Harald Schmidt

Er hatte noch etwas vor

Von Wilhelm Hindemith

Urgestein deutschen Fernsehens - Schmidt und Meiser

Urgestein deutschen Fernsehens - Schmidt und Meiser

22. Dezember 2003 Bekenntnisse eines Redakteurs, zum Abschied: So war der frühe Harald Schmidt - nicht bei Sat.1, sondern bei RTL. Von Wilhelm Hindemith:

Anfänge als Gagschreiber

Vier Jahre lang war ich in der Villa Louvigny als Redakteur beschäftigt. Von 1984 bis 1988. In dieser Zeitspanne war im deutschen Radioprogramm von RTL jemand als Gagschreiber tätig, den heute im deutschen Fernsehen alle kennen. Er sammelte hier wichtiges Material für seine spätere Karriere, lernte, sich vor den Zudringlichkeiten der Medienmanager und Journalisten zu hüten, die eben deshalb soviel und so vergeblich über seine Seele rätseln. Das Rezept ist simpel: Wer sich entzieht, gilt ihnen mehr als all die vielen, die sich mit Beichten, Bekenntnissen und Intimitäten immerzu aufdrängen. Es geht, genau - um Harald Schmidt.

Nachrichten und - vor allem - Unterhaltung, das bot das Radio von RTL genauso, wie das vor genau zwanzig Jahren gestartete Fernsehprogramm bis heute bieten soll. Doch worin die richtige Mischung lag, das war die große Frage, zu der nicht nur externe Kritiker, sondern natürlich auch die Chefs eine Meinung hatten. Böse Witze und Sketche am Rande des guten Geschmacks waren dabei - anderslautenden Vorurteilen zum Trotz -, auch intern stets hoch umstritten.

Was geht, ist, was ankommt.

Was geht, ist, was ankommt. Was nicht geht, ist, was Kritik auslöst. Doch wer weiß das schon immer vorher? Die bösesten Witze platzierte ich als Programmredakteur deshalb meist am frühen Morgen. Bevor Helmut Thoma, der Senderchef, aus dem Schlaf erwachte. Mit ihm war nämlich nicht zu spaßen. Er liebt den Humor, aber leider nur seinen eigenen. Wer nicht seinen austriakischen Fiaker-Gusto trifft, dem geht es schlecht. Oft geschah es, daß Thoma, wenn ihm ein Scherz im Programm mißfiel und zu gewagt erschien, er anrief und der halben Mannschaft, einschließlich mir, dem Verantwortlichen, die Kündigung aussprach. Wenig später nahm er sie zurück oder erwähnte sie nicht wieder. Es kam aber auch vor, daß ein Autor zwei Monate lang deshalb nicht auftauchen durfte, was für diesen einen herben Verdienstausfall bedeutete.

Redakteure und Gagautoren arbeiteten beim Radio von RTL häufig zum selben aktuellen Thema. Wir berichteten, sie parodierten. Einer unserer Autoren war - wie gesagt - Harald Schmidt. Er kam jeden Monat für eine Arbeitswoche, von Sonntag nacht bis Freitag früh, und löste Hans Werner Olm ab oder Beppo Pol, den Insterburger. Schmidt stieg immer in einem kleinen Hotel am Limpertsberg ab, ich wohnte gleich um die Ecke. Wir trafen uns am Abend, bevor wir in den Sender gingen oder vormittags, nach manchmal aufregenden Nächten im Café de Paris. Die Gagautoren und die Nachrichtenredakteure teilten ihr Los: Sie waren den Ausbrüchen cholerischer Chefs ausgesetzt, die sich für Pioniere und also genial hielten. Einer von ihnen hatte es besonders auf die Gagautoren abgesehen, nie waren ihm ihre Witze professionell genug. "Woisch", erklang es dann im Badener Dialekt, "des isch no net des, was ich ehrlisch gsagt mir vorstelle kann, do muss no was nei, was mie wirklich au vom Hocker haut. Verstehsch was ich moin?"

Harald Schmidt hielt es aus

Dieser nur scheinbar wohlmeinende, semantisch verwaschene Singsang trieb Autoren in die Schreibstarre. Wie sollten sie es diesem trockenen Gagliebhaber recht machen? Harald Schmidt hielt es aus und machte das Beste daraus. Er lächelte hintersinnig, nickte heftig, als könne er der Kritik des Produzenten nur zustimmen, als habe er wirklich etwas gelernt. Dann zerriß er seinen Entwurf und setzte sich hin, um einen neuen zu formulieren, der die Kritik aufnahm und - sogleich ad absurdum führte. Dies merkte der Produzent freilich nicht mehr, war er doch selig und wie ein Lehrer überzeugt, daß er abermals einem Gagschreiber auf die Sprünge geholfen habe. Haralds List war mir Vergnügen und Lehre zugleich, ihm verhalf sie zu immer neuen Engagements.

Nachdem diese "Zensur" passiert war, die es nicht immer gab, denn manchmal schlief der Chef auch auf seinem Schreibstuhl ein (nicht wenige Gags handelten von einem Beamten, der während der Dienststunden ein Nickerchen hielt), ging es ins Studio, um den Text schauspielerisch in Szene zu setzen. Dabei stellte sich Harald Schmidt als begabter Witzhandwerker auf. Er hatte ein Augenmaß für das Machbare und dafür, wie er hier seine Position sicherte, genügend auf- und doch nie aus der Rolle fiel, daß er die cholerischen Anfälle von Helmut Thoma oder anderer hausinterner Kritiker zu fürchten hätte. Zudem verfügt Schmidt über ein einnehmendes, freundliches Naturell, wirkt distanziert, aber nie arrogant. Er weiß zu jedem Thema etwas und gewinnt jedem seiner Gegenüber etwas ab.

Hans Meisers Anfänge

Hans Meiser arbeitete damals übrigens als Nachrichtenredakteur bei RTL, er kam pünktlich, gekleidet wie ein Eisenbahner, jeweils zur vollen Stunde, die Butterstulle in der Tasche, setzte sich ins Studio und beobachtete still die Mechanismen des Mediengeschäfts. Auch er ein kommender Aufsteiger des Privatfernsehens.

Harald Schmidt erzählte damals schon die Geschichten, die später in den Zeitungen als Stationen seiner selbst geprägten Legende zu lesen waren. Er fing an als Schauspieler in Augsburg, hatte bescheidene Nebenrollen und die Frustration der Kollegen beim Absaufen in der Theaterkantine zu ertragen. Es bot sich ihm keine große Perspektive, bis er nach Düsseldorf am Kommödchen bei Lore Lorentz anheuerte und als Kabarettist gemeinsam mit Hugo Egon Balder engagiert wurde. Dann kam das Fernsehen.

Verborgener Ehrgeiz

Harald Schmidt hielt seinen Ehrgeiz immer gut verborgen, seine Zurückhaltung, seine Aufmerksamkeit für kleinste Dinge und Vorkommnisse aber fielen mir auf. Er hatte etwas vor. Er war diszipliniert und wenig redselig, wenn es um ihn selbst ging. Er verstand seinen Job, er war ein stiller Profi. Er konnte nicht weniger grob werden als andere in diesem Geschäft, aber er war nicht stolz darauf. Er wußte, was zu welchem Sender paßte, zu RTL, zum WDR oder zum SWF. Er verstand vom Publikum das meiste, ließ aber die anderen reden, die sich für die großen Strategen hielten. Und während sie sich ihren Ärger von der Seele redeten oder große Töne spuckten, saß Harald Schmidt dabei und machte sich innerlich Notizen.

Heute werfen sie sich ihm alle an den Hals, sogar Theaterkrösus Peymann, der glatt behauptet, er sei Schmidts Entdecker. Der Gagautor der ersten Stunde aber füllte heute aus eigener Kraft die Stadien - wenn er es darauf anlegte. Gerade jetzt, da er sich den neuen Fernsehgewaltigen bei Pro-Sieben-Sat.1 mit ihrer unstillbaren Begierde nach Quoten provokativ entzieht. Wir sprachen von diesem Rezept.

Es ist wichtig, daß man als Chef mitredet und mitentscheidet. Ich will mich in allen Sparten des Senders engagieren. Wenn Projekte vorliegen, werde ich es sein, der ja oder nein dazu sagt. Das ist es auch, was mich ja zu diesem Job hinzieht.

Roger Schawinski, neuer Geschäftsführer von Sat.1, im Zürcher "Tages-Anzeiger".

Keiner verkörpert Sat.1 besser als Harald Schmidt. Er liebkost Sat.1 als "Goethe"- und "Kuschelsender", erhebt ihn zum "Marktführer der Herzen". Kein Wunder, daß "The King of Late-Night" gerne in einer Spezial-Ausgabe "20 Jahre Sat.1" feiert. Heute werden er und sein Redaktionsleiter Manuel Andrack ihren Heimatsender hochleben lassen.

Die Vermarktungsfirma Seven-One Media kündigt die Sondersendung "20 Jahre Sat.1" am 8. Januar 2004 an.

Unser Autor war von 1984 bis 1988 Nachtredakteur der Radiosendung "Guten Morgen, Deutschland" bei RTL, aus der einige Größen des Unterhaltungsfernsehens hervorgingen (Hans-Werner Olm, Hugo Egon Balder, Jaecki Drechsler, Björn Hergen Schimpf). Harald Schmidt arbeitete damals als Gagschreiber für die Show. Wilhelm Hindemith schreibt heute als Literaturkritiker für den Südwestrundfunk.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 36
Bildmaterial: dpa

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