29. August 2007 An der chinesischen Seidenstraße liegen buddhistische Klöster, auf deren Wände die Mönche eine paradiesische Stadt gemalt haben, von denen ihnen die reisenden Kaufleute immer erzählten: eine magische Stadt, ins Wasser gebaut, mit Brücken und Kanälen und marmornen Palästen. Gemeint war natürlich Venedig, Tausende Kilometer westlich am anderen Ende der Seidenstraße. Die buddhistischen Venedigfresken der Wüste Gobi sind immer noch zu besichtigen, doch inzwischen läuft der Austausch von Waren und Gedanken in die Gegenrichtung.
Bei den Filmfestspielen von Venedig gibt es dieses Jahr nicht nur Filme aus dem Reich der Mitte, das voriges Jahr mit dem kritischen Staudamm-Epos Still Life von Jia Zhang-Ke den Goldenen Löwen errang, zu bewundern. Diesmal ist in Gestalt des erzpatriotischen Regisseurs Zhang Yimou sogar ein Chinese Präsident der Jury, was eigentlich auch an der Zeit war für die Stadt Marco Polos, in der man den europäischen China-Handel einst erfunden hat.
Das wird nicht schiedlich ablaufen
Dass der pompöse Historienfilmer Zhang Yimou überhaupt in die Lagune kommt, ist wohl nur den exzellenten Kontakten des Festivalchefs Marco Müller zu verdanken, der am Lido heuer zum letzten Mal Regie führt. Als Sinologe konnte er seinen Jurypräsidenten in dessen Sprache überreden, die Regievorbereitungen der Olympischen Eröffnungsfeier für Peking 2008 zehn Tage lang ruhenzulassen. Zehn Tage - das ist genau die Frist, die sich Zhang bei seinen Reisen stets gibt; dann wird das Heimweh nach China übermächtig. Das ist nun mal mein Universum, pries der konfuzianisch inspirierte Imperialregisseur seine Heimat.
Wenn sich Zhang mit sechs weiteren Regisseur-Kollegen auf die Preisträger einigt, wird das sicher nicht so schiedlich-friedlich ablaufen wie in einem buddhistischen Kloster. Unter Verzicht auf lästige Dreinschwätzer wie Produzenten, eitle Schauspieler oder gar die besserwisserische Filmjournaille sollen diesmal einzig Großmeister des Genres die Ernte einer Saison sichten. Wie der italienisch-türkische Psychofilmer Ferzan Ozpetek mit der neuseeländischen Bildermalerin Jane Campion, der niederländische Brachialfilmer Paul Verhoeven mit dem süditalienischen Ethnographen Emanuele Crialese oder gar der transgressiven Französin Catherine Breillat einen gemeinsamen Nenner finden wollen - bei diesen cineastischen Debatten würde man gerne Mäuschen spielen.
Deutschland reist vierter Klasse
Es wirkt aber leider ein bisschen so, als träte hier eine Weltliga von Kennern an, um ein eher amerikanisches Festival zu beurteilen. Immerhin neun von zweiundzwanzig Wettbewerbstiteln kommt aus, handelt von, wird dominiert von, zehrt von, wird bezahlt von: Amerika. Darunter mögen verheißungsvolle Arbeiten sein wie Todd Haynes' Biographie von Bob Dylan mit Richard Gere und Kate Blanchett. Der Neowestern The Assassination of Jesse James des Australiers Andrew Dominik muss dagegen schon auf die Zugkraft des Stars Brad Pitt hoffen, der denn auch brav als Handlungsreisender am Lido einfliegen wird. Als wäre eine Quote von bald fünfzig Prozent Amerika nicht genug, gibt es auch noch - betreut vom Filmblutfanatiker Quentin Tarantino - eine große Retrospektive restaurierter Italowestern. Spätestens dann wirkt die Dominanz des zahmen Westens nur mehr langweilig. Als wär's noch nicht genug, darf Johnny Depp seinem Busenfreund Tim Burton einen Ehrenlöwen überreichen, wenn der am 5. September bei einem speziellen Trickfilmtag geehrt wird.
Dass deutsche Filme beim strengen Blick durchs Fernrohr Marco Müllers aufgefallen sein könnten - auf solche Gnade wagt man im alten Europa schon gar nicht mehr zu hoffen. Deutschland reist als Co-Produzent des Ken-Loach-Films It's a free world allenfalls vierter Klasse mit bei dieser Kreuzfahrt in den Pazifik, der bekanntlich die wahren Weltmächte verbindet. Da ist man bereits froh über die Präsentation der jüngsten Werke von Peter Greenaway und Woody Allen, der als treuer Venezianer Cassandra's Dream mit an den Lido bringt. Claude Chabrols außer Konkurrenz gezeigter Film La fille coupé en deux handelt offenbar von einer in zwei Teile geschnittenen Weltpremiere, denn der Film läuft bereits in sämtlichen Provinzkinos zwischen Bordeaux und Lille.
Venedig verliert an Boden
Zum fünfundsiebzigsten Geburtstag des ältesten Filmfestivals der Welt (das wegen der Kriege allerdings erst zum vierundsechzigsten Mal über die Strandbühne geht) hätte man sich ein ausgewogeneres, sensibleres Programm gewünscht als diese chinoamerikanische Leistungsschau, die nicht einmal von einem Löwen für das Lebenswerk von Bernardo Bertolucci - nach Antonionis Tod letzter Kaiser des italienischen Kinos - nachhaltig aufgelockert wird. Die alte Dame Venedig droht nicht nur gegenüber Cannes und Berlin an Boden zu verlieren, nein: Pünktlich zum Auftakt verschickt auch das nagelneue Filmfest von Rom sein Programm stolz in alle Welt. Dass Anfang Oktober ein zweites Festival von Rang die italienischen Kräfte spaltet, ist hirnrissig und nur durch die lokalen Eitelkeiten und Ambitionen der italienischen Kirchturmpolitik zu erklären. In Rom zieht der mächtige Bürgermeister, Exkulturminister und designierte Chef der linken Volkspartei Walter Veltroni die Strippen und hätte nicht das Geringste dagegen, Venedig, so unmöglich das auch scheint, das Wasser abzugraben.
Davide Croff, dem als Präsidenten der Biennale auch das Filmfestival am Lido untersteht, ist angesichts dieser perfiden Konkurrenz schon froh, dass Anfang August ein interministerielles Gremium in Rom die staatlichen Zuschüsse für den projektierten Filmpalast am Lido durchgewinkt hat: Das ist ein wichtiger Schritt, um Venedig und der Biennale eine fundamentale Infrastruktur mitzugeben und das Festival auf Wachstum auszurichten. Ein kleiner Schritt notabene, dem bis zur Fertigstellung des schönen Neubaus noch viele weitere folgen müssen. Und wer Italien kennt oder sich an das jahrelange Hickhack um den Wiederaufbau des Fenice-Opernhauses oder der kleinen Calatrava-Brücke erinnert, dem schwant: Das kann noch lange dauern.
Einstweilen hat man die Fassade des ehrwürdigen Filmpalastes gegenüber vom Strand durch den versierten Ausstatter Dante Ferretti aufschicken lassen, verdrängt bei feinstem Spätsommerwetter allen Pessimismus, freut sich lieber auf die Parade und hofft, dass vielleicht in den zwei Nebenreihen die eine oder andere Entdeckung zu machen sein wird. In zehn Tagen sind wir schlauer. Nur eines wissen wir jetzt schon: Dann wird der heimwehkranke Zhang Yimou, die Massenregie für Olympia 2008 im Kopf, schon wieder auf der Reise in sein geliebtes China sein, weit droben über der Seidenstraße Marco Polos.
Text: F.A.Z., 29.08.2007, Nr. 200 / Seite 33
Bildmaterial: AFP, AP, Festival, Warner Bros./Cinetext