Bollywood auf der Berlinale

Laute Tage im Klischee

Von Andreas Platthaus

So gülden glänzt nur Bollywood: Szene aus „Om Shanti Om”

So gülden glänzt nur Bollywood: Szene aus „Om Shanti Om”

08. Februar 2008 Der größte Star des Festivals gibt der Berlinale an diesem Freitagabend die Ehre. Was sich am Kino International in Berlin abspielen wird, hat noch andere Dimensionen als der Eröffnungsabend vor dem Berlinale Palast. Denn erwartet wird kein Geringerer als Shah Rukh Khan, ein Superstar, der für das indische Kino eine Bedeutung hat wie die Beatles, Bob Dylan und die Rolling Stones zusammen für den Rock ’n’ Roll oder Scorsese, Spielberg und George Lucas gemeinsam für Hollywood.

Im Büro der Berlinale versuchten bis zuletzt Anrufer aus ganz Europa noch Karten für die längst ausverkaufte Vorstellung in Anwesenheit des Hauptdarstellers zu bekommen, und es sind vor allem junge Fans, die sich für Shah Rukh Khan begeistern, denn der weltweite Siegeszug des Bollywood-Kinos setzte erst vor einem halben Jahrzehnt ein, als der Schauspieler in seiner Heimat gerade den Gipfel erreicht hatte.

Nach fünf Minuten die erste Gesangsmassenszene

Der Superstar als Schleppenhalter: Shah Rukh Khan mit Deepika Padukone in “Om Shanti Om“

Der Superstar als Schleppenhalter: Shah Rukh Khan mit Deepika Padukone in "Om Shanti Om"

Seitdem hat er ihn nicht wieder verlassen, und sein neuer Film „Om Shanti Om“ wird den internationalen Ruhm eher noch mehren. Was da in beinahe drei Stunden auf der Leinwand entfesselt wird, ist ein Farben- und Bewegungsfeuerwerk, wie es selbst ein bollywoodverwöhntes Publikum noch nicht gesehen hat. Es dauert keine fünf Minuten – und das will etwas heißen bei der Vielzahl von beteiligten Produktionsgesellschaften, zu ehrenden Sponsoren und zu dankenden Mitwirkenden, die alle schon vor Beginn des Films erwähnt sein wollen –, bis die erste Gesangsmassenszene inszeniert wird: als Reminiszenz an die Disco-Ära der späten siebziger Jahre.

Später werden wir noch tanzende Tennisspieler, Bergleute oder Piraten sehen, und das in Kulissen, die vom Meer bis zum Gebirge und von Indien bis Europa kein Klischee auslassen. Es ist dieser Eklektizismus der Bilder, Klänge und Tänze, der das gegenwärtige Bollywood-Kino so beliebt gemacht hat. Es plündert den ganzen Globus, und so findet auch der ganze Globus sein Gefallen am Resultat.

Liebe, Tod und viel Lloyd Webber

In „Om Shanti Om“, dem zweiten Spielfilm der Regisseurin Farah Khan, die vor vier Jahren mit „Main Hoon Na“ ihr bejubeltes (und gleichfalls durch die Mitwirkung Shah Rukh Khans geadeltes) Debüt herausgebracht hat, ist dieses Rezept zur Vollendung gebracht. Man nehme nur die unzähligen Anleihen bei den Musicals von Andrew Lloyd Webber – Szenenbilder, Handlungsfäden, ja sogar Melodiebögen –, was aber nicht verwunderlich ist, denn Farah Khan hat vor ihrer Regiekarriere mit Lloyd Webber zusammengearbeitet.

Und doch ist „Om Shanti Om“ ein organisches Werk, weil Farah Khan, die auch das Drehbuch schrieb, einen simplen Trick verwendet: Sie siedelt das Geschehen im indischen Filmgeschäft an und kann dadurch jede beliebige Kulisse und jede noch so aberwitzige Wendung plausibel machen. Shah Rukh Khan spielt einen jungen Statisten namens Om Prakash, der sich in der ersten Hälfte des Films, die in den siebziger Jahren angesiedelt ist, in die erfolgreiche Schauspielerin Shanti verliebt, die aber von ihrem Ehemann, einem ehrgeizigen Produzenten, ermordet wird. Beim Versuch, seine große Liebe zu retten, stirbt auch Om Prakash.

Ein Kino, das vor Selbstbewusstsein strotzt

Ein verblüffendes Ereignis, zweifellos, aber natürlich wird Shah Rukh Khan in der zweiten Hälfte noch gebraucht. Sie ist in der Gegenwart angesiedelt, und der gestorbene Statist ist in Om Kapoor wiedergeboren worden und nun ein Superstar. Wie hier der wahre einen fiktiven Star spielt, das hat die boshaften Qualitäten von Robert Altmans Hollywood-Satire „The Player“. Und dass so ziemlich alle Größen des indischen Kinos kleine Gastauftritte in der wildesten Tanzszene zum dreißigsten Geburtstag von Om Kapoor absolvieren, zeigt, dass Farah Khan nicht weniger im Sinn hatte als eine enzyklopädische Hommage an die Filme ihrer Heimat.

Wiedergeburt als Boygroup-Boy

Wiedergeburt als Boygroup-Boy

Der wiedergeborene Om erinnert sich nach und nach an seine frühere Existenz und klärt dabei auch den Mord an Shanti auf – und rächt ihn. Das geschieht durch den aberwitzigsten Kniff des Drehbuchs: Im Film wird ein Film gedreht, der auch „Om Shanti Om“ heißt, und man darf am Ende rätseln, ob beide nicht identisch sind. Zumal man während des Abspanns Bilder von der Premierenfeier des fiktiven „Om Shanti Om“ sehen kann, zu der aber die Mitwirkenden am realen „Om Shanti Om“ vorfahren. Diesen hübschen Gag hatte Farah Khan schon bei ihrem Erstling verwendet, aber diesmal passt der Effekt genau. Hier zelebriert sich ein Kino, das vor Selbstbewusstsein strotzt. Nur der Besuch von Madonna am kommenden Mittwoch könnte dieser indischen Invasion auf der Berlinale noch etwas entgegensetzen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Berlinale

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