17. Mai 2004 Zwei Wochen liegen zwischen der tosenden Schlagzeile "Abscheulich", mit der der "Daily Mirror" die Bilder von vermeintlichen Vergehen britischer Soldaten gegen irakische Gefangene kommentierte, und dem kleinlauten "Sorry . . . wir sind gefoppt worden" vom vergangenen Samstag. Zwei Wochen, die das Schicksal des Chefredakteurs Piers Morgan besiegelt haben. Zwei Wochen, die auch Tony Blairs Schicksal bestimmen könnten.
Denn obwohl sich die vom "Mirror" veröffentlichten Folteraufnahmen als Fälschung erwiesen haben, verstummen die Gerüchte über Vergehen amerikanischer und britischer Truppen im Irak keineswegs. Die Kriegsgegner sehen sich bestätigt, und innerhalb des Kabinetts wächst der Druck auf den Premierminister. Selbst sein Stellvertreter John Prescott spricht offen darüber, daß Blair vorzeitig aus dem Amt scheiden könnte. Und im Lager des Schatzkanzlers Gordon Brown, dessen Ehrgeiz, doch noch Premierminister zu werden, kein Geheimnis ist, sollen bereits Kabinettslisten aufgestellt werden.
Morgan ging stets bis zum Äußersten
Bislang aber hat kein Politiker den Kopf hinhalten müssen für die Irak-Politik. Selbst Verteidigungsminister Hoon, dessen Rücktritt während der Hutton-Untersuchung der Umstände, die zum Tod des Waffenfachmannes David Kelly führten, noch als sicher galt, sitzt noch in Amt und Würden. Bei den Medien ist es anders. Piers Morgan ist nach Andrew Gilligan, dem BBC-Reporter, der behauptete, die Regierung habe ihr Irak-Dossier nachgebessert, und den zwei Männern an der Spitze der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt der vierte Medienvertreter, der im Zusammenhang mit dem Irak gehen mußte.
In der Branche, hieß es immer, Morgan habe wie eine Katze neun Leben. In seinen bald neun Jahren beim "Daily Mirror" hat der dynamische Chefredakteur zur Verblüffung von Beobachtern schon manche Krise durchgestanden. Als er die Führung bei dem Boulevardblatt übernahm, ging ihm schon ein Ruf wie Donnerhall voraus. Und obwohl die "Sun" eine viel höhere Auflage hat als der "Mirror", war Morgan der prominenteste Chefredakteur in Fleet Street, wie die in London hergestellten überregionalen Zeitungen kollektiv noch heißen - auch wenn sie längst über die Stadt zerstreut sind. Mit jener Kaltschnäuzigkeit, die zum Beruf gehört, ging Morgan stets bis zum Äußersten. Manche sahen ihn bloß als Glücksspieler, andere hielten ihn für einen begnadeten Boulevard-Chefredakteur. Jedenfalls sorgte er dafür, daß sein Name im Gespräch blieb.
Viele Entgleisungen
Nach ersten Schritten bei kleinen Lokalzeitungen der Südlondoner Vororte wurde er Showbusiness-Redakteur des "Sun", wo er sich bewährte in dem harten Wettstreit um Exklusivgeschichten über Prominente und Halbprominente. Mit nur achtundzwanzig Jahren machte ihn Rupert Murdoch zum Chefredakteur des sonntäglichen Massenblatts "News of the World". Es dauerte allerdings nicht lange, bis ihm ein Bericht über die Leiden der Gräfin Spencer, damals noch Schwägerin der Prinzessin von Wales, eine persönliche Rüge seines Arbeitgebers einbrachte.
Und wenig später wechselte Morgan zum "Mirror", wo er seine Karriere mit eklatanten Entgleisungen immer wieder aufs Spiel setzte. Da war die Schlagzeile vor dem Halbfinale der Europameisterschaft von 1996, als sich die englische und die deutsche Nationalelf gegenüberstanden: "Achtung! Surrender! For you Fritzze Euro Championship is over". Morgan war sogar drauf und dran, eine Spitfire zu mieten und das deutsche Trainingslager mit der Ausgabe zu bombardieren. Statt dessen mußte er sich öffentlich entschuldigen. Selbst die beim "Hun-bashing" sonst nicht gerade zimperliche britische Öffentlichkeit empfand diesen Vorstoß als geschmacklos. Vier Jahre später sah es wieder so aus, als sei Morgan zu weit gegangen. Unmittelbar bevor die kessen "Mirror"-Reporter in einer Klatschspalte über die City ein Unternehmen anpriesen, hatte Morgan Wertpapiere gekauft. Die Aktien stiegen, er war zwanzigtausend Pfund reicher, die Konkurrenz schrie "Insiderhandel" und nannte die Affäre "Mirrorgate". Die Reporter wurden entlassen, aber Morgan überlebte, obwohl die Ermittlungen des Handelsministeriums noch laufen und seine Unschuld nicht bewiesen ist.
Anti-Kriegs-Position nur Kalkül?
In dem ewigen Kampf um höhere Auflagen schlug Morgan nach dem 11. September 2001 eine neue Richtung ein. Er versuchte den "seriösen Journalismus" beim "Mirror" einzuführen, schaffte beim traditionellen Labour-Blatt den roten Titel ab, bezog gegen Bushs und Blairs Krieg gegen den Terror Stellung und engagierte neben dem ausgesprochen antiamerikanischen Polemiker John Pilger auch den amerikanischen Kriegsreporter Peter Arnett als Kolumnisten. "Von Amerika gefeuert, weil er die Wahrheit sagt . . . vom ,Daily Mirror' angeheuert, damit er die Wahrheit sagt", klopfte sich Morgans Redaktion auf die Schulter. Keine andere Zeitung sprach sich so eindeutig gegen den Irak-Krieg aus wie der "Mirror", wobei man bei Morgan unterstellt, er habe die Haltung eher aus Berechnung denn aus Überzeugung eingenommen.
Das Kalkül ging jedoch nicht auf. Sobald "unsere Jungens" im Einsatz waren, wollten die Leser nicht mehr hören, daß sich Blair verrenne und die Briten im Irak nichts zu suchen hätten. Die Auflage der Zeitung, die sich 1964 brüstete, mit fünf Millionen Exemplaren die größte Zeitung Europas zu sein, ging immer weiter zurück. Als Morgan die Chefredaktion 1995 übernahm, hatte die Auflage noch bei 2,55 Millionen gelegen, inzwischen ist sie auf 1,88 Millionen gesunken. Von der neuen Geschäftsführerin Sly Bailey soll denn auch die Anweisung gekommen sein, sich weniger um die Politik und mehr um die Prominenten zu kümmern.
Ein Oberst deckte die Fälschung auf
Binnen zehn Tagen stand der "Mirror" dreimal im Rampenlicht: wegen der Folterbilder, die in aller Welt von sich reden machten; wegen des Urteils des Oberhauses, die höchste Berufungsinstanz im Lande, wonach der "Mirror" die Privatsphäre des Topmodels Naomi Campbell verletzt hat mit einem Artikel über ihre angebliche Drogensucht; und schließlich wegen des offiziellen Berichts über die Sicherheitsvorkehrungen im königlichen Palast, deren Unzulänglichkeit das Boulevardblatt bloßgestellt hatte, indem es einen ihrer Reporter als Diener einschleuste. Morgan, der behauptet, das Fell eines Nilpferdes zu haben, gab sich dreister denn je. Zu dem Urteil der Lordrichter, das weitreichende Folgen haben dürfte für die gesamte Presse, sagte er, es sei "ein sehr guter Tag für Primadonnas, die lügen und Drogen nehmen", und die sich verdichtenden Hinweisen, daß die Folterbilder gefälscht waren, fegte er beiseite mit dem Argument, die Bilder hätten auch als Rekonstruktionen von Ereignissen, die womöglich stattfanden, Gültigkeit. Noch schien ihn der Verlag zu decken, auch nachdem das Verteidigungsministerium die Fotos am Donnerstag im Parlament als eindeutige Fälschungen erklärte.
Die Stimmung schlug aber am Freitag um, als Oberst David Black, der ehemalige Befehlshaber des Queen's Lancashire Regiment, dessen Soldaten, so der "Mirror", einen irakischen Gefangenen einer achtstündigen Folter unterzogen haben sollen, Punkt für Punkt nachweisen konnte, daß die Bilder gestellt waren und auch nicht im Irak aufgenommen worden waren. Im Fernsehen bemerkte er zornig, es sei an der Zeit, "daß das Ego eines Chefredakteurs an dem Leben eines Soldaten gemessen wird". Die Aktionäre des "Mirror", darunter die amerikanische Investmentfirma "Tweedy, Browne", auf deren Betreiben hin Conrad Black im November von der "Telegraph-Gruppe" entfernt worden war, sahen Morgan jetzt nur noch als Belastung.
Motiv des Sturzes ist unklar
Am Freitag abend war das Spiel aus, wobei immer noch nicht klar ist, ob Morgan bloß raffgierigen Soldaten oder einer politisch motivierten Intrige aufgesessen ist, die darauf zielte, Blair weiter zu diskreditieren. Nach einem zwei Minuten dauernden Gespräch mit Sly Bailey wurde Morgan kurzerhand von einem Sicherheitsbeamten aus dem Hochhaus in Canary Wharf abgeführt. Seine Jacke hing noch über dem Stuhl seines Büros im zweiundzwanzigsten Stock. Er durfte sie nicht holen. Mit dem Aplomb britischer Militärs der alten Schule hatte Oberstleutnant John Downham am Donnerstag verkündet, sein Regiment habe Ludwig XIV., Napoleon, Kaiser "Bill", Hitler und ein halbes Dutzend andere kleine Tyrannen abserviert, er denke also nicht, daß Piers Morgan ihm große Schwierigkeiten bereiten werde. So kam es denn auch.
Den Chefredakteurssessel hat er räumen müssen, doch wird ihm jetzt schon eine große Fernsehkarriere vorausgesagt. So schnell läßt sich ein Piers Morgan nicht kleinkriegen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2004, Nr. 114 / Seite 38
Bildmaterial: AP , REUTERS