„La vie en rose“ eröffnet Berlinale

Von Lebensleid und Liebeslied

Von Michael Althen

Das Leben ist ein Chanson: Marion Cotillard als Edith Piaf

Das Leben ist ein Chanson: Marion Cotillard als Edith Piaf

09. Februar 2007 Natürlich läuft ein Film über die Piaf darauf hinaus, dass sie am Ende singt „Non, je ne regrette rien“ und man begreift, warum sie ihr in vollen Zügen gelebtes Leben nicht bereut. Ehrlich gesagt begreift man es auch ohne Film, allein durch die Art, wie sie das singt. Darin liegt ja auch die zeitlose Kraft des Chansons und dieser Frau. Natürlich kann man sich dem auch im Film dann kaum entziehen, obwohl der Umstand, dass Regisseur Olivier Dahan allen Ernstes die Piaf auf dem Totenbett sowie diverse Erinnerungen ans spärliche Kindheitsglück dazwischenschneidet, in seiner Penetranz auch das fast noch zunichtemacht.

Dabei würde es völlig reichen, auf dem traurigen Clownsgesicht von Marion Cotillard zu bleiben, die als Piaf ihr Letztes gibt - oder wenigstens auf den Zuschauern im Pariser Olympia, die wohl auch geahnt haben dürften, dass es mit „La môme“, dem kleinen Spatz, zu Ende geht. Man kann ja übers amerikanische Kino sagen, was man will, aber dort weiß man schon, wofür die Ergriffenheits-Shots ins Publikum gut sind.

Kein Leben im Elendsdekor

Natürlich muss man sich mit Eröffnungsfilmen nicht länger aufhalten als nötig, denn mit schöner Regelmäßigkeit handelt es sich um jene Art von Emotionsausstattungskino, die den bei der Gala anwesenden Politikern, Honoratioren und Förderern das beruhigende Gefühl gibt, sie bekämen für ihr Geld auch was geboten, Und sei es nur eine Träne im Knopfloch. „La vie en rose“, wie „La môme“ auf gut Deutsch heißt, fügt sich in diese Reihe, obwohl man ihm mitunter die Ambitionen ansieht, all dem Ausstattungselend des biographischen Bilderbogens zu entgehen. Aber am Ende stolpert der Film über seine eigenen Ausweichversuche, weil er so krampfhaft versucht, der Chronologie zu entgehen, indem er weitgehend unmotiviert hin und her springt zwischen den Stationen von Karriere und Kindheit, Leben und Liebe.

Es fängt damit an, dass die Piaf 1958 bei einem Konzert in New York zusammenbricht, dann sieht man das verwahrloste Kind im Dreck, das vom kriegsheimkehrenden Vater zur Großmutter gebracht wird, die ein Bordell führt, wo man sich nach Kräften ums kränkliche Kind kümmert. Und als spürte sie, dass in diesen Elendsdekors kein rechtes Leben aufkommen will, wackelt die Kamera mutwillig, weil der Regisseur auch sonst keine rechte Vorstellung davon hat, wie er sich in den Räumen bewegen soll.

Einzig Depardieu sorgt für Schwerkraft

Dazwischen kommen dann immer wieder Episoden aus den Zeiten des Erfolgs, die keine rechte Beziehung dazu eingehen wollen und dafür sorgen, dass man in keiner der Ebenen so recht heimisch werden mag und vor allem der Hauptdarstellerin keinen guten Dienst erweist, weil man sich an ihre verschiedenen Stadien von Verwandlung und Verfall immer wieder erst gewöhnen muss, obwohl Marion Cotillard die Verstellung über weite Strecken wirklich verblüffend gut hinkriegt. Dahan schafft es einfach nicht, dass seine Figuren in irgendeine Beziehung zueinander treten. Selbst eine Schauspielerin wie Sylvie Testud, die Piafs Freundin aus alten Tagen spielt, scheint immer nur herumzustehen und zu warten, dass ihr jemand verrät, worin ihre Rolle besteht. Einzig Depardieu gibt in einem Gastauftritt dem Film kurzzeitig so etwas wie Schwerkraft, aber als er verschwunden ist, irren wieder alle ziellos umher.

Einmal ahnt man, was aus dem Film hätte werden können, als sich die Piaf die Ankunft ihrer großen Liebe Marcel Cerdan erträumt, ihm Kaffee ans Bett bringt, in der Wohnung zunehmend irritiert nach einem Geschenk sucht, ihre Entourage zusammenstaucht, bis einer von ihnen vortritt, um ihr zu sagen, dass Marcel mit dem Flugzeug abgestürzt ist, und die Piaf ihr Trugbild realisiert und unter Schmerzensschreien durch ihre Wohnung taumelt - hinaus auf eine Bühne. Das alles in einer langen Einstellung, die wenigstens zu erzwingen sucht, was der Film sonst schuldig bleibt - den Bezug zwischen Leben, Leid und Lied.

Text: F.A.Z., 09.02.2007, Nr. 34 / Seite 38
Bildmaterial: dpa

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