Cannes

Die wahre Schule des Lebens

Von Andreas Kilb, Cannes

Nimmt den Ruhm gelassen: Pedro Almodóvar

Nimmt den Ruhm gelassen: Pedro Almodóvar

12. Mai 2004 Das stockwerkhohe Plakat, das für die Fortsetzung des amerikanischen Kassenerfolgs "Spiderman" wirbt, flattert zwischen den Türmchen des Hotels Carlton im Wind. Am Himmel darüber ziehen graue Wolkenheere zur Schlacht nach Osten. Gerade rechtzeitig zur Pressevorführung von Pedro Almodóvars Film "La Mala Educación" (Die schlechte Erziehung), der in diesem Jahr das Festival eröffnet, fallen die ersten Tropfen. Auch für die Eröffnungsgala am Abend ist Regen angesagt.

In den überdachten Pavillons des Internationalen Filmmarkts hinter dem Festivalpalast packen unterdessen die Geschäftsleute der Branche ungerührt ihre Laptops aus. Und in den Fachzeitschriften, die an der Croisette ausliegen, liest man, daß das ehemalige Double von Saddam Husseins Sohn Uday in einem kugelsicheren Mercedes nach Cannes kommen wird, um für ein Spielfilmprojekt über sein Leben zu werben, und daß Oscar Wildes "Bildnis des Dorian Gray" ein weiteres Mal verfilmt worden ist.

Bilder und Gegenbilder

Es sind die alten Themen des Festivals: Bilder und Gegenbilder, Macht, Geld, Hollywood, Film als Kunst und Film als Show. Und das Wetter. Daß jede vierte Cannes-Eröffnung unter ein Tiefdruckgebiet fällt, ist statistisch erwiesen, aber in diesem Jahr hat sich auch noch eine andere, innenpolitische Wolke über dem Festival zusammengeballt.

Die Interessenvertreter der "intermittents", der künstlerischen Saisonarbeiter in Frankreich, deren Sozialversicherungsmodell vor dem Zusammenbruch steht, drohten vor Wochenfrist, das Kinofest durch Protestaktionen zu sabotieren. Am vergangenen Samstag wurde ein Kopierwerk bei Paris, das Filmrollen nach Cannes ausliefern wollte, von Demonstranten belagert; die Gala am Eröffnungsabend mit der vielbestaunten "montée des marches", der Promenade der Stars und Kulturbürokraten auf dem roten Teppich vor dem Festivalpalast, sollte das nächste Opfer sein.

Fieberhafte Verhandlungen

Rasch wurde aber klar, daß weder die französische Kulturindustrie noch die Stadt Cannes sich ein Debakel wie das von Avignon im vergangenen Jahr, als die "intermittents" den Abbruch des Theaterfestivals erzwangen, würden leisten können. So begannen fieberhafte Verhandlungen, die am gestrigen Dienstag schließlich Erfolg hatten. Die Tänzer, Schauspieler, Kostümarbeiter und Techniker bekamen von der Festivaldirektion einen genau abgegrenzten Spielraum zur Darstellung ihrer Forderungen eingeräumt.

So dürfen exakt zwanzig "intermittents" vor dem Beginn der "montée des marches" auf der Treppe zum Grand Auditorium Lumière erscheinen, um auf ihre Notlage hinzuweisen. Ein eigener Raum im Festivalpalast, die "salle des mutilés", also der Saal der Kriegsversehrten, wird den Teilzeitkünstlern als Kommunikationszentrum eingeräumt. Auch eine Pressekonferenz und ein Protestpicknick am öffentlichen Strand der Croisette sind geplant.

Notfalls Skandale

Ob sich die Saisonarbeiter, zu denen auch eine vielsagend "K.O. Cannes" getaufte Gruppe aus Marseille gehört, auf diese Weise besänftigen lassen werden, steht freilich in den Sternen. Cannes ist nicht der Ort, an dem Regeln sklavisch eingehalten werden, seien es künstlerische, politische oder moralische. Seit es das Festival gibt, kommen Menschen hierher, um gegen alle Widerstände berühmt zu werden, notfalls durch einen Skandal. Agnès Jaoui und Jean-Luc Godard, deren neue Filme im offiziellen Programm laufen, haben bereits Sympathie mit den "intermittents" bekundet, und so steht zu erwarten, daß deren Sache auch außerhalb des Saals der Kriegsversehrten zur Sprache kommen wird.

Einer, der keinen Skandal brauchen wird, um in diesem Jahr in Cannes berühmt zu werden, ist der Schauspieler Gael García Bernal. Bernal spielt gleich in zweien der Wettbewerbsfilme an der Croisette die Hauptrolle: In Walter Salles' "Motorcycle Diaries", der am kommenden Mittwoch gezeigt werden wird, ist er der junge, noch vorrevolutionäre Che Guevara; und in Almodóvars "La Mala Educación" hat er sogar drei Namen und entsprechend viele Gesichter, Angel, Juan und Zahara. Angel, so nennt sich der ehrgeizige Junge, der eines schönen Tages im Jahr 1980 in das Büro seines ehemaligen Klassenkameraden und jetzigen Filmregisseurs Enrique (Fele Martínez) gestürmt kommt. Er sei Schauspieler und suche eine Rolle, sagt Angel zu Enrique, und außerdem habe er eine Erzählung geschrieben, "Der Besuch". Enrique liest die Erzählung - und stellt fest, daß er darin eine der Hauptfiguren ist.

Liebe zwischen Schuljungen

Es geht um die Liebe zwischen zwei Schuljungen, Enrique und Ignacio, und um den bösen, kinderschänderischen Padre Manolo, der sie zerstört. Der Pater und seine Kollegen gehören zum Lehrkörper einer Jesuitenschule, die ihre Zöglinge im Geist der alten Kirche verzieht und verbiegt. Aber die Priester werden ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht, und so ist es am Ende nicht die leibfeindliche Moral, sondern die reine Eifersucht, die den liebesblinden Manolo zur Furie werden läßt. Viele Jahre später kehrt Ignacio, der inzwischen als Transvestit auftritt und sich Zahara nennt, an den Ort seiner Leiden zurück, um erpresserisch Rache zu nehmen. Der Pater, der ihn als Knaben begehrt hat, soll ihm nun die Operation bezahlen, die seinen Körper in den einer Frau verwandelt.

Enrique entschließt sich, den "Besuch" zu verfilmen. Doch er will Angel, den er für den erwachsen gewordenen Ignacio hält, nicht die Hauptrolle in der Geschichte geben. Sie streiten sich, es kommt zum Bruch, das Filmprojekt droht zu scheitern. Aber durch einen Zufall, ein liegengelassenes Feuerzeug, auf dem Enrique eine Adresse in Galicien entziffert, öffnet sich ein zweites Fenster in die Vergangenheit.

Die Geschichte, die in ihm erscheint, ist noch trauriger als die erste. Sie handelt von zwei Brüdern, dem drogensüchtigen, selbstmitleidigen Ignacio (Francisco Boira) und dem verschlossenen Juan, die unter einem Dach leben und sich hassen. Eines Tages entdeckt Ignacio, daß sein alter Quälgeist, der Pater, inzwischen unter dem Namen Berenguer als Verlagslektor arbeitet. Er beginnt, Berenguer zu erpressen. Als dieser zu ihm in die Wohnung kommt, um Geld abzuliefern, sieht er Juan und verliebt sich in ihn. Damit beginnt eine ménage à trois, die für einen der drei Beteiligten tödlich endet. Als Ignacio seinen letzten Atemzug aushaucht, fällt sein Kopf auf die Tasten seiner Olivetti-Schreibmaschine. "Ich habe es endlich geschafft", steht da als letzter Satz. Nein, er nicht - aber Pedro Almodóvar hat es wieder einmal geschafft, das Kino zum Instrument seiner Obsessionen zu machen.

Rückkehr in die Achtziger

"La Mala Educación" ist, im Sujet wie im Tonfall, eine Rückkehr zu Almodóvars Filmen der achtziger Jahre, besonders zu "Das Gesetz der Begierde" und "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Hier wie dort werden Schreiben, Filmen und Leben, die Wirklichkeit und ihre künstlerische Spiegelung miteinander kurzgeschlossen, bis sie Funken sprühen. Wieder ist das Studio der Ort, an dem die Wahrheit über die Welt draußen zutage kommt, und immer noch werden die Geschichten der Helden auf einer alten Schreibmaschine verfaßt.

Aber wenn man an die Filme von damals zurückdenkt, sieht man zugleich, wie weit Almodóvar inzwischen gekommen ist. Denn das eigentlich Großartige an "La Mala Educación" ist nicht die Erzählung, sondern ihre Montage. Der Film ist wie ein Kaleidoskop gebaut, in dem das erzählende Auge frei zwischen den Zeiten und Räumen hin und her zu springen scheint, mit einer Leichtigkeit, die es sonst nur in Träumen gibt. Jede dieser Erzählungen funktioniert auch ganz für sich, und doch ergeben sie zusammen ein neues Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile, ein Wunderwerk der filmischen Konstruktion.

Alles auf einmal

Almodóvar, um Selbsteinschätzung nie verlegen, hat "La Mala Educación" als film noir und Gael García Bernal als femme fatale der Story bezeichnet. Genausogut könnte man den Film ein Melodram nennen oder eine Familiensaga oder eine Schlüsselgeschichte über das Kino. Almodóvars Filme sind immer alles auf einmal, und genau das macht ihren Zauber aus, ihre Überlegenheit im ästhetischen wie moralischen Sinn.

Das letzte Wort in "La Mala Educación" lautet "pasión", Leidenschaft, und zu dieser Leidenschaftlichkeit gehört auch, daß keine der handelnden Personen von der Regie denunziert wird, die Mörder sowenig wie ihr schuldloses Opfer. Als Juan und Berenguer ihre Tat vollbracht haben, gehen sie, was sonst, ins Kino. Dort laufen, in einer Retrospektive, gerade "Double Indemnity" und "La bête humaine". "Alle diese Filme reden von uns" sagt der eine zum anderen. Bei Pedro Almodóvar ist das Kino die wahre Schule des Lebens.

Es kann nur besser werden

"Alle diese Filme reden von uns": Das würde man am Ende auch gern über dieses Festival sagen. Tatsächlich kann es in Cannes diesmal nur besser werden nach einem Vorjahresprogramm, in dem die meisten Beiträge vor allem von sich selbst geredet haben. Thierry Frémaux, seit Anfang 2000 Programmchef in Cannes, hat in diesem Jahr, wie er erklärt, zum ersten Mal alle Beiträge des Wettbewerbs und der Nebenreihe "Un Certain Regard" allein ausgewählt, ohne Beaufsichtigung durch seinen Vorgänger und jetzigen Vorgesetzten Gilles Jacob.

An Jacob kann es also nicht liegen, wenn Emir Kusturica, Joel und Ethan Coen, Wong Kar-wai, Olivier Assayas und der Österreicher Hans Weingartner mit seinem deutschen Film "Die fetten Jahre sind vorbei" die Erwartungen der Welt enttäuschen sollten und die Jury unter dem Vorsitz von Quentin Tarantino sich andere, weniger bekannte Preisträger suchen muß. Die Zeiten, in denen die großen Namen auf diesem Festival auch die großen Preise gewannen, sind lange vorüber. Auch das gehört zu den wechselhaften Wetterbedingungen von Cannes.

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes finden in diesem Jahr zum 57. Mal statt. Premiere hatte das größte Filmfestival der Welt 1946. In den Jahren 1948 und 1950 mußte es jeweils ausfallen, in den besonders in Frankreich tobenden Wirren von 1968 einmal abgebrochen werden. Im Wettbewerb um die Goldene Palme stehen diesmal achtzehn Filme, deutlich weniger als in der Vergangenheit. Eröffnungs- und Schlußfilm laufen außer Konkurrenz; sechzehn weitere Filme werden zusätzlich außer Konkurrenz gezeigt, darunter Wolfgang Petersens "Troja" und "Kill Bill Volume 2" von Quentin Tarantino. Der amerikanische Regisseur hat in diesem Jahr den Juryvorsitz inne. Die neben dem Wettbewerb ebenso traditionelle Reihe "Un Certain Regard" umfaßt 21 Beiträge.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2004, Nr. 111 / Seite 42
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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