsichtigt, die Band Echt bei einer lustigen Aktion in der Zeitung zu sehen, sondern allein er, Kim Frank, riesengroß und vollkommen nackt auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Kim Frank sagt, an diesem Tag wäre er fast gestorben vor Scham. Das war absolut nicht, was ich wollte.
Die Hallen blieben leer
Das Album verkaufte sich kaum, die Tournee mußte abgebrochen werden, weil die Hallen leer blieben. In den Zeitungen las Kim Frank Schlagzeilen über sich wie Vom gehypten Star zum fertigen Party-Wrack (Hamburger Morgenpost). Er war 21 Jahre alt. Er zog sich zurück. Es folgt die bereits beschriebene dunkle Zeit.
Und dann bin ich zur Armee gegangen und wurde zum Mann, kürzt Kim Frank den Rest der Geschichte ab. In NVA spielt er den sensiblen träumerischen Henrik, der bei der Volksarmee seinen Wehrdienst ableistet und sich mit dem harten Alltag schwertut. Ob er als Schauspieler genauso begnadet ist wie als Sänger, ist schwer zu sagen. In seiner ersten Kinorolle guckt er die meiste Zeit über eigentlich einfach nur ernst, das aber macht er sehr gut, sein Regisseur jedenfalls ist hoch zufrieden. Kim Frank tauge unbedingt zum Filmschauspieler, sagt Haußmann. Er sei sehr natürlich und wirke nicht wie ein Laie.
Im Moment synchronisiert Frank einen Zeichentrickfilm, für das Frühjahr ist das erste Soloalbum angekündigt. Die dunkle Zeit, sagt er, sei seit dem Anruf von Leander Haußmann vorbei. Die Geschichte von Kim Frank ist es noch lange nicht.
NVA, der neue Film von Leander Haußmann, mit Kim Frank in der Hauptrolle: ab 29. September im Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.09.2005, Nr. 37 / Seite 27
Bildmaterial: F.A.Z.-Christian Thiel, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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