Von Souad Mekhennet, Bagdad
27. November 2003 Im Irak vor einigen Wochen, der Anschlag auf einer wenig befahrenen Straße in der Nähe von Faludscha hat sich gerade vor einer Viertelstunde ereignet, als die ersten Reporter ankommen. Faludscha gilt für Soldaten und westliche Journalisten als gefährliche Stadt, hier geschieht beinahe jeden Tag ein Anschlag. Als mein Fahrer Abu Ali und ich eintreffen, sehen wir ein brennendes amerikanisches Armeefahrzeug. Irakische Männer freuen sich und klatschen in die Hände. "Das waren unsere Widerstandskämpfer", sagt mir einer. Ich befrage die ersten Männer, was vorgefallen ist. Ein Mann mit Halbglatze und einem schwarzen Schnurrbart beobachtet mich dabei. Plötzlich schreit jemand: "Sie kommen mit Panzern, die Teufel kommen und wollen Rache." Binnen weniger Sekunden ist die Straße leer, Menschen flüchten in Häuser oder hinter Bäume. Mit lautem Lärm fahren drei amerikanische Panzer vorbei.
Abu Ali und ich flüchten hinter ein Gebüsch: "Wenn sie jetzt aus Rache schießen", denke ich, "werden sie keine Unterschiede machen zwischen Reportern und Bewohnern." Doch die Panzer rollen weiter. "Salam alaikum", spricht mich auf einmal jemand im Gebüsch an. Es ist der Mann mit Halbglatze, ich erwidere den Gruß. Ob ich aus Bagdad gekommen sei, will er wissen. Er arbeite für den arabischen Sender "MBC" und hätte ein Problem: "Wissen Sie, ich habe eine Videocassette, und die muß ganz dringend nach Bagdad." Er habe zufällig den Anschlag hier gefilmt, von Anfang bis Ende. Ich solle ihm mein Hotel nennen, er werde dann einen seiner Kollegen bitten, sie abzuholen. "Aber warum bringen Sie die Kassette nicht selbst nach Bagdad", frage ich. Sein Auto sei kaputtgegangen. Ich frage, warum ihm sein Sender dann keinen Fahrer samt Auto schickt. "Weil ich kein Satellitentelefon habe, mit dem ich anrufen kann."
Kein Zufall
Ich bin mir sicher, daß diese Geschichte von vorne bis hinten gelogen ist, hake aber nach: "Geben Sie mir doch die Nummer und den Namen ihres Chefs, ich rufe ihn an." Der Mann wird nun etwas ungeduldiger: "Also können Sie das Band mitnehmen oder nicht?" Ich verneine. Er verabschiedet sich und geht zu den nächsten Journalisten, um zu fragen. Auf der Fahrt nach Bagdad sagt mein Fahrer: "Dieser Mann muß gewußt haben, daß die Anschläge passieren würden, niemand ist um diese Tageszeit zufällig auf dieser Straße." Vielleicht sollten die Aufnahmen später als "Dschihad-Videos" weltweit verkauft werden.
Wir beide vergaßen den Vorfall wieder. Drei Wochen danach wird eines der bestbewachten Hotels des Irak, das "Bagdad Hotel", angegriffen. Ein mit Sprengstoff beladenes Auto will die erste Sicherheitsschranke passieren, als es die Wachmänner angehalten haben, sprengt sich der Fahrer mit seinem Auto in die Luft. Mehrere Iraker sterben.
Als mein Kollege Guy Raz vom "National Public Radio" und ich eintreffen, sind bereits viele Journalisten da. Alle Medien sind in der Nähe des Hotels stationiert, aber keiner hat den Vorfall miterlebt. Ich laufe zu den Inhabern von Geschäften und frage sie, was passiert sei. Ein Mann ist gerade dabei, die Scherben zusammenzukehren. Er verflucht die Amerikaner: "Wo ist unser Frieden geblieben? Jeden Tag Anschläge, wo ist unser Frieden?"
Angst vor den Soldaten
Umstehende Menschen kommen näher. "Ich würde gerne mit Ihnen sprechen", sagt mir einer. Ich gehe einige Schritte mit ihm weg von der Menge und signalisiere meinem Fahrer, er solle mitkommen. "Alleine", sagt der Mann. Er ist etwa Ende Zwanzig, hat braungelockte Haare und grüne Augen. In seiner Hand hält er eine Tasche. "Ich wollte Sie um etwas bitten", flüstert er und blickt vorsichtig um sich. "Ich habe Aufnahmen von verschiedenen Anschlägen gegen die Amerikaner, auch heute von dem Hotel. Sie können sich die Aufnahmen anschauen und mir, wenn Sie möchten, auch was abkaufen." Ihm sei wichtig, daß die Bänder in seiner Tasche erst mal sicher von diesem Ort wegkämen, da er Angst vor den Soldaten habe. Ich frage ihn: "Sie sind doch Journalist?" Er erklärt, ab und zu nehme er etwas mit seiner Kamera auf. Fest arbeite er für niemanden. "Ich verkaufe an jeden, der meine Aufnahmen haben will", sagt er.
"Warum waren sie ausgerechnet zum Zeitpunkt der Anschläge hier?" frage ich. Er grinst und sagt: "Zufall, bei Gott, es war Zufall." Ob es auch Zufall gewesen sei, daß er die anderen Anschläge aufgenommen habe. "Nein", antwortet er, "das war Glück." Ich erkläre, ihm nicht weiterhelfen zu können und daß meine Arbeitgeber solche Bänder nicht veröffentlichen würden. Er schaut mich enttäuscht an: "Schade, aber ich werde schon jemanden finden."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2003, Nr. 277 / Seite 38
Bildmaterial: EPA