Brigitte Bardot wird siebzig

Und immer lockt das Weib

Von Michael Althen

28. September 2004 Die beste Szene ihrer Karriere stand überhaupt nie im Drehbuch. Jean-Luc Godard hatte seine Verfilmung von Alberto Moravias "Verachtung" bereits abgedreht, als die Produzenten verlangten, sie wollten für ihr Geld gefälligst mehr von der Bardot sehen. Wahrscheinlich war jeder Widerstand zwecklos, so daß Godard dem Ansinnen auf seine Weise nachkam. Er drehte eine Szene, die gleichzeitig wunderschön und ungemein bissig war, indem er dem Voyeurismus der Produzenten - und natürlich der Zuschauer - einen Spiegel vorhielt.

Godard legte die Bardot zusammen mit Michel Piccoli auf ein zerwühltes Bett und ließ eine Neonreklame vor dem Fenster ihren nackten Körper in immer neues Licht tauchen. Da liegt sie also und fragt ihren Liebhaber mit der Stimme des verwöhnten Mädchens, was er mehr liebe, ihre Brüste oder ihre Brustwarzen, und er sagt: beides. Und ihre Schenkel, ob er die liebe? Ja. Und ihren Hintern? Ihren Mund? Ihre Füße? Ja. Ja. Ja. Und es ist, als stecke in dieser Szene der ganze Sirenengesang des Kinos, das den Massen im Dunkel fortwährend zuzusäuseln scheint: "Et mes seins, tu les aimes?"

Die Grammatik körperlicher Liebe

Selten erschien ein Star nackter als die Bardot auf diesem Bett, entblößt in ihrem Bedürfnis, geliebt zu werden, gefangen in der narzißtischen Pose einer öffentlichen Frau. Und trotzdem oder gerade deswegen war kaum jemand verführerischer als sie, wie sie ganz ungeniert die Grammatik der körperlichen Liebe durchdekliniert.

Der Kameramann Raoul Coutard hat hinterher gesagt, "Die Verachtung" sei Godards Millionen-Dollar-Liebesbrief an seine Frau, die Schauspielerin Anna Karina, gewesen, aber wenn man so will, dann hat er mit dieser Szene es sich nicht nehmen lassen, ihr seine Macht als Regisseur vorzuführen. Denn letztlich besagte die Nacktszene nur: Sieh her, wenn ich will, kann ich die schönste Frau der Welt in mein Bett legen und ihr diktieren, was sie zu sagen hat. Die Bardot jedenfalls schien von solchen Erwägungen unberührt, spielte ihr Spiel und wahrte ihr Mysterium.

Aufregend und empörend

Wer glaubt, BB habe nur ihre Haut zu Markte getragen, ahnt nicht, welchen Skandal sie einst auslöste, als sie sich für Roger Vadims "Und immer lockt das Weib" auszog - und wie gleichmütig sie darauf bestand, dem Bild der selbstbestimmten Sexualität auch im Leben zu entsprechen. Mag sein, daß der ganze Rummel um das süße Leben des Jet-sets in Saint-Tropez irgendwann abgeschmackt wirkte, aber einst war das so aufregend und empörend, wie Bardot sich darin bewegte, daß Simone de Beauvoir ihr zur Seite sprang und sie im amerikanischen "Playboy" als Vorkämpferin des Feminismus feierte.

Die Kindfrau mit dem Schmollmund und der wilden Mähne wurde zum Sexsymbol, mit dem das Kino erstaunlich selten etwas anzufangen wußte. Vielleicht spürte sie auch selbst, daß sie nicht viel mehr zu bieten hatte, zog sich 1973 aus dem Filmgeschäft zurück und widmet sich seither mit wechselndem Geschick anderen Anliegen. An ihrem siebzigsten Geburtstag aber darf man daran erinnern, daß das Kino Brigitte Bardot einen seiner schönsten Momente verdankt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite 39
Bildmaterial: afp, AP, ARTE, Chayette & Cheval, dpa, dpa/dpaweb, Votava

 
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