Warren Beatty zum Siebzigsten

Die tausend Lieben des Casanova

Von Michael Althen

Schöner Ganove: Warren Beatty als Clyde Barrow

Schöner Ganove: Warren Beatty als Clyde Barrow

30. März 2007 Orson Welles hat mal eine Geschichte erzählt, die vermutlich ziemlich genau ins Schwarze trifft, was Warren Beatty angeht: Weil der einzige Weg, Beattys Aufmerksamkeit zu kriegen, Bettgeschichten seien, erzählte er ihm von einer Schauspielerin, mit der er eine Affäre gehabt hatte, bis sie ihn für die Sängerin Billie Holiday verlassen habe. Was Welles so faszinierte, war die Tatsache, dass Beatty die Sache so lange keine Ruhe ließ, bis er die Schauspielerin getroffen hatte, um sie zu fragen, ob die Geschichte stimmt. Er fand die Sache so unvorstellbar, dass er persönlich die Wahrheit hören musste. Welles meinte nur: „Das ist es, was ihn Tag und Nacht beschäftigt. Er ist ein echter Satyr, der wahre Casanova.“

Tatsächlich sind seine Eroberungen so sprichwörtlich, dass sie seine anderen Leistungen geradezu in den Schatten stellen. Und es gehört zu den bizarrsten Wendungen der Filmgeschichte, dass ausgerechnet sein Abschied von der Karriere als Casanova öffentlich dokumentiert ist. In dem Dokumentarfilm „In Bed With Madonna“ sitzt der fünfzigjährige Beatty in Madonnas Garderobe, und was man sieht, ist weniger die Langeweile, die es bedeutet, ein Star zu sein, als einen Mann, der sich zu fragen scheint, warum er sich das alles überhaupt noch antut: was es für ihn dabei noch zu gewinnen gibt, sich in einer Welt zu tummeln, die er nicht versteht, nur um eine Affäre mit der Welt größtem weiblichen Star anzufangen, damit er sich ein letztes Mal beweisen kann, dass der alte Zauber noch wirkt. Da sitzt er da mit in die Hände gestütztem Kopf, sie zieht ihn ein wenig auf, er reagiert so langsam wie ein gealterter Matador, dem die Puste ausgegangen ist, und man wundert sich nicht, dass er bald darauf sesshaft geworden ist, Annette Benning geheiratet und vier Kinder bekommen hat. Die alten Reflexe funktionieren noch, aber es fehlt ihm die Kondition, die Illusion aufrechtzuerhalten.

Der heißeste Star der Welt

Zur Zeit von „Bonnie & Clyde“ war er selbst der heißeste Star der Welt und wie Madonna Lenker des eigenen Geschicks. Denn er war nicht nur das hübsche Aushängeschild eines Pop-Phänomens, das es nach Anlaufschwierigkeiten bis aufs Cover des „Time“-Magazins geschafft und ein neues amerikanisches Kino losgetreten hat, sondern eben auch noch der Produzent und Motor dieses Erfolgs. Das Warner-Studio hatte den Film erst in Autokinos in Texas verwurstet, ehe Beatty nach einer enthusiastischen Kritik von Pauline Kael alles dransetzte, das Studio zu einem Neustart zu bewegen. Er setzte sich durch und behielt recht: Der Film spielte das Zehnfache seiner Produktionskosten ein und macht den am Einspiel beteiligten Beatty zum reichen Mann.

Es folgten großartige Filme wie „Shampoo“, „McCabe & Mrs. Miller“ und „Zeuge einer Verschwörung“ und eigene Regiearbeiten wie „Heaven Can Wait“, „Reds“ oder „Dick Tracy“. Als Schauspieler ist er gar nicht besonders ausdrucksvoll, weil er stets wirkt, als würde er seine Augen unter einer unsichtbaren Sonne zusammenkneifen. Womöglich ist das sein Geheimnis: Die Frauen glauben, es sei ihre Schönheit, die ihn blendet.

Text: F.A.Z., 29.03.2007, Nr. 75 / Seite 37
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/Sammlung Beyl, Cinetext/Sammlung Richter, picture-alliance / dpa/dpaweb

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