Von Claudius Seidl
27. März 2006 Man darf nicht sprechen über Sharon Stone und dabei schweigen von Lana Turner und Ava Gardner, von Marilyn Monroe, Brigitte Bardot und Rita Hayworth, von jenen Schauspielerinnen aus der Mütter- und Großmüttergeneration also, die mal in besseren und mal in weniger guten Filmen spielten, von Frauen, über deren Intelligenz und Integrität man gar nichts Böses hören möchte - und die doch nur aus einem Grund in der gesamten westlichen Welt geliebt, begehrt und angehimmelt wurden: Wenn eine von ihnen einer Kamera begegnete, wurden ungeheure sexuelle Energien frei.
Schon deshalb war die Karriere einer Sexgöttin meistens intensiv, manchmal explosiv - und immer war sie kurz. Lana Turner war noch keine vierzig, als sie in Imitation of Life einen alternden Filmstar, sich selber also, spielte. Ava Gardner war mit siebenunddreißig zum letztenmal die leading lady. Marilyn Monroe entzog sich durch Selbstmord dem Älterwerden, Brigitte Bardot stieg aus, bevor sie vierzig wurde, und Rita Hayworth war achtunddreißig, als sie, in Robert Parrishs Film Fire Down Below, Sätze wie diese hier sagen mußte: Ich bin nicht gut. Ich bin völlig abgenutzt. Ich wurde von einer Hand zur nächsten gereicht, ich habe Dinge getan, die netten amerikanischen Jungs noch nicht mal in deren schlimmsten Albträumen begegnen. Ich habe in den Ruinen gehaust. Armeen sind über mich hinwegmarschiert. Das war, wie sie dazu grinste, ganz wörtlich gemeint, und von solchen Verwundungen hat sich ihr Image nie wieder erholt.
Nur noch Nebenrollen
Ihren vierzigsten Geburtstag feierte so eine Sexgöttin also am besten weit weg von Hollywood, auf der Yacht eines Playboys oder dem Schloß eines Adligen - und wenn sie eines Tages doch zurückkam, gab es für sie nur noch die Nebenrollen; und der Sex spielte kaum noch eine Rolle. In John Hustons Film The Bible durfte Ava Gardner die Sarah spielen, Abrahams Frau, die im sogenannten biblischen Alter noch einen Sohn gebiert. Das war im Jahr 1966, und Ava Gardner war vierundvierzig.
Nach diesen Kalendern hätte Sharon Stone fast schon als alternde Diva gelten müssen, als sie dann endlich eine wurde, damals, 1992, nachdem sie ein Jahrzehnt lang nicht viel mehr als blond gewesen war, in Filmen, die auch deshalb B-Movies heißen; und den intensivsten Eindruck hatte sie noch in Paul Verhoevens Total Recall hinterlassen, als Arnold Schwarzeneggers Ehefrau - und zwar in der Szene, in welcher der seine Pistole zieht und sagt Betrachte das hier als Scheidung! und dann wirklich abdrückt.
Sehr oft war sie nackt
Aber es war Paul Verhoeven, der ein paar Jahre später Basic Instinct inszenierte, und Joe Eszterhas, der Drehbuchautor, hatte beim Schreiben ohnehin an eine Frau wie Sharon Stone gedacht, an eine, die sich zu tun und zu sagen traute, was die gesamte erste Garnitur der Hollywood-Schauspielerinnen empört verweigert hatte. Sie war sehr oft nackt in diesem Film, und immer war sie böse. Sie tat Dinge, welche Rita Hayworth noch nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen begegneten. Und sie kam damit davon.
Basic Instinct war schon eine Nachricht, bevor irgend jemand ihn gesehen hatte. San Franciscos Homosexuelle protestierten, weil das Buch angeblich homophob war, gegen die Dreharbeiten, und als der Film fertig war, warb der Verleiher damit, daß Basic Instinct absolut nicht jugendfrei sei. Natürlich rannten die Leute in die Kinos, und die Kritiker schrieben, schon weil das alles so laut und direkt und so ungeheuer sichtbar war, böse Verrisse, und wenn man diesen Film heute wiedersieht, wundert man sich, daß man vor lauter Sex und Gewalt gar nicht gemerkt hat, daß Basic Instinct auch eine ziemlich intelligente Hommage an Alfred Hitchcock war, an Psycho und Vertigo, an Hitchcocks Blondinen Grace Kelly und Tippi Hedren - und manchmal sah es so aus, als kreiste Verhoevens ganze Inszenierung nur um die Frage, wozu eigentlich Hitchcocks Tricks, seine Ellipsen und Anspielungen noch gut seien in einer Zeit ohne Zensor.
Die Wahrheit auf der Oberfläche
Die Antwort hätte Hitchcock gefallen. Die Antwort gab Sharon Stone, deren Geheimnis darin lag, daß sie alles aussprach und alles zeigte; daß sie, die Lust- und Serienmörderin Catherine Tramell, auch noch Bücher schrieb, in welchen sie ihre Verbrechen präzise schilderte. Die Wahrheit der Sharon Stone war auf der Oberfläche versteckt - das war der Schock von Basic Instinct, und das muß man wissen, um zu begreifen, daß es nicht am schauspielerischen Unvermögen lag und auch nicht an der Unfähigkeit, Drehbücher zu lesen, weshalb sie seit zwölf Jahren ausschließlich berühmt ist für die Rolle in diesem Film (der in den amtlichen Chroniken der Filmgeschichte noch immer unter der Rubrik Trash geführt wird) - und das, obwohl sie danach mit Scorsese und Frankenheimer, mit Sam Raimi, Sidney Lumet und Jim Jarmusch gearbeitet hat.
Als Sharon Stone, kurz nach ihrem einundvierzigsten Geburtstag, laut schimpfte über Hollywood, weil dort das Alter über vierzig als ekelhafte Krankheit gelte, schlimmer noch als Lepra: Da war das weniger ein Jammern oder Klagen als vielmehr die Aufforderung an alle, sich die einundvierzigjährige Sharon Stone mal im Kino anzuschauen, in Lumets Gloria, wo sie sehr kurze Röcke trug und dabei sehr gut aussah. Und als sie, siebenundvierzig Jahre alt, vor Michael Caton-Jones' Kamera stand, um die Fortsetzung von Basic Instinct zu drehen, da war das nicht bloß eine neue, alte Rolle. Es war schon eher eine Demonstration ihrer Macht und Stärke.
Ausschließlich ihr Film
Früher hätte man in einem solchen Fall eine neue Blondine gesucht, und für Sharon Stone wäre die Rolle der besten Freundin geblieben, der Lehrerin und Jugendverderberin. Aber Basic Instinct 2 ist ausschließlich der Film der Sharon Stone, die hier nicht einfach die Hauptrolle spielt. Sharon Stone ist der Plot des Films, Sharon Stone ist die Botschaft, außer ihr gibt es darin absolut nichts zu sehen. Der Film hat ein Problem mit seinem Drehbuch, das zu trivial ist, als daß es die Motive seiner Figuren offenlassen könnte; und zu konfus, als daß es sie erklärte.
Der Film hat ein Problem mit seinem männlichen Helden, dem sympathischen David Morrissey, der allerdings im Film keinen einzigen Moment hat, in welchem er ein ebenbürtiger Gegner wäre. Im ersten Basic Instinct war es ja nicht nur um den Kampf des Polizisten Nick Curran gegen die Killerin Catherine Tramell gegangen. Es war auch das Duell zwischen Michael Douglas, dem größten Star jener Jahre, und der Blondine aus der B-Liga Hollywoods. Morrissey ist dagegen bloß ein Sparringspartner, er ist nur ein Double des Zuschauers, und der Zuschauer ist, ohne Umwege und Abschweifungen, der Adressat von Sharon Stones Performance.
Irdische Schönheit
Und die ist erst mal eine Sensation - was nicht etwa daran liegt, daß sie sich auch in diesem Film gerne nackt zeigt. Achtundvierzig, das ist die eigentliche Werbezeile für diesen Film, so wie nicht jugendfrei es für den Vorläufer war, achtundvierzig Jahre ist die Hauptdarstellerin alt. Und wenn man dann sieht, wie jugendlich und selbstbewußt sie sich bewegt, wie frisch und unwiderstehlich ihr spöttisches Grinsen ist, wie provokant schon die Geste, mit der sie sich eine Zigarette anzündet, dann ist man versucht, Sharon Stone und dem Film (was anscheinend aufs gleiche hinausläuft) die folgende Botschaft zu unterstellen: Hier also steht der Jahrgang 1958, hier ist die Repräsentantin der Babyboomers zu besichtigen, jener Generation also, die sämtliche Biographie-Fahrpläne neu geschrieben hat.
Schaut nur her, scheint sie zu sagen, wir waren anders jung als unsere Eltern und Großeltern, und jetzt altern wir anders. Wir bleiben länger jung - und ganz egal, ob das an der besseren Ernährung liegt, an Gymnastik, Ayurveda, Mineralwasser, guter Laune und dem Fehlen schmerzhafter Erfahrungen oder ob an mancher Stelle auch der Chirurg nachgeholfen hat: Unser Recht auf die Vergnügungen und Freuden der Jugend haben wir uns jedenfalls mit dreißig nicht nehmen lassen und mit vierzig auch nicht, und mit fünfzig werden wir noch immer darauf bestehen.
Eine Art von Realitätstest
Und weil das alles eher gefühlte Größen als objektivierbare Tatsachen sind, scheint Basic Instinct 2 eine Art von Realitätstest zu sein: ein hochkommerzieller Film, der auf die Zustimmung des Publikums angewiesen ist, weshalb sich an der Höhe des Einspielergebnisses zeigen wird, ob man dem Publikum wirklich eine Achtundvierzigjährige als Sexgöttin präsentieren kann, wo es doch um die halbe Gage genügend Dreißigjährige gäbe.
Was bei dem Wirbel um Sharon Stone womöglich aus dem Blickfeld gerät, das sind Frauen wie Rene Russo und Julianne Moore, Kim Basinger und Isabelle Huppert, Juliette Binoche und Emmanuelle Beart, die zum Teil schon vor Jahren vorgeführt haben, daß vierzig nicht die Altersobergrenze für die leading ladies des Kinos ist. Insofern rennt Sharon Stone in Basic Instinct 2 sperrangelweit offene Türen ein, und wenn man sich dann noch einmal vergegenwärtigt, was eigentlich, außer schön und jung zu sein, Sharon Stone zu tun hat in diesem Film, dann wird einem angst und bange. Einen Mann, der ihr nichts getan hat und der, wie gesagt, auch kein Gegner ist, ruiniert sie, ein paar andere bringt sie um, die Ex-Frau des Helden überlebt die Begegnung auch nicht, und die Kleider, die sie hier trägt, sind meistens so fürchterlich wie die Frisuren, und die Dialogsätze sind auch nicht viel besser. Und der Blick der Kamera suggeriert, wann immer Sharon Stone ins Bild kommt, daß sie das ganze Drama um ihre Attraktivität und ihren Sex-Appeal verdammt nötig hat.
Man könnte Basic Instinct 2 auch beschreiben als das Duell zwischen Sharon Stone und Catherine Tramell, zwischen der sympathischen Präsenz einer schönen Frau und dem Monster, der schrecklichen Alten, zu welcher sie das Drehbuch und die Inszenierung, ihr Kostümbildner und ihr Friseur zu machen versuchen, und anders als in Basic Instinct, dem ersten Film, ist es nicht so klar, wer diesmal gewinnt.
Und so könnte es passieren, daß die Türen, welche Sharon Stone weit offen vorgefunden hat, von diesem Film wieder zugeschlagen werden.
Basic Instinct 2 kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 25
Bildmaterial: 2006 Constantin Film, München / Jaap Buitendijk, Bill Kaye, AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/afp, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb