Von Julia Encke
15. Juni 2009 Sie sei eine Suchende, eine Fragende, eine sich selbst Gefährdende. Sie sei eine, die berührt, sagte die Schauspielerin Monica Bleibtreu, die vor wenigen Wochen gestorben ist, 2003 bei der Verleihung des Ulrich-Wildgruber-Preises über ihre damals 26-jährige Kollegin Birgit Minichmayr: Sie ist vehement, laut und ungestüm. Alles ergreift sie total, und so spielt sie auch. Sie verschwendet sich, was bedeutet, dass sie in überreicher Fülle auszuteilen vermag.“ Beide hatten sich bei den Dreharbeiten zu Jan Schüttes Abschied“ kennengelernt, ein Film über Brechts letzten Sommer, den dieser in Brandenburg mit den Frauen seines Lebens verbrachte. Monica Bleibtreu spielte Helene Weigel, Birgit Minichmayr ihre Tochter Barbara Brecht.
Es war Birgit Minichmayrs erster Film. Und wenn sie heute darüber spricht, traurig, eine so wichtige Freundin verloren zu haben; wenn sie erzählt, wie beide einander immer wieder besuchten, in Wien oder auf Film- und Theaterpremieren, dann besteht Birgit Minichmayr darauf, dass gerade die Überfülle, mit der sie austeile, das sei, was sie von Monica Bleibtreu gelernt habe: Wir haben viel über Schauspielerei geredet“, sagt sie, und ich habe viel von ihr übernommen, weil ich es toll fand, wie sie auf unseren Beruf geschaut hat. Denn unser Beruf hat etwas mit Hingabe zu tun, es zirkulieren die Energien. Man gibt viel, aber man kriegt auch so viel zurück. Ich habe nach einer Vorstellung nie das Gefühl, leer zu sein oder ausgepowert. Es ist ein ständiges und gleichzeitiges Sich-Ent- und Aufladen.“
Sie hört nicht auf zu wachsen
Birgit Minichmayr ist so etwas wie ein Verausgabungswunder. Wo immer sie in den vergangenen Monaten auf der Bühne zu sehen war, ob mit akrobatisch verbogenem Hohlkreuz als Narr in Luc Bondys König Lear“, ob als Weibsteufel“ mit rotziger Stimme in Martin Kuejs Karl-Schönherr-Inszenierung oder, derb, vulgär und allein unter Männern, in Dimiter Gotscheffs Pulverfass“ – überall verstand sie es, die Energien ihrer präzise kalkulierten Grenzgänge so auf die Zuschauer zu übertragen, dass man, einen Abend lang, mit ihr zum Teufel wurde, zur Nutte, zum Narren oder sich bei Shakespeare unverhofft mit durchgedrücktem Kreuz im Theatersessel wiederfand.
Früher bin ich nur so ein leerer Teigbatzen gewesen, aber jetzt ist in dem Teig Hefe drin, jetzt geh’ ich erst auf!“, heißt einer ihrer Lieblingssätze, den sie, in breitem Österreichisch, in der Weibsteufel“-Rolle zu sagen hat. Und obwohl Birgit Minichmayr rein äußerlich in den letzten Jahren, in denen sie vom Burgtheater an die Berliner Volksbühne kam, um dann wieder zurück nach Wien zu gehen, eigentlich immer dünner und sehniger wurde (also das Gegenteil von Aufgehen), trifft das metaphorische Bild doch auf die Schauspielerin selbst zu: Mit jeder neuen Rolle konnte man ihr dabei zusehen, wie sie immer größer wurde. Wie sie ihre Kampf- und Hingabezone ausweitete. Und das hört nicht auf.
Endlich kann sie alles geben
Denn jetzt kommt Alle anderen“ in die Kinos, Maren Ades Film über den Urlaub eines jungen Paars auf Sardinien, der bei der Berlinale ausgezeichnet wurde und für den Birgit Minichmayr einen Bären als beste Schauspielerin bekam. Zusammen mit Lars Eidinger füllt sie mit atemberaubender Präsenz die ganze Leinwand aus. Man sitzt da und denkt: Hier haben sich eine Regisseurin und eine Schauspielerin gefunden. Hier kann sie, auch im Film, endlich alles geben. Birgit Minichmayr war in Eichingers Untergang“ und im Parfüm“ zu sehen und, noch davor, in Hendrik Handloegtens Liegen lernen“, wo sie, spät im Drehbuch, mit der Frage Wo warst du am 9. November 1989?“ auftauchte und die Antwort ihres männlichen Gegenübers, Ich war in Berlin auf der Mauer“, mit vollen Lippen dreckig und trotzdem anmutig weglachte: Ah! Erzähl mir doch keinen Scheiß!“ Man vergaß das nicht, die Möglichkeiten ihrer Rolle aber waren begrenzt. In Alle anderen“ ist alles anders.
Maren Ade hat die Dialoge dieses Films, wie schon in ihrer ersten großen Regiearbeit, Der Wald vor lauter Bäumen“, selbst geschrieben. Und da in diesem Film, der eine Erzählung über die Liebe ist, die im Ausnahmezustand eines gemeinsamen Urlaubs plötzlich auf dem Spiel steht, viel geredet wird, hat man den Eindruck, dass er gewissermaßen der französischste aller deutschen Filme ist, die man in der letzten Zeit gesehen hat. Das liegt auch am Swimmingpool–Motiv: In der Rolle von Gitti und Chris – er ein junger Architekt, sie Presseagentin bei einer großen Plattenfirma – passen Birgit Minichmayr und Lars Eidinger in einem Sommerhaus zu Beginn der Ferien auf das Kind von Chris’ Schwester auf. Das Kind mag Gitti nicht besonders, weshalb sie es zur Rede stellt: Was bitte ist so schlimm an mir? Schlimm ist, wenn du es mir nicht sagst. Jetzt sag doch einfach mal: ,Ich hasse dich!‘ Sag: ,Ich verabscheue dich!‘ Sag: ,Ruf mich nie wieder an!‘ Und jetzt erschieß mich!“
Nicht wie alle anderen sein
Wie Birgit Minichmayr sich daraufhin, imaginär sterbend, in den Pool fallen und sich als Leiche eine Weile lang an der Wasseroberfläche treiben lässt – das ist nicht nur ein großer Auftritt. Es ist zugleich eine Szene, die als übertriebenes Kindertheater das Beziehungsdrama des ganzes Films vorwegnimmt: Hasst du mich manchmal? Hättest du es lieber, wenn ich eine andere wäre? Findest du mich eigentlich männlich? Mach mal was Männliches, und ich gucke, ob ich es merke!“, sind die Sätze, mit denen das Paar sich so lange aufreibt, bis beiden aus dem Blick gerät, was sie eigentlich aneinander haben. Liebe, sagt dieser Film, ist kein einmal gegebenes Versprechen, sondern ein Pakt, der immer wieder neu geschlossen, dessen Bedingungen immer neu verhandelt werden müssen.
Dabei wird man den Eindruck nicht los, dass die Regisseurin, obwohl es in Wirklichkeit gar nicht so war, ihrer Hauptdarstellerin die Rolle auf den Leib geschrieben hat, dass sie sie vorher schon im Kopf hatte: Guck doch mal, wie andere sich benehmen“, sagt Chris im Film zu Gitti, woraufhin der titelgebende Satz fällt: Ich will aber nicht sein wie alle anderen.“ Aus keinem anderen Mund könnte das überzeugender klingen als aus ihrem. Birgit Minichmayr ist auch als Schauspielerin nicht wie alle anderen. Sie sieht nicht aus wie alle anderen, mit ihrem rötlichen Haar, den Sommersprossen, ihrem runden Gesicht zum zierlichen Körper. Und sie agiert auch anders, widerspenstig, einen Tick überdreht oder überreizt manchmal, niemals anschmiegsam, immer fordernd. Sie ist die personifizierte Herausforderung aller Erwartungen. Das ist es, was ihre enorme Attraktivität ausmacht.
Wach für den Augenblick
Die Swimmingpool-Szene am Anfang, erzählt sie, hätten sie natürlich immer wieder gedreht. Man dürfe sich das aber nicht als bloße Wiederholungsarbeit vorstellen: Ob beim Film oder beim Theater – du musst einen Zugang zur Wiederholung finden. Man muss offen sein für den Impuls, der im Moment kommt, ganz wach sein im Augenblick und alles mitnehmen. Die Wiederholung gibt es nicht. Ich kann die Wiederholung der Wiederholung nicht spielen, das ist eine Unmöglichkeit, schon allein, weil sie zwei Sekunden älter ist. Wie Francis Bacon sagt: ,Alles kommt aus dem Zufall.‘ Den muss man zur Qualität machen. Im Film macht man es so lange, bis man weiß: Jetzt haben wir’s im Kasten. Jetzt stimmt’s.“
Ihren österreichischen Tonfall hört man in Alle anderen“ nicht. Darauf legt sie Wert. Birgit Minichmayr wurde 1977 in Pasching bei Linz geboren. Ich komme vom Land“, sagt sie und weiß, wie wichtig diese Herkunft für sie ist, weil sich mit ihr auch ein ganzes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten verbindet. Ein so abgründig-komischer Film wie Der Knochenmann“, der vor kurzem im Kino lief und in dem sie die Küchenchefin einer Backhendlstation namens Löschenkohl“ spielt, in welcher eine Knochenmehlmaschine leider nicht nur Hühnerreste zu Futtermehl für die nächste Hühnergeneration zermahlt, wäre auf Hochdeutsch völlig undenkbar. Da braucht sie den Dialekt, die Sprachspiele, den derben Humor. Sie sind es, die sie dann in einer Weise geerdet erscheinen lassen, die ihr keine Schauspielerin ihrer Generation ohne weiteres nachmachen kann.
Eine Verlebendigerin
Als ich vor Jahren nach Berlin kam“, sagt sie, hatte ich Angst, nur als Österreicherin wahrgenommen zu werden. Das wollte ich nicht, ich wollte unzugehörig bleiben. Ich hatte damals einen Freund, der aus Hamburg kam, und habe einfach auch immerzu Hamburgerisch gesprochen, bis er irgendwann wahnsinnig wurde und sagte: ,Hör auf, so redet keiner in Hamburg!‘ Aber es hat mir geholfen. Denn wir sagen ,Fisch‘, und die sagen ,Füsch‘, die reden so verschludert mit ,ü‘. Das ist ja eine andere Mundbewegung, da geht das breite Österreichische wie von selbst weg, weil die Vokale ganz anders eingefärbt sind. Das ist etwas, mit dem ich mich gerne beschäftige: Wo klinge ich wie?“
Sechs Theaterrollen trägt sie im Moment mit sich herum: Lear“, Macbeth“, Weibsteufel“, Pulverfass“, Das goldene Vlies“ und den Struwwelpeter“, den sie gerade am Burgtheater probt. Das geht alles. Ich bin ja keine Studentin, die ein Buch nach dem anderen auswendig lernt. Das ist alles sinnlich abgespeichert, eine dreidimensionale Sache.“ So verwandelt sie sich jeden Abend neu und bleibt doch unverwechselbar: die Königin der Verausgabung.
Mach was!“, sagt sie als Gitti in Alle anderen“ zu Chris. Du musst mal was riskieren! Du bist so ängstlich, so krankhaft darauf fixiert, dass nichts dich einschränkt, und du brauchst zwei Monate, um eine Entscheidung zu treffen. Du sagst immer, man müsste mal – und dann machst du es doch nicht.“ Birgit Minichmayr ist die Letzte, der man so etwas sagen müsste. Unablässig stellt sie die erstaunlichsten Dinge an – mit sich, mit ihrer Stimme, mit ihrem Körper –, dass es einem beim Zusehen den Puls schneller schlagen lässt. Wer sich in ihre Hingabe- und Kampfzone begibt, fühlt sich auf der Stelle lebendiger.
Ab Donnerstag im Kino
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Constantin Film, Cinetext/D.Falke, Cinetext/Omega, Cinetext/OZ, ddp, Majestic/Cinetext, novapool/Cinetext