31. August 2006 Die rothaarige Moderatorin des italienischen Fernsehsenders Rete4 baute sich stilgerecht vor der Parade von dreiundsechzig Goldenen Löwen am Filmpalast auf, um für die Abendnachrichten live die Stimmung vom Festival zu übermitteln. Wenn sie von dunklen Wolken überm Lido erzählt, dann meint sie nicht das aufziehende Gewitter, sondern eine Kabale, die seit vielen Wochen Italiens Kulturleben beherrscht: Genau fünf Wochen nach dem globalen Kinospektakel an Venedigs Strand wird im Oktober in Rom ein nagelneues Filmfest aus der Taufe gehoben. Vom Krieg der Festivals schrieben deshalb sogar angesehene Blätter, und Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari ließ sich in einem Interview gar entschlüpfen, beim Gedanken an das Festival von Rom entsichere ich meinen Revolver.
Cacciari, der seine Inspektion der Festivalvorbereitung am Wochenende für einen meditativen Fahrradausflug auf den Inseldeichen nutzte, behagt das Duell mit der Hauptstadt überhaupt nicht. Schließlich steht hinter der römischen Initiative niemand Geringeres als Walter Veltroni, seines Zeichens Bürgermeister der Ewigen Stadt, Ex-Kulturminister und kommender Mann der italienischen Linken für die bald einsetzende Zeit nach Romano Prodi. Veltroni gilt als leidenschaftlicher Cineast, hat noch als Politiker regelmäßig Filmkritiken geschrieben und ist erst jüngst als Synchronsprecher in einer Disney-Produktion in Erscheinung getreten. Sein Steckenpferd, das neue Festival, hat er massiv mit Staatsgeldern stützen lassen - dem Vernehmen nach liegt der Etat über dem venezianischen. Mit Nicole Kidman, Sean Connery, Monica Bellucci, Bruno Ganz hat er die nötige internationale Prominenz für Rom anheuern lassen.
Abgelehnte Reste für Rom
Da schöpft man also in Rom genüßlich aus dem vollen, während der rührige Biennale-Präsident Davide Croff, ein ehemaliger Fiat-Manager, nach den Sparbeschlüssen der Berlusconi-Regierung die Gelder für die venezianischen Filmfestspiele erfolgreich, aber mühsam durch Sponsorenmittel aufstocken mußte. Mario Müller, im dritten Jahr Künstlerischer Leiter, äußerte sich denn auch nervös und dementsprechend abfällig über die unliebsame nationale Konkurrenz: Er habe auch dieses Jahr jeden Film an den Lido holen können, den er wollte. Im übrigen bedient sich Rom aus den abgelehnten Resten von Cannes und Venedig.
Dabei muß das Reizklima angesichts der frischen Konkurrenz nicht unbedingt schädlich sein, es könnte sogar die Qualität und die Aufmerksamkeit für das italienische Kino in der Welt und das globale Kino in Italien steigern, so sieht es immerhin die - notabene römische - Tageszeitung Repubblica. Doch in Wahrheit wirkt die massive Subvention für ein zweites italienisches Festival mit internationalem Anspruch wie ein landestypischer Schildbürgerstreich. Was wäre in Frankreich los, wenn Paris mit einem eigenen Festival plötzlich Cannes den Rang ablaufen wollte? Schließlich hat Venedig gegenüber der internationalen Konkurrenz von Cannes und Berlin, wo die wichtigeren Produktionsgeschäfte gemacht, die bedeutenden Verträge abgeschlossen werden, schon seit Jahren etwas den Anschluß verloren.
Lagunares Postkartenidyll
Was bleibt, ist der in sieben Jahrzehnten angewachsene Ruf als schönster Präsentierteller des Kinos, als lagunares Postkartenidyll für jeden Hollywoodstar - für die Werbung ein nicht zu unterschätzender Trumpf. Und ausgerechnet diesen Habitus der spätsommerlichen Dolcevita-Kulisse für alle Filmfans droht die Stadt des Kolosseums und der Cinecittà dem kleineren Venedig nun kaputtzumachen. Der italienische Campanilismo, die verbissene Kirchturmspolitik zum Schaden der Nachbarn, wirkt denn auch in erster Linie verkrampfend, zumal mit Cacciari und Veltroni zwei prominente Exponenten der Linken aufeinander losgehen: auch das ein beliebtes Ritual im Land eitler Lokalpolitiker.
Ach ja, schon am Vorabend der festlichen Eröffnung durch Brian de Palma, Scarlett Johannson und die attraktive italienische Actrice Isabella Ferrari gab es den ersten Festivalfilm einer Nebenreihe zu sehen. Unter dunklen Wolken und dem rituellen Festivalgewitter stand L'Etoile du Soldat auf dem Programm, ein deutsch-französisches Kriegsepos aus Afghanistan. Regisseur Christophe de Ponfilly zeigte, wie der unbedarfte Russe Nikolai von den Mudschahedin gefangengenommen und in den bärtigen Afghanenkämpfer Ahmed umgemodelt wird. Mochte die Handlung auch zuweilen etwas kitschig wirken, fesselte das Drama doch durch die intensiven Stimmungsbilder des Kasernenalltags und der afghanischen Guerrilla in den biblischen Gebirgstälern des Hindukusch. Der Alltag dieses Festivals hätte, Rom hin oder her, kaum eindrucksvoller beginnen können.
Text: F.A.Z., 31.08.2006, Nr. 202 / Seite 39
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS