Kino

Jetzt dürfen die Deutschen: "Matrix Reloaded"

Von Andreas Platthaus

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21. Mai 2003 Irgendwann - man hat nach mehr als einer Stunde Film längst sein Zeitgefühl eingebüßt -, irgendwann also streitet Neo, Hoffnungsträger der noch nicht von den Maschinen unterjochten Menschen, gegen seine Gegenspieler Agent Smith. Der Gegensatz zwischen Plural und Einzahl ist gewollt, denn Agent Smith hat sich verhundertfacht. Und so schlägt sich Neo denn mit einer individuellen Armee herum, einem multiplen Einzelkämpfer - man kann über den zweiten Teil von "Matrix" nur in den Kategorien des Paradoxen sprechen.

Das begann bereits, bevor der neue Film auch nur in Produktion gegangen war. Sein Vorgänger "Matrix", 1999 in die Kinos gelangt, entwickelte sich beinahe verhalten zum Sensationserfolg: kein Rekordeinspielergebnis am ersten Wochenende (das hat "Matrix Reloaded" nun nachgeholt), keine überbordenden Besprechungen (da hat "Matrix Reloaded" neue Maßstäbe gesetzt) und vor allem noch keine philosophische Vereinnahmung des Films (dafür ist selbst "Matrix Reloaded" noch zu frisch). Der erste Teil wurde von der Kritik günstig aufgenommen und entwickelte sich in den Kinosälen zum Dauerbrenner. Zur Legende aber wurde er erst in den Folgejahren durch die Mitwirkung all jener Interpreten, die ihre kruden Zukunfts-, Gesellschafts-, Wissenschafts- oder auch nur Science-fiction-Modelle hier einem Test unterworfen sahen - und alle fanden sich bestätigt.

Deshalb war die Ankündigung einer Fortsetzung nicht überraschend. Eher irritierte, daß es seitens der Autoren und Regisseure Andy und Larry Wachowski plötzlich hieß, schon immer sei ihr Werk auf drei Teile konzipiert gewesen. So dreist war nicht einmal George Lucas gewesen, als er dem Erfolg von "Krieg der Sterne" die Ankündigung folgen ließ, gleich acht weitere Folgen zu produzieren. Immerhin wurde die zweite, "Das Imperium schlägt zurück", ein sehr guter Film, viel besser als "Krieg der Sterne". Dies wird den Wachowskis vor Augen gestanden haben, denn "Matrix Reloaded" weist verblüffende Parallelen zum zweiten "Star Wars"-Film auf.

Das liegt nicht nur am offenen Ende, der die Helden in größter Not zurückläßt, sondern mehr noch an den archetypischen Ausgestaltungen der Heldenfiguren. Morpheus wird vom Führer des Widerstands gegen die Maschinen zu einem General unter vielen degradiert, Trinity bekommt es mehr mit Liebesleid als Muskelschmerz zu tun, und Neo mutiert als "Auserwählter" zu einer Art Übermensch. In der einzigen selbstironischen Szene des Films kommentiert der Navigator des Untererdschiffes "Nebukadnezar" Neos Flugverhalten: "Er macht gerade seine Superman-Nummer."

Die Wachowskis verweigern sich allen Gesprächen und lesen weiter ihre Philosophiebücher und vor allem ihre Comics (mit Geoff Darrow entwarf ein immerhin berühmter Zeichner die Dekors für "Matrix"). Alles, was wir von ihnen wissen sollen, steckt im Film. Und darin steckt vor allem eins: Verkaufspotential. Da kann man sich noch so sehr bemühen, die Eklektizität des ersten Teils zu belegen (F.A.Z. vom 10. Mai), die bescheidene Handlungsentwicklung des neuen aufzuzeigen (F.A.Z. vom 14. Mai) oder dessen philosophisch-soziologisches Gerüst bis auf die Knochen bloßzulegen (F.A.Z. vom 20. Mai) - am Ende zählt nur der Erfolg, und für den gibt es bessere Gründe, als sie meist genannt werden.

Nehmen wir nur den offensichtlichsten: die Darsteller. Gut, Keanu Reeves als Neo und Laurence Fishburn als Morpheus sind Stars. Solide Leistungen sind also zu erwarten, und ihr Trainingseifer für all die fernöstlichen Kampftricks, Posen und Bewegungen soll ans Wunderbare gegrenzt haben. Aber was ist das gegen Carrie-Anne Moss als Trinity? Ihr rückt die Kamera bis auf die Haut, und diese Haut ist nicht porentief rein. Natürlich spielt sie ein Klischee, aber die geschundene Frau, die sich kraft ihrer Liebe als große Kämpferin erweist, wurde selten mit soviel Anmut umgesetzt. Wenn man sich in "Matrix Reloaded" verlieben will, dann in diese Momente.

Und in jenen, die Hugo Weaving als Agent Smith zeigen. Wer ihn in "Priscilla, Königin der Wüste" in seiner grandiosen Tuntenrolle gesehen hatte, der wußte, was sich für ein Darsteller unter Fummel und Abba-Berieselung versteckte. Aber wer hat denn diesen Film gesehen? Als Agent Smith macht Weaving seine denkbar monotone Rolle gleichfalls zum Ereignis, und nun sehen es alle. Seine Figur - ein nunmehr autonom im Weltsimulationssystem der maschinengesteuerten Matrix agierendes Programm, dürfte den Schlüssel zu allen Problemen bieten, die "Matrix Reloaded" offenläßt und "Matrix Revolutions" im November lösen soll. Er hat es verdient. Hinter Dutzendnamen und Multikörper steckt der größte Individualist der Trilogie.

Rechtfertigen diese Stärken den Hype? Natürlich nicht. Die "Matrix"-Fortsetzung ist kein cineastisches oder gar erkenntnistheoretisches Ereignis, sondern schlichte ökonomische Notwendigkeit. Das wird sich auch beim dritten Teil nicht ändern. Auch für seine Entstehung gilt das philosophische Credo der Matrix: Die Entscheidung wurde schon getroffen, wir müssen sie nur noch verstehen.



 

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