Oliver Kalkofe

Der Clown mit der Kettensäge

Von Stefan Niggemeier

Derber Witz und guter Geist: Oliver Kalkofe

Derber Witz und guter Geist: Oliver Kalkofe

11. April 2005 Heute ist Basteltag in München. Vorgestern war Frauentag, da wurden Oliver Kalkofe immer neue Schichten von Schminke aufgetragen, um ihn nacheinander in eine Bibel-TV-Moderatorin, Barbara Schöneberger und Kader Loth zu verwandeln. Gestern war Glatzentag, den begann er als Reiner Calmund und arbeitete sich zu Axel Schulz durch.

Heute muß er wenigstens nicht in irgendwelche Perücken und Kostüme schlüpfen, sondern darf den ganzen Tag Smoking mit pinkfarbener Fliege tragen, die Haare mit einem nie endenden Einsatz von Haarspray zu einer Conferenciers-Frisur betoniert, im Gesicht beigebraune Schminke, die ihn im Fernsehen trotz seiner rosarot entzündeten Haut menschlich aussehen läßt und gleichzeitig dafür sorgt, daß sie nach dem Abnehmen der Maske noch gereizter sein wird.

Probe in Blau

Basteltage sind anstrengend. Und langweilig. Es sind die Tage, an denen sie die Szenen für "Kalkofes Mattscheibe" drehen, in denen er nicht einfach vor die Bilder anderer Fernsehsendungen gestellt wird, sondern scheinbar durch sie hindurchläuft. Seit eineinhalb Stunden frickeln sie jetzt an einem Ausschnitt aus der Pro-Sieben-Show "Die Burg" herum, in dem Prinz Frederic von Anhalt und ein Sänger namens Karim in einen Bottich mit Wasser pinkeln, in dem Kader Loth später baden will.

Es soll aussehen, als würde Kalkofe hereinkommen, aus dem Bottich eine Urinprobe entnehmen und den Zuschauern mitteilen, was deren Analyse über die Herren verrät (natürlich, wie immer bei Kalkofe: Die sind alle geisteskrank). Kalkofe läuft durch einen vollständig blauen Raum; alles Blaue wird elektronisch weggestanzt und durch die "Burg"-Bilder ersetzt. Anstelle des Holzbottichs steht da eine blaue und also später unsichtbare Plastikschüssel mit Apfelschorle, aus der Kalkofe sein Teströhrchen füllt.

Bis die Banane stimmt

"Ich bin gespannt, was jetzt schiefgeht", sagt er gut gelaunt. Entweder glänzt irgendwas, das Plastik der Wanne oder seine Lackschuhe, und macht dadurch sichtbar, was eigentlich unsichtbar sein soll. Oder irgendwas wirft ungewünschte Schatten, im Zweifelsfall Kalkofe selbst. Mal stellt sich heraus, daß die Perspektive nicht ganz stimmt und Kalkofe zu klein wirkt im Vergleich zu den Personen im Film oder zu groß oder daß er scheinbar plötzlich in der Luft schwebt, und selten sind sich alle einig darüber, was denn nicht stimmt, und noch seltener läßt es sich einfach korrigieren. Mal vergißt Kalkofe, die "Banane" zu laufen, eine leichte Linkskurve, die ihn an für ihn unsichtbaren Gegenständen vorbeiführt. "Bananen machen Affen glücklich", grummelt er auf den Regisseur gemünzt, und nach der Reaktion der anderen zu urteilen, macht er diesen Spruch nicht zum ersten und nicht zum zweiten Mal.

Als dann endlich die Banane stimmt, schiebt Kalkofe versehentlich seinen Hintern in den Bereich, in den er ihn eigentlich gar nicht drehen kann, weil dort längst der virtuelle Bottich steht, und dann vergißt er, in welcher Smokingtasche das Teströhrchen war, und schließlich war doch noch was mit dem Licht falsch, und einer muß bei der Kantine anrufen, ob sie noch etwas länger auflassen können, ja, sorry, wir wissen auch, daß das schon der zweite Tag in Folge ist.

Zum Glück hat Kalkofe eine Engelsgeduld. Um ihn zu besänftigen, sagt ein Kollege, reicht ein aufgeschnittener Apfel.

Megamöpsemonster

Seit über zehn Jahren rechnet "Kalkofes Mattscheibe" mit dem Fernsehen ab, zuerst bei Radio ffn, dann lange bei Premiere, seit zwei Jahren bei Pro Sieben. 1996 erhielt Oliver Kalkofe den Grimme-Preis für seine TV-Kritik, die nie subtil ist, sondern immer mit der Brachialität von einem daherkommt, der weiß, daß er als Fernsehzuschauer auf Notwehr plädieren kann. Die Redaktion von "Zapping" bei Premiere, die täglich das gesamte Fernsehprogramm durchforstet, trifft die erste Vorauswahl, aus der dann der "Sichtungs-Assi" ein Destillat herstellt.

Mit dem Berg von Videokassetten schließt sich Kalkofe, der sonst fast gar nicht mehr fernsieht, mehrere Tage ein. "Am ersten Tag macht es dir noch Spaß, und du lachst auch mal gerne. Am zweiten Tag setzt dann langsam der Frust ein. Und spätestens am dritten bist du völlig deprimiert und denkst nur noch ,Oh Gott, nicht schon wieder!'"

Brachialhumor mit Prinzip

Gemeinsam mit dem Regisseur Marc Stöcker, der von Anfang an dabei ist, entwickelt er dann Ideen für die "Mattscheibe", Stöcker schneidet die Szenen zu Hause auf dem Apple zusammen, und Kalkofe legt den Protagonisten neue Texte in den Mund. Als Fernsehastrologin sagt er: "Mein Name ist Colgata, und ich bin Medium, aber manche sagen: Ich bin schon durch." Und zwischen der schlechtfrisierten Bibel-TV-Moderatorin und einer schon im Original sehr genervt wirkenden Puppe, die nun beide von Kalkofe gespielt werden, entspinnt sich ein neuer Dialog: "Gott hat uns alle lieb", sagt die Kirchenfrau. "Nee", antwortet die Puppe, "nicht mit der Frisur. Gott ist nicht blind."

Am Basteltag verharrt Kalkofe klaglos, nun ja: fast klaglos, endlose Minuten lang halb knieend, halb liegend vor der Kamera, während die Leute um ihn versuchen herauszufinden, warum die Blue Box unter ihm diesen klitzekleinen irritierenden Fleck zeigt. Wenn man diese Leidenschaft und Genauigkeit gesehen hat, versteht man etwas besser, daß dieser Mann trotz seines Brachialhumors Anspruch hat und Prinzipien. Er geht zum Beispiel nicht zu "TV Total", weil er Stefan Raabs Gleichgültigkeit und Desinteresse nicht erträgt. (Man ahnt, wie hart dieser Boykott für Pro Sieben sein muß.)

„Heute ist Fernsehen ein Schwarzes Loch“

Kalkofe ist 39 Jahre alt, freundlich, umgänglich und entspannt, aber man kann ihm nicht nachsagen, ein positiver, optimistischer Mensch zu sein. "Ich kann ohne Zweifel sagen: So schlecht wie heute war das Fernsehen noch nie", erzählt Kalkofe. "Vor zehn Jahren habe ich das auch schon gesagt, und ich hätte mir nicht vorstellen können, daß es noch schlimmer werden würde. Die Volksmusiker, über die wir uns damals lustig gemacht haben, wirken ja heute alle so niedlich, daß ich sie über den Kopf streicheln möchte. Die haben ja nicht mehr den Bedrohlichkeitsfaktor von vielen anderen Sachen im Fernsehen, die haben sich Mühe gegeben, Schunkel und Grinsen eingeübt und bunte Sachen gekauft, das ist doch toll! Vor zehn Jahren wurde Fernsehen noch mit dem Anspruch gemacht, die Leute zu unterhalten, egal wie blöd. Heute hängt über dem Fernsehen, daß die Macher ihr Publikum verachten und kaum noch Sendungen produzieren, die sie selber auch gern sehen würden."

In seiner Show bleibt er seiner Rolle als plumper Rächer des Fernsehpublikums treu, beschreibt eine Porno-Darstellerin als "mutiertes Megamöpsemonster" und die "Burg" als "Teletrash der ganz fiesen Art, für geschmacksresistente Allesglotzer". Aber im Gespräch mit ihm hat man das Gefühl, daß ihm seine Rolle als Clown mit der Kettensäge plötzlich im Weg steht, zu ernst, zu fundamental ist inzwischen seine Kritik an dem Medium, das er mal geliebt haben muß. "Du findest heute bei den Sendern nicht mehr viel von dem, was mit dem eigentlichen Sinn von Fernsehen zu tun hat. Früher wollten die Privaten zeigen, was sie können, Tabus brechen. Auch wenn vieles davon furchtbar war: Das war wenigstens richtig Fernsehen. Der Wahnsinn entstand noch aus einer irgendwie gearteten Kreativität - dieser Gedanke ist weg. Heute ist Fernsehen ein Schwarzes Loch, wo nichts passiert. Es gibt nur Angst, Unvermögen und kein Bock."

Der den Fernsehmüll runterbringt

Dann rechnet er vor, welche Rekordgewinne die Sender im vergangenen Jahr gemacht haben und daß das doch verblüffend sei, wenn man bedenkt, wieviel Geld allein für Werbung für "Hire or Fire" durch den Schornstein geblasen wurde, eine Sendung, die nach der ersten Folge abgesetzt wurde. "Es wird kaum noch Geld für Programm ausgegeben", sagt er und sieht sich selbst dabei sogar vergleichsweise privilegiert: "Wir müssen uns schon ziemlich den Arsch aufreißen für das Budget, aber wir haben wenigstens noch eins."

Eine Staffel mit zehn Sendungen produziert er jährlich für Pro Sieben. Wenn es nach ihm ginge, könnten es auch zwei Staffeln sein, aber so gut sind die Quoten nicht. Doch er ist dankbar, daß man ihn überhaupt noch seine geliebte "Mattscheibe" machen läßt. Und wenn die schon nichts ändert, ist doch wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit, daß es im Fernsehen nicht nur all den Trash gibt, sondern auch jemanden, der den Müll runterbringt. Wenn er zum ersten Mal die fertig geschnittenen Szenen sieht, in denen er zwei Esoterik-Moderatorinnen nachspielt, die sie intern die "Astro-Elsen" nennen, dann lacht er aus vollem Hals.

Allgegenwärtige Arabella

Aber Hoffnung ist da keine. "Der Zuschauer ist das machtloseste Wesen der Welt. Fernsehen gehört zu den Grundnahrungsmitteln heute. Das ist wie in der Kantine: Du mußt essen, was es gibt." Die Marktanteile und GfK-Zahlen nennt er eine "imaginierte Quote, die vielleicht einen Trend angibt, aber keine realen Zahlen. Trotzdem ist diese Zahl die Währung des Fernsehens, die über die Zukunft des Programms entscheidet. Das ist bizarr: Das ganze System ist aufgebaut auf einer imaginären Größe."

Während er das sagt, schauen ihn Arabellas an. Arabella mit lustiger Grimasse, Arabella mit der jungen Isabell Varell, Arabella mit der nicht ganz so jungen Elke Sommer. Die Bilder hängen immer noch in den Pro-Sieben-Studios, wenn auch nicht mehr ganz so viele wie früher, als sie noch selbst den Schmuddel produzierte, von dem sie sich dann empört distanzierte. Nebenan nimmt Alida gerade am Fließband "Das Geständnis" auf, die Laiendarsteller-Show, die selbst Arabella irgendwann zu blöd war. Und auf dem Flur steht Sonya Kraus, die hier demnächst wieder halbnackt ihre Recycling-Show "Talk Talk Talk" produzieren wird.

Aber auf dem Monitor ist Kalkofe als Prinz Frederic zu sehen, der erzählt, wie seine Karriere begann, als ihm der Hund seiner Frau ins Gemächt biß. "Daß ich euch nach so einer Operation überhaupt noch ins Gesicht pinkeln kann", sagt der falsche, der wahre Prinz Frederic, "dafür erwarte ich ein bißchen Respekt."

Pro Sieben zeigt zehn neue Folgen "Kalkofes Mattscheibe" immer montags um 23.15 Uhr.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite 33
Bildmaterial: Pro Sieben

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