Fernsehen

Winnetous Kampf gegen die Kommunisten

Von Franz Solms-Laubach, Split

Der ewige Winnetou: Pierre Brice

Der ewige Winnetou: Pierre Brice

16. Juni 2004 Als Winnetou Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Nachmittagsprogramm des ZDF starb, saß ich bei meiner Großmutter unterm Küchentisch und weinte. Niemand sollte mitbekommen, daß mich der Tod des großen Häuptlings der Mescalero-Apachen derart berührte. Schließlich kennt ein Indianer ja keinen Schmerz. Doch jetzt war alles anders, denn Winnetou war tot.

In diesem Herbst jedoch wird er wiederauferstehen, und zwar bei Kabel 1. Der Sender hat in Kroatien gerade mit den Dreharbeiten zu einer "Event-Dokumentation" mit dem Titel "Auf den Spuren Winnetous" begonnen, die im Rahmen eines Themenabends neben dem "Schatz im Silbersee" und anderen Karl-May-Verfilmungen zu sehen sein wird.

Es gehe darum, das "Making-of der Karl-May-Filme zu erreichen", sagt der Regisseur Axel Klawuhn: "Uns interessiert besonders, wie und unter welchen Bedingungen die Filme damals produziert worden sind und welche Probleme und Schwierigkeiten es dabei gab." Auf der Suche nach neuem Material war dem Regisseur unter anderem der Schauspieler Götz George behilflich, der im "Schatz im Silbersee", der ersten Karl-May-Verfilmung aus dem Jahre 1962, den deutschen Abenteurer Fred Engel spielte. George machte während der Dreharbeiten eigene Filmaufnahmen, die bisher nirgends zu sehen waren und die Arbeitsumstände von damals beleuchten sollen.

Am Fuß des Wasserfalls

Von der damaligen Besetzung sind Ralf Wolter, der als Sam Hawkens und Hadschi Alef Omar in dreizehn Karl-May-Verfilmungen mitgespielt hat, und die Schauspielerin Eva-Ruth Ebner nach Kroatien gereist. Sie wirkte damals als Regieassistentin an der Seite von Alfred Vohrer, der bei drei Winnetou-Verfilmungen Regie geführt hat und später die Edgar-Wallace-Filme drehte. Der Kristallisationspunkt bei den Dreharbeiten aber ist heute wie damals - Winnetou beziehungsweise Pierre Brice.

Schon als Fünfzehnjähriger hatte sich der Kameramann der aktuellen Kabel-1-Dokumentation Thomas Großmann die Frage gestellt, wo eigentlich die Filmheimat seines Jugendidols Winnetou lag. 1978 überredete er seine Eltern zu einem Sommerurlaub im heutigen Kroatien, er wollte mit einer Super-8-Kamera einen eigenen Dokumentarfilm über die Originalschauplätze der Karl-May-Verfilmungen drehen, für den er später auf einem Filmfestival sogar einen Preis erhielt.

Wildromantische Weiten

Daß er heute, gut sechsundzwanzig Jahre später, wieder an einer Dokumentation über Winnetou mitarbeitet, ist zwar nur Zufall, spricht aber Bände über den nachhaltigen Einfluß der Karl-May-Verfilmungen in Deutschland. Eine ganze Generation wuchs mit den eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen der Filme von Harald Reinl und Alfred Vohrer auf, die vorgeblich die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand in den wildromantischen Weiten der nordamerikanischen Prärie zeigten.

Doch von den Stützpunkten in Sibenik, Zadar und Rijeka aus fuhr damals der Troß nicht nach Nordamerika, sondern an verschiedene Drehorte in ganz Kroatien, wie etwa das Zrmanja-Plateau, das als Kulisse für Winnetous Sterbeszene diente. Insgesamt wurden fünf der elf Winnetou-Verfilmungen in Kroatien gedreht.

Die Filme waren auch im ehemaligen Jugoslawien ein "echter Renner", wie sich Marina Stefotic erinnert, die als Kind zufällig bei den Dreharbeiten zu einem Winnetou-Film am Fuß der Wasserfälle von Krka zugegen war. "Ich liebe diese Filme immer noch", sagt sie. "Aber meine Kinder kennen sie leider gar nicht, denn sie werden heute nicht mehr gezeigt. Damals gab es aber auch hier im Kino lange Schlangen, als die Filme zum ersten Mal gezeigt wurden." Aufgeregt ist die heute Fünfundvierzigjährige trotzdem, als sie "Winnetou" bei den Dreharbeiten von Kabel 1 abermals begegnet - für ihren Arbeitgeber, die Catering-Firma "Podravka", sei es "nicht selbstverständlich, Weltstars zu bewirten".

Er wird immer Winnetou bleiben

Derweil ist der Schauspieler Pierre Brice, der eigentlich Pierre Louis Baron de Bris heißt und in elf Karl-May-Verfilmungen in die Rolle des indianischen Gutmenschen schlüpfte, seine Rolle niemals losgeworden und in ihr aufgegangen. "Dieser Mann war Winnetou, er ist Winnetou, und er wird es für uns immer bleiben", hieß es einmal in der "Berliner Zeitung". Wie zur Bestätigung wurde Pierre Brice 1992 vom Stamm der Winnebago-Indianer in Nebraska zum Ehrenmitglied ernannt und unter dem Namen "Rainbow Man" in die Sippe aufgenommen. Figur und Schauspieler scheinen so sehr eins geworden, daß sie niemand mehr trennen kann. Am wenigsten Pierre Brice selbst, von dem im Herbst eine Autobiographie mit dem vielsagenden Titel "Winnetou und ich - Mein wahres Leben" erscheint.

Der erste Drehtag "Auf den Spuren Winnetous" macht Pierre Brice durchaus zu schaffen. Seit vier Jahrzehnten ist er nicht mehr an den Drehorten seiner Winnetou-Filme gewesen. Als er den "Silbersee", der eigentlich der Plitvicer See ist, wiedersieht, empfindet er dies als Jungbrunnen: "Ich dachte, ich trage wieder mein Lederkostüm, und gleich kommt Lex Barker um die Ecke, um mit mir eine neue Szene zu spielen." Mit dem Schauspielkollegen, der bereits 1973 verstarb, war Brice auch privat eng befreundet. Seine lebensbegleitende Figur des Apachenhäuptlings Winnetou indes nimmt Brice als philosophisches Vorbild in Anspruch: "Er verkörpert dieselben Werte, die ich in meinem Leben auch verteidigt habe. Er ist wie ich zurückhaltend, ja geradezu introvertiert, und er hat wie ich auch für die Menschenrechte, die Freiheit und den Frieden gekämpft."

Kampf gegen die Kommunisten

Wie ironiefrei Brice die Figur sieht, die sich Karl May mehr als hundert Jahre vor der Verfilmung ausgedacht hat, konnten wir bezeugen, als er in der ZDF-Show "Wetten, daß ...?" Michael Herbig wegen dessen genialer Persiflage "Der Schuh des Manitu" anging. Dem vermeintlichen Kampf für die Freiheit wird sich auch Brice' Buch widmen. Von seinem "Kampf gegen die Kommunisten in Indochina" bis zu einer vom ihm organisierten Hilfslieferung nach Bosnien im Jahr 1995 wird dieses Werk handeln. Sein Autor betrachtet sich seit Jahren als den "einzigen wirklichen Erben von Karl May".

Ralf Wolter sieht die Filmarbeit von damals hingegen ganz unidealisiert. "Mein Leben war nicht Karl May", sagt er. Als bleibenden Aspekt der Geschichten will Wolter jedoch die "völkerverbindende Idee der Blutsbrüderschaft zwischen dem Indianer Winnetou und dem weißen Siedler Old Shatterhand" verstanden wissen. Karl May habe so die "heute in vieler Hinsicht so dringend notwendige Völkerverständigung" propagiert. Den Verlust des Freundes Lex Barker hat auch er nicht verwunden: "Wegen unserer erheblichen Größenunterschiede sind wir drei damals immer wie ,Orgelpfeifen' aufgetreten."

Bann der Landschaft

Eva-Ruth Ebner, die heute als Schauspielerin arbeitet und gerade in einer Nebenrolle in der Edgar-Wallace-Persiflage "Der Wixxer" zu sehen ist, kommt in den Sinn, wie wenig zimperlich, ja geradezu grausam man bei den Dreharbeiten damals mit anderen Mitspielern umging. So habe der Regisseur Alfred Vohrer "sehr wenig Rücksicht auf die Tiere" genommen, die er im Film einsetzte.

Mit Drahtschlingen seien Pferde kameragerecht von ihren Reitern zu Fall gebracht worden, und einige seien bei den Dreharbeiten zu Tode gekommen. Die Menschen hätten vor dem Regisseur im Zweifel fortlaufen können, die Tiere nicht. Der Fall eines verwundeten Pferdes sei ihr als "Blutbad" heute noch gegenwärtig. Rücksichtnahme im Umgang mit den Tieren, auf deren Leistung es beim Dreh sehr wohl ankam, sei dem Regisseur Vohrer fremd gewesen.

Antiquierte Blutsbrüderschaft

Die Blutsbrüderschaft à la Karl May wiederum erscheine ihr heute "etwas antiquiert", sagt die Zweiundachtzigjährige im Gespräch. Den nachhaltigen Erfolg der Filme erklärt sie sich mit der Beliebtheit der Darsteller und der Landschaft Kroatiens: "Ich glaube, ohne daß sie sich dessen bewußt werden, sind es in erster Linie die Landschaften, die einfach nur durch ihre Schönheit wirken und so die Zuschauer in ihren Bann ziehen."

Als Kabel 1 zum letzten Mal vor zwei Jahren die elfteilige Winnetou-Reihe ausstrahlte, wollten das im Schnitt noch immer 1,87 Millionen Zuschauer sehen. Für die unzähligste Wiederholung nach mehr als vierzig Jahren ist das ein beachtlicher Erfolg, an den Kabel 1 im Herbst anknüpfen will, was immer die Karl-May-Protagonisten von einst auch persönlich mit diesem filmhistorischen Erbe anfangen mögen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2004, Nr. 137 / Seite 46
Bildmaterial: dpa, Kabel 1, obs

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche