16. Juni 2004 "Bei Hitze ein Bier sehn, das man nicht bezahlen kann" - Gottfried Benn hatte klare Vorstellungen davon, was wirklich schlimm ist, gerade an einem Fußballabend.
Doch wer jetzt EM-süchtig seine Freizeit vor dem Fernseher verbringt, weiß nach ein paar Tagen nicht mehr, was ihn am meisten quält: die bald auswendig hersagbaren Werbespots mit sympathietragenden Amateurschaupielern wie Rudi "Und du hältst weiter zu uns" Völler? Die Gewinnspiele, deren Schwierigkeitsgrad vermuten läßt, wir seien ein einig Volk von Volldementen? Oder vielleicht doch die radebrechenden, allein qua Nationalität zum Experten erklärten Gesprächspartner (Miroslav Kadlec: "In der zweiten Hälfte wird der Trainer bestimmt auswechseln")?
Nach dem Hollandspiel hat das Leid des Zuschauers einen Namen: Kerner. "Endlich geht's los, atmen Sie tief ein. Euro - hier sind wir", so begann er seine Reportage, die penetrant auf der Klaviatur jovialer Talkmasterrhetorik spielte. Er inszenierte nicht das Geschehen auf dem Rasen, sondern sich selbst als zeitgemäßen Relaunch Herbert Zimmermanns, einschließlich sich überschlagender Stimme beim Tor: Zum Wunder von Porto genügt, daß man den Gegner - der sich nur mit Ach und Krach qualifizierte - in den Olymp der Fußballgötter erhebt: "Bedenken Sie, wir spielen gegen Holland. 95 Prozent aller Länder dieser Welt würde die Reservebank als Nationalmannschaft hinstellen, so gut sind die besetzt."
Inkarnation der manisch-depressiven deutschen Fußballseele
Bei den Deutschen gilt umgekehrt ein gelungener Zweikampf als Sensation: "Arne Friedrich! Ein Fünfundzwanzigjähriger von Hertha BSC gegen Europas Topstürmer", so als böte da eine A-Jugendmannschaft vom Bolzplatz dem Goliath vom Deich die Stirn. Dann bedeutet die solide, aber glanzlose deutsche Vorstellung die Umwertung aller Werte: "Paar Minuten noch, dann fangen die an, sich richtig zu ärgern, die Holländer, dann werden die nervös, dann denken die: ,Was ist denn das? Das sind doch nicht die Deutschen, die sich selbst so schlecht gequatscht haben vor der Euro.'"
Einfach verrückt, welche Kapriolen König Fußball immer wieder schlägt! Seit den Zeiten Fassbenders ist man vieles gewöhnt: rassistische Untertöne ("Edgar Davids, Spitzname Pitbull, in Deutschland Leinenzwang"), eine Eins-zu-eins-Beschreibung wie beim Zweikanalton für Blinde, das Fehlen einer Analyse, die über die "taktische Zusatzinformation" (Kerner) hinausginge, daß die holländische Viererkette keine Manndeckung praktiziert.
An Kerners Populismus aber wird man sich nie gewöhnen. Denn er ist die Inkarnation der manisch-depressiven deutschen Fußballseele: Wer sich selbst immer neu schlecht redet, kann sich bei jeder gelungenen Grätsche als Beckham feiern. Was wirklich schlimm wäre: Deutschland erreicht das Finale. Das ZDF überträgt. Kerner kommentiert.
Text: rik., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2004, Nr. 138 / Seite 39
Bildmaterial: ZDF
Wie die Finanzkrise die Grundlagen unseres Denkens in Frage ![]()
Amerikanische Präsidenten im Film: Das Weiße Haus taugt auch als Studio
Zur Buchmesse: Andrea Diener bloggt für FAZ.NET
Schwarze Magie, Scheinehe und SchiffbruchDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |