18. Februar 2005 Das auffälligste an dieser Berlinale war von Anfang an, daß gleich fünf französische Filme in den Wettbewerb eingeladen wurden. So viele leistet sich selbst Cannes nur selten, und man kann nur hoffen, daß diese Umarmungsstrategie bei den Franzosen auf entsprechende Gegenliebe stößt, wenn es wieder um die leidige Frage geht, ob deutsche Filme am Wettbewerb in Cannes teilnehmen dürfen.
Zur Eröffnung gab es Régis Wargniers verkorkste Renommierproduktion "Man to Man", die gleichzeitig zu groß und zu klein war, dann André Téchinés "Les temps qui changent", ein Verwirrspiel um Lebens- und Beziehungsformen, Gewohnheit und Leidenschaft. Es folgten Robert Guédiguians "Le promeneur du Champ de Mars", ein versonnenes Kabinettstück über den späten Mitterrand - und nun noch Alain Corneaus "Les mots bleus" und Jacques Audiards "De battre mon coeur s'est arrêté", die ebenfalls von höchst unterschiedlichem Naturell sind.
Kinderwelt aus Zeichen und Gesten
Corneau ist ein Regisseur, der in seinen Kriminalfilmen und Literaturverfilmungen für seine Stilsicherheit, noch mehr sogar für seine Stilisierungen bekannt ist. Um so erstaunlicher, daß "Les mots bleus" so ungelenk und fast naiv wirkt wie das Debüt eines Filmhochschülers. Schon unter dem Vorspann zeichnet eine Kinderhand mit Filzstiften, was Kinder eben so zeichnen, und auch sonst wird bemüht, was die Kinderwelt an Poesie so hergibt, Seifenblasen, Muscheln im Sand und ähnlicher Klimbim.
Es geht um ein kleines Mädchen, das sich so hartnäckig zu sprechen weigert, daß es auf eine Taubstummenschule geschickt werden muß. Annas Mutter (Sylvie Testud) wiederum kann nicht lesen, was in einer Rückblende damit in Zusammenhang gebracht wird, daß einst ihre Großmutter beim Vorlesen einem Schlaganfall erlegen ist.
So graben sich Mutter und Tochter in eine Kinderwelt aus Zeichen und Gesten ein, aus der sie durch den Taubstummenlehrer (Sergi Lopez) erlöst werden müssen, der seinerseits panische Angst vorm Erblinden hat. Ein Film also über Augen, Mund und Ohren, der sich in allerlei psychologischen Kurzschlüssen gefällt und doch seltsam schwammig bleibt. Corneau meint es mit allen gut, verrät jedoch nicht, was er mit den "mots bleus", den blauen Worten, eigentlich meint.
Vielleicht der stärkste Film dieser Berlinale
Um so beglückender war es, endlich einen Film im Wettbewerb zu sehen, der Ernst macht mit seinen Figuren und ihren Sehnsüchten, der nicht in Ironie flüchtet, sondern mit einer Dringlichkeit erzählt, die ganz und gar von dieser Welt ist. "De battre mon coeur s'est arrêté" von Jacques Audiard ist vielleicht der stärkste Film dieser Berlinale, sicher aber der intensivste. Das Merkwürdige besteht darin, daß es sich um ein Remake eines amerikanischen Films handelt. So wird also der Spieß umgedreht, was die kinematographische Verwertungskette zwischen beiden Ländern angeht. 1977 hatte James Toback mit Harvey Keitel in der Hauptrolle "Fingers" inszeniert, die Geschichte eines hypernervösen Schuldeneintreibers, der es als Konzertpianist zu etwas bringen will.
Der Film lief bei uns unter dem idiotischen und doch auch treffenden Titel "Fingers - zärtlich und brutal", fand ein paar begeisterte Anhänger, hatte aber nicht den geringsten Erfolg. Kritiker bemängelten Keitels zügellose Spielweise, dabei bezog die Geschichte gerade aus dem immensen Druck, unter dem dieser Mann steht, ihre Spannung. Im einen Moment explodiert er, weil sich im Park jemand darüber beschwert, daß sein Kassettenrecorder mit voller Lautstärke "Summertime" spielt, im nächsten Moment versucht er, eine Beethoven-Sonate zu meistern. Ein verkanntes Meisterwerk, das es locker mit "Mean Streets" aufnehmen konnte, aber irgendwie durchs Raster gefallen ist.
Offenbar gehörte auch Jacques Audiard zu den Fans von "Fingers", und so hat er die Geschichte nach Paris verlegt und die Hauptrolle Romain Duris gegeben, der hier beweist, daß er mehr ist als nur der hübsche Junge aus "Auberge espagnole". Auch er ist dauernd auf dem Sprung, hat einen unsteten Blick und hört in jeder freien Minute laut Musik, als könnte er damit seine innere Unruhe übertönen. Tom ist in dubiose Immobiliengeschäfte verwickelt, bei denen er auch mal selbst mit anpackt und Ratten aussetzt, um die unliebsamen Mieter schneller zum Auszug zu bewegen.
Nur die Musik gibt so etwas wie Halt
Und wenn ihn sein Vater, dessen Geschäfte kaum weniger unseriös sind, bittet, irgendwelchen Mietforderungen Nachdruck zu verleihen, dann kann der Sohn auch unglaublich brutal zuschlagen. Daß sich Tom dabei die Hand verletzt, kommt ungelegen, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, doch noch wie seine tote Mutter Karriere als Pianist zu machen, obwohl er seit Jahren nicht mehr gespielt hat. Deshalb nimmt er Stunden bei einer Chinesin, die kein Wort Französisch versteht und seinen Ausbrüchen von Frustration hilflos gegenübersteht.
Audiard folgt all dem mit einer nervösen Kamera, die aus Paris eine Schattenwelt macht, in der nur die Musik so etwas wie Halt gibt. Und er schafft es, daß man diesem wenig sympathischen Typen irgendwann doch beisteht und hofft, er möge erlöst werden von der Schuld, die auf ihm und allen anderen Figuren so übermächtig zu lasten scheint. Denn das ganze Leben ist bei Audiard eine offene Rechnung.
Text: F.A.Z., 18.02.2005, Nr. 41 / Seite 42
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