17. Februar 2005 Mit Wasser kann man im Kino interessante Dinge anstellen. Man kann, beispielsweise, das Meer zeigen, wie es ist: blau und leer (die Antonioni-Variante). Man kann einen Hai darin loslassen und seinen Attacken auf die zappelnden Beine der Badegäste zugucken (die Spielberg-Variante). Oder man kann Brigitte Bardot oder Catherine Deneuve oder Fanny Ardant oder Emmanuelle Beart nackt in ein Schaumbad setzen und ihnen einen Roman von Balzac in die Hand drücken (die französische Variante).
Wie man es aber auch dreht und wendet, mit dem Einsatz von Wasser geht immer eine gewisse Vermischung und Verwischung der filmischen Formen einher. Zelluloid ist lichtempfindlich, aber auch Feuchtigkeit hinterläßt darauf ihre Spuren, so daß man manchmal nicht genau weiß, ob man gerade die Einfälle des Regisseurs anschaut oder eher seine technischen Pannen.
Dürre in Taipeh
In Tsai Ming-Liangs Wettbewerbsfilm The Wayward Cloud herrscht Dürre in Taipeh. Wasser ist kostbar, Wassermelonen dagegen gibt es reichlich, und so werden sie gern als Requisit auf dem Sexfilmset im obersten Stock eines städtischen Wohnblocks benutzt, wo der junge Kang-Sheng mit seiner Partnerin die genreüblichen Stellungswechsel durchspielt.
Ein Stockwerk tiefer sitzt die junge Shiang-Chyi in ihrem Apartment, trinkt Wassermelonensaft und langweilt sich. Bei einem ihrer Streifzüge durch die sommerliche Stadt, auf denen sie in öffentlichen Toiletten ihre Plastikwasserflaschen nachfüllt, trifft sie Kang-Sheng, und es beginnt eine taiwanische Liebesgeschichte, die nur daran krankt, daß ihr Romeo eben Sexfilmdarsteller und ihr Regisseur Tsai Ming-Liang leider auch kein richtiger Liebesgeschichtenerzähler ist.
Existentielle Tristesse
Es wird auch gesungen in The Wayward Cloud - in knallbunten Kostümen vor knallbunten Kulissen -, und es gibt neben jenen Stilleben existentieller Tristesse, für die der Regisseur bekannt ist, einige explizite Sexszenen, so daß die Frage, zu welcher Sorte Kino der Film eigentlich gehört, nur mit einem entschiedenen Sowohl-Als-auch beantwortet werden kann.
Das durchgängige Thema in Tsai Ming-Liangs Filmen ist der menschliche Körper als Medium zivilisatorischer Störungen, und so liegt auch in The Wayward Cloud das wahre Wasserproblem nicht draußen vor der Tür, sondern in den Figuren selbst. Sie schlucken und gurgeln und schlürfen, aber ihr Durst wird nie gelöscht, weil ihn nur jene Erfahrung von Nähe stillen könnte, die bei Tsai niemandem vergönnt ist. Am Ende sind der Mann und das Mädchen auf eine Weise ineinander verkeilt, die den tödlichen Stand-offs bei Tarantino entspricht, bei denen es ebenfalls nur Verlierer gibt. Dann läßt uns der Film mit seinen Allegorien endlich in Ruhe, und wir gehen mit Wes Anderson auf Tauchfahrt, um uns von Tsai Ming-Liangs Wassermelonen zu erholen.
Ziemlich grobe Parodie
Anderson hat unter den Möglichkeiten des Wasserfilms eine Abart der Antonioni-Variante gewählt, die Wertmüller-Version, wie schon der Titel seines Films verrät: The Life Aquatic With Steve Zissou. Steve Zissou, das ist Bill Murray als ziemlich grobe Parodie von Jacques-Yves Cousteau, und das aquatische Leben besteht in einem Bootstrip vor der afrikanischen Küste, bei dem Zissou, sein Sohn Ned (Owen Wilsen), die Reporterin Jane (Cate Blanchett) und andere schräge Vögel allerlei Slapstick-Abenteuer bestehen müssen, bis es am Ende zu einem echten Todesfall kommt.
Diese Mischung aus Drama und Groteske hat schon bei Lina Wertmüller schlecht funktioniert, und bei Anderson, der mit seinen Flausen dem amerikanischen Independent-Kino Beine machen will, klappt sie nicht besser. The Life Aquatic ist ein 20-Millionen-Dollar-Scherz und damit für einen Scherz zu teuer, für einen Festivalfilm zu billig. Nur als Gegengift zu The Wayward Cloud taugt er recht gut. Man kann aber auch einfach ein Bad nehmen.
Text: F.A.Z., 17.02.2005, Nr. 40 / Seite 44
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb