Streit über Tom Cruise

Posse peinlichster Art

Von Andreas Kilb

Kritik und Unterstützung für Donnersmarck

Kritik und Unterstützung für Donnersmarck

04. Juli 2007 Die Druckerfarbe auf dem Ablehnungsbescheid des Bundesfinanzministeriums für seine Liegenschaft im Berliner Bendlerblock war noch nicht trocken, da bekam die Produktionsgesellschaft Studio Babelsberg schon eine weitere Absage zugestellt. Das Studio, das zusammen mit der Hollywoodfirma United Artists Bryan Singers Filmprojekt „Valkyrie“ („Walküre“) mit Tom Cruise als Graf Stauffenberg produziert, muss nicht nur auf den Bendlerblock als Drehort verzichten, es darf nun auch auf dem Gelände der Polizeidirektion 5 in Berlin-Kreuzberg nicht die Geschehnisse des 20. Juli 1944 nachstellen lassen. Die Dreharbeiten in den ehemaligen Kasernengebäuden aus rotem Backstein, in dem heute Dienststellen der Schutz- und Kriminalpolizei untergebracht sind, hätten die Arbeit der Beamten eine Woche lang „erheblich eingeschränkt“, erklärte ein Polizeisprecher. An der „medienfreundlichen Haltung“ der Berliner Polizei ändere sich dadurch aber nichts.

Weniger freundlich reagierte der Leiter der im Bendlerblock residierenden Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, auf das Plädoyer Florian Henckel von Donnersmarcks für Tom Cruise und das „Valkyrie“-Projekt (siehe: Donnersmarck: Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise). Es sei „würdelos“, wenn „eine historisch wichtige, wertvolle, als Orientierung dienende Persönlichkeit“ wie Stauffenberg an den Glanz eines Kinostars gekoppelt werde, sagte Steinbach in einem Rundfunkinterview. Donnersmarcks Argumentation sei „verkommen“, der Gebrauch des Begriffs „Übermensch“ für Stauffenberg „leichtfertig und verantwortungslos“. Steinbach hält einen „Superman“ und Scientology-Adepten wie Tom Cruise nicht für geeignet, die dramatische innere Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter zum Gegner von Hitlers Regime überzeugend darzustellen.

„Posse peinlichster Art“

Diese Meinung wird in der deutschen Filmbranche nicht geteilt. Der Regisseur Volker Schlöndorff etwa, der ebenso wie Donnersmarck einen Regie-Oscar gewonnen hat, hält die Diskussion um Cruise und Stauffenberg für eine „Posse peinlichster Art“, weil die religiöse Orientierung des Schauspielers mit seiner beruflichen Tätigkeit vermischt werde. „Das finde ich oberlehrerhaft bis zum Gehtnichtmehr.“ Das „Valkyrie“-Projekt dürfe nicht anders betrachtet werden als jede andere Produktion. Mit Verweis auf die Würde des Ortes war auch Schlöndorff vor drei Jahren eine Dreherlaubnis für seinen Film „Der neunte Tag“ auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau verweigert worden, die entsprechenden Szenen mussten in Kulissenbauten gedreht werden.

Hans-Christoph Blumenberg, Autor des Fernsehspiels „Die Stunde der Offiziere“ über den Aufstand vom 20. Juli, hält die Entscheidung des Finanzministeriums, den Bendlerblock für das „Valkyrie“-Team zu sperren, für „scheinheilig“. „Wenn es dem Regisseur Jo Baier erlaubt worden ist, dort zu drehen, gibt es keinen Grund, warum es Bryan Singer nicht erlaubt sein soll.“ Jo Baiers Fernsehfilm „Stauffenberg“ mit Sebastian Koch in der Hauptrolle war vor vier Jahren unter anderem an Originalschauplätzen im Bendlerblock entstanden. Dass Tom Cruise Scientologe sei, so Blumenberg, interessiere in diesem Zusammenhang überhaupt nicht.

Text: F.A.Z., 04.07.2007, Nr. 152 / Seite 38
Bildmaterial: REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche