Fußball mit Robert Gernhardt

Zittern hält an, Trinker hält durch

Von Christian Eichler

16. Juni 2004 Am Ball Robert Gernhardt, deutscher Gedichtmeister. Von seinen abertausend Versen sind viele volkstümlich geworden, sie stehen in Schulbüchern, werden von Kindern auswendig gelernt ("Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen", "Dich will ich loben, Häßliches, du hast so was Verläßliches"). Gernhardt bewundert die Verdichtung, wie sie in der Sprache des Sport gelingt und in der Sprache der Sportmedien: in Schlagzeilen, in Radioreportagen.

Was wenige wissen: Gernhardt schreibt selber Sportreportagen. Reportagen in Gedichtform, live geschrieben während der Fernsehübertragung großer Fußballspiele. Über zwei Formel-1-Rennen hat er das auch schon getan: 1998 Nürburgring, 2001 Kanada ("Das Schumacher-Lied").

Vom EM-Halbfinale 1992 Deutschland gegen Schweden notierte er ein Gedicht darüber, wie er das Spiel eben nicht sah, sondern die Leere und Stille der von Fernsehzuschauern verlassenen Welt genoß. Die meisten der großen, kollektiv aufwühlenden Partien bei Welt- oder Europameisterschaften hat er aber miterlebt, und wie vielen geht es ihm so, daß er immer noch weiß, wo und wie genau er sie erlebte: "Es sind Ereignisse, die das Gedächtnis strukturieren." Das vorletzte deutsche Spiel bei einer Europameisterschaft, das peinliche 0:3 gegen Portugal 2000, sah er mit Kollegen im Wissenschaftskolleg Berlin. Und schrieb die Zeilen:

Ich hab' es noch erlebt

Wir war'n einmal die Größten

Sollen wir fortan

Im Kick-Inferno rösten?

Eine Abschiedsgedicht. Nun die Wiederbegegnung. Deutschland gegen Holland, dieses Duell hat Gernhardt schon im November 1998 dichterisch im Zehn-Minuten-Rhythmus protokolliert, nun tut er das wieder.

1998 begann es so (zu Beginn die Minuteneinblendung vom Bildschirm):

00:00

Deutschland in Weiß

Holland in Rot

Rasen in Grün

Weißwein im Blick

10:00

Holland besticht

Möller versiebt

Bierhoff verzieht

Weißwein verlockt.

Deutschland gegen Holland 2004 nimmt Ball und Metrum fünfeinhalb Jahre später wieder auf. Nur die Farbe des Weines hat sich verändert. Der Beginn, kurz nach den Hymnen am Dienstag abend um 20.45 Uhr mit Bleistift ins graue Notizheft geschrieben:

00:00

Holland singt laut

Deutschland singt leis

Rasen bleibt stumm

Rotwein bleibt aus.

Diesmal entwickelt sich die Sache zunächst besser als damals in Gelsenkirchen, als es rasch 0:1 stand.

30:00

Frings macht das Tor

Deutschland macht Druck

Holland macht Foul

Rotwein macht Spaß.

Natürlich ist bei Live-Gedichtreportagen über zehn mal vier Zeilen ein durchgezogener Reim kaum zu leisten, zumal bei Rotwein, wie Gernhardt schon 1981 erkannte:

"Seht ihn an den Dichter

Trinkt er, wird er schlichter

Ach, schon fällt ihm gar kein Reim

auf das Reimwort "Reim" mehr eim."

Dafür müssen das Metrum, der Rhythmus, der Klang, die Wortübergänge stimmen, was bei Namen wie van Nistelrooy oder Schweinsteiger eine Kunst ist.

"Schweinsteiger: ein Frechdachs, aber gut, daß der da ist." Nun dichtet auch Reporter Kerner, Dichter Gernhardt freut sich: guter Stoff. Zweite Halbzeit, der Druck auf Abwehr und Sprachbilder steigt. Noch mal Kerner, später im Spiel, Holland drängt, niemand wankt: "Das Spiel fühlt sich zu orange an für meinen Geschmack."

Dann dringen die ersten Warnungen aus dem Fernseher, als könne die Mannschaft sie hören, dabei hört sie nur das Publikum: "Nur kein Übermut", oder, lauter: "Weg das Ding!" Gernhardt schaut auf die Uhr. "Das ist die typische Zeit für solche Sätze: Nur kein Übermut. Oder: Nicht zu weit reindrängen lassen." Kurz danach sagt Kerner: "Nicht zu weit reindrängen lassen." Gernhardt notiert sich etwas und sagt: "Diese Litanei muß sein, sie gehört zum religiösen Teil des Spiels."

Wo die Sprache verdichtet wird

Der Dichter mag lieber Zeitungsschlagzeilen oder Radioreportagen, er bewundert, "wie dort die Sache mit Sprache verdichtet, mit Metaphern aufgeladen wird", während ihm das Fernsehkommentatorendeutsch "zu medizinisch" vorkommt. Dabei bemüht sich Kerner mit dem für solche Nachbarduelle typischen "Wir packen das!"-Ton um eine emotionale Note.

"Wenn Herbert Zimmermann das WM-Finale von Bern 1954 nicht im Radio, sondern im Fernsehen kommentiert hätte, würden uns viele wichtige Sätze fehlen", sagt Gernhardt. Sätze wie "Toni, du bist ein Fußballgott" oder "Aus dem Hintergrund müßte Rahn schießen" oder "Aus, aus, aus!" Die letzten Minuten und Verse sind angebrochen, schwierige Silbenfolgen zu bewältigen: "Schweinsteiger stark, van Nistelrooy trifft." Kerner ruft das große Zittern aus, Gernhardt greift es auf in seiner Schlußreportage.

90.00

Zittern hebt an

Zittern schwillt an

Zittern hält an

Trinker hält durch

Schlußpfiff, fertig der Fußball, ein Gedicht. Zeit, über die Leistungen zu reden. Das Ergebnis: genau wie vor fünfeinhalb Jahren, und doch "ein ganz anderes Spiel".

Damals schrieb er nach 80 Minuten:

"Seedorf versucht

Marschall verflucht

Spielfluß verflacht

Weißwein versiegt".

Diesmal ging das Drama nach achtzig Minuten erst richtig los, auch der Wein reichte aus. Gernhardt war das Spiel eigentlich insgesamt zu gut. "Schlechte Spiele machen viel mehr Spaß beim Schreiben." Oder, wie er es früher einmal formulierte: "Scheiß der Hund drauf, das Gelingen/läßt sich einfach nicht besingen."

Silbentechnisch schwieriger van Hooijdonk

Gut wenigstens, daß nicht der eingewechselte Pierre van Hooijdonk den Ausgleich schoß. Das wäre silbentechnisch doch schwierig geworden, was später auch ZDF-Experte Franz Beckenbauer einsieht, der sich einst in der Werbung mit seinem Text "Mitsubishi Pajero" die Zunge fast brach. Statt den komplizierten Pierre van Hooijdonk zu riskieren, spricht er in der Analyse nur vom "großen Schwarzen da vorne".

Abschließend der Auftritt von Kevin Kuranyi, seine Meinung zum Spiel. Das übliche Blabla? Mancher belächelt die sprachliche Einfalt gewisser Fußballprofis. Der große Sprachkünstler bewundert sie. "Ich wünschte mir, daß Künstler oder Literaten so über ihre Arbeit sprechen könnten", sagt Robert Gernhardt. Und gibt ein Beispiel: "Ich glaube, die ersten hundert Seiten bin ich ganz gut ins Spiel gekommen. Auf den nächsten fünfzig Seiten habe ich dann ein bißchen nachgelassen, aber dann, glaube ich, bin ich wieder gut in den Roman gekommen. Insgesamt bin ich mit mir zufrieden. Aber beim nächsten Buch muß ich sehen, daß ich über die ganze Zeit meine Leistung bringe." Vor dem Buch ist nach dem Buch. Das nächste Gedicht ist immer das schwerste.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2004, Nr. 138 / Seite 44
Bildmaterial: F.A.Z.-Bergmann

 
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