Bette Davis

Bitte anschnallen, es wird eine rauhe Nacht!

Von Michael Althen

Bette Davis Anfang der vierziger Jahre

Bette Davis Anfang der vierziger Jahre

05. April 2008 Als Hollywoods Hexenjäger den vorgestern verstorbenen Regisseur Jules Dassin auf die schwarze Liste gesetzt hatten, bereitete er gerade eine Revue mit Bette Davis vor. Als man sie fragte, ob sie nicht Angst vor Repressalien habe, wenn sie mit ihm zusammenarbeite, antwortete sie nur: „Fuck them!“ Und Dassin, der erfahren hatte, wie wenig Rückgrat selbst Freunde hatten, verneigte sich noch Jahre später vor dieser Frau: „Gott segne dieses toughe Luder!“

Die Zusammenarbeit mit ihr war kein Zuckerschlecken - und das Zusammenleben wahrscheinlich auch nicht. Von ihren vier Ehemännern sagte sie, keiner sei Manns genug gewesen, um es zum Mr. Bette Davis zu bringen. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, nicht in guten und nicht in schlechten Zeiten. 1962 erschien in den Branchenblättern in Hollywood eine ganzseitige Anzeige: „Mutter von drei Kindern - 10, 11 und 15 - geschieden. Amerikanerin. Dreißig Jahre Erfahrung als Filmschauspielerin. Sucht ständige Beschäftigung in Hollywood.“ Die Anzeige war unterzeichnet mit: Bette Davis. Auf Wunsch Referenzen.

Selbstzerfleischung der Hyänen

Das war ein richtig guter und wirklich bitterböser Witz. Sie war zehnmal für den Oscar nominiert, zwischen 1938 und 1942 fünfmal in Folge, und hat ihn zweimal gewonnen. Und nun war sie Mitte fünfzig und sah überhaupt nicht ein, dass es für Frauen ihres Alters keine Rollen mehr geben sollte. Ein Jahr später wurde sie zum elften Mal nominiert, für ihre Titelrolle in „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ Wobei die bittere Ironie darin lag, dass sie für diesen Film ausgerechnet an der Seite ihrer größten Rivalin Joan Crawford besetzt worden war, einer Frau, über die sie in besseren Momenten sagte, sie könne überhaupt nur eine einzige Rolle spielen, nämlich Joan Crawford - und in schlechteren, sie würde nicht mal dann auf sie pissen, wenn sie in Flammen stünde.

So beharkten sich die beiden Hyänen in einer alten Villa und machten sich das Leben zur Hölle. Und sie warfen sich vor allem deshalb mit solcher Hingabe in ihre Rollen, weil die Geschichte der feindlichen Schwestern nach ihrem Karriereende in Hollywood von der traurigen Realität keine Handbreit entfernt war. Die Antwort auf die Frage, was wirklich mit Baby Jane geschah, war der Film selbst: Verbitterung und Selbstzerfleischung.

Königin der Vorkriegsjahre

Die einstige Warner-Queen hatte zwar mit ihrer Anzeige auf die ewige Unerbittlichkeit des Geschäfts aufmerksam gemacht, auf die Undankbarkeit eines Kinos, das mit Alter und Verfall noch nie besonders gut umgehen konnte, aber das Rad zurückdrehen konnte sie trotzdem nicht. Warum also nicht die unwürdige Greisin spielen, die sich weigert, sich leise aus dem Staub zu machen? Neidvoll gestand sie in einem Interview ihre Bewunderung für Simone Signoret und Anna Magnani. Zwei, wie sie sagte, ihr verwandte Seelen, vor allem aber Kolleginnen, die auf ein Kino trafen, das mit ihnen rechnen konnte, mit ihren Gesichtern - und ihrem Alter.

Bette Davis hatte schon immer mehr gefordert, als Hollywood ihr geben wollte. Nach 24 Filmen für Warner Brothers war sie 1936 gegen ihre Arbeitgeber vor Gericht gezogen. Sie wollte ihr Recht auf bessere Rollen durchsetzen, wollte auf die Unmenschlichkeit der berüchtigten Siebenjahresverträge hinweisen, mit denen die Studios junge Talente ausbeuteten. Sie verlor den Prozess und war erst mal mittellos. Bessere Rollen bekam sie trotzdem, mehr noch, es folgte ihre größte Phase, in der sich alles, was sie spielte, in Gold zu verwandeln schien. Diese Vorkriegsjahre gelten noch heute als Hollywoods größte Zeit, und Bette Davis, die jährlich in drei bis vier Filmen spielte, hatte ihren Anteil daran. Nicht alle diese Filme sind Juwelen, aber ihr Ehrgeiz, jede Rolle zu meistern, ist noch heute mitreißend.

Schönheit als Einstellungssache

Womöglich liegt es ja daran, dass sie wenig von dem mitbrachte, was ihre Kolleginnen im Übermaß auszeichnete: jene Gefälligkeit der Züge, die gängigen Schönheitsidealen entsprach. Bette Davis war nicht wirklich schön, ihre legendär großen Augen und die kaum geschwungenen Lippen hätten bei jeder anderen die Hoffnungen noch vor den Studiotüren sterben lassen - und doch ist sie in all diesen Filmen von einer geradezu anrührenden Schönheit, die man keine Sekunde in Zweifel stellt. Wenn es je einen Beweis brauchte, dass Schönheit eine Sache der Einstellung ist, dann muss man sich nur diese Filme ansehen.

Ihr größter Film ist dabei „Jezebel“, in dem sie eine sturköpfige Südstaatenschönheit spielt, die die Liebe ihres Lebens aus schierem Eigensinn verliert, weil sie sich in den Kopf setzt, auf dem Chrysanthemenball als Einzige im roten Kleid zu erscheinen. Und nichts ist anrührender, als wenn sie dann in ein weißes Kleid schlüpft, um Henry Fonda um Verzeihung zu bitten - und nicht wahrhaben will, dass er längst eine andere hat, weil er ihrem Stolz nicht gewachsen war.

Vorsicht, wenn sie böse wird

Sie wurde von Frauen bewundert, weil sie stets Frauen spielte, die es sich nicht leichtmachen, vom Leben immer ein bisschen zu viel fordern und dafür leiden müssen. Aber sie ging stets dorthin, wo es weh tut, und bot jedem Schicksal die Stirn, um jeden Preis. Auf einem Plakat wurde sie mal mit dem Spruch beworben: Niemand ist so gut wie Bette Davis, wenn sie böse ist. Denn dann bekam sie wirklich Biss. Wenn sie verletzt war, mobilisierte sie ihre letzten Reserven, weil sie wusste, dass sie nicht aus ihrer Haut konnte. Da konnte sie wirklich furchterregend und herzzerreißend zugleich sein, wie bei Mankiewicz in „All About Eve“ von 1950, wo sie den alternden Star Margo Channing spielt, der von einer neuen Generation Schauspielerinnen verdrängt wird.

Und wenn sie auf ihrer Party den berühmten Satz „Bitte anschnallen, es wird eine rauhe Nacht!“ spricht, dann ist das der reinste Trotz, mit dem sie ihre Eifersucht überspielen will. Und so stürzt sie sich kopfüber ins Unglück, will dabei aber noch so viel Spaß haben wie möglich. Das ist nicht die schlechteste Haltung - und es war auch die von Bette Davis. Am 5. April 1908 ist sie in Lowell, Massachusetts, zur Welt gekommen. Wäre sie dort 200 Jahre früher geboren worden, wurde mal geunkt, so hätte man sie vermutlich als Hexe verbrannt. Das ist in Hollywood das größte Lob, das man sich vorstellen kann.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Morgan, Cinetext/Sammlung Beyl

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