Matt Dillon im F.A.Z.-Gespräch

Lesen Sie lieber Romane als Drehbücher?

Von Marco Schmidt

25. April 2008 Stattliche Statur, markante Wangenknochen, lässige Kleidung: Jugendlich und entspannt wirkt Matt Dillon beim Gespräch im Garten einer Hotelanlage im Berber-Stil in Marrakesch. Das Auftreten des einstigen Mädchenschwarms ist unprätentiös; seine Stimme tönt tief und voll, seine Worte wählt er mit Bedacht.

Vor zwei Jahren bekamen Sie für Ihre Leistung in „L.A. Crash“ Ihre erste Oscar-Nominierung, heute Abend präsentieren Sie den Film in einem riesigen Open-Air-Kino auf dem Hauptplatz von Marrakesch. Hat dieser Film Ihr Leben verändert?

Ein bisschen schon. Wenn man so jung wie ich mit der Schauspielerei beginnt, wird man leicht als alternder Teenie-Star abgestempelt. Mit Filmen wie L.A. Crash ändert sich das langsam. Ich habe es sehr genossen, als einer der Nominierten an der Oscar-Verleihung teilzunehmen, und mich natürlich riesig darüber gefreut, dass L.A. Crash als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde. Kurz vor den Dreharbeiten hatte ich meinen Freunden erzählt: Jungs, ich spiele übrigens in einem Low-Budget-Film einen rassistischen Polizisten. Der Erfolg hat mich völlig überrascht - ich dachte, das wird wieder so ein Film, den sich ungefähr sieben Zuschauer ansehen.

Aber der Erfolg ist hoch verdient, denn der Film ist nicht nur raffiniert konstruiert und spannend erzählt, sondern geht auch unter die Haut: etwa wenn der Cop, den Sie spielen, eine Afroamerikanerin aus einem umgestürzten, brennenden Auto retten will - just jene Frau, die er zuvor mit sexuellen Übergriffen terrorisiert hat. Die Szene werde ich in meinem Leben nie mehr vergessen.

Wow! Das freut mich zu hören. Es hat fast eine Woche gedauert, diese aufwendige Szene zu drehen. Fünf Tage lang lag ich mit meiner Kollegin Thandie Newton unter dem Wagen - und ich gestehe, ich habe es sehr genossen! Hinzu kam, dass auch die Arbeit mit Regisseur Paul Haggis extrem angenehm war: Er ist ein hochintelligenter Kerl, der stets exakt auf den Punkt bringt, was er von einem will.

Was ist Ihnen lieber: ein Regisseur, der Ihnen vorschreibt, wo es langgeht, oder einer, der Ihnen viele Freiheiten lässt?

Ersteres. Sie ahnen ja gar nicht, wie oft ich schon Wischiwaschi-Filmemacher erlebt habe, die zwar freundlich sind und damit vielleicht irgendwelche Beliebtheitswettbewerbe gewinnen könnten, aber bei der Arbeit ständig im Nebel herumstochern. Paul Haggis hingegen kommt mit präzisen Ideen ans Set - und ist noch dazu ein reizender Mensch. Ich ziehe meinen Hut vor ihm, vor allem, weil er es gewagt hat, das Thema Rassismus auf eine so ehrliche, vielschichtige und sensible Weise anzupacken. Kaum jemand traut sich doch, in der Öffentlichkeit auszusprechen, dass Vorurteile gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen in jedem von uns stecken.

Wie erleben Sie denn den Rassismus in den Vereinigten Staaten seit dem 11. September 2001?

Wir durchleiden gerade eine schlimme Phase: Die Bush-Regierung hat dafür gesorgt, dass ein ideologischer Riss durch die Bevölkerung geht. Doch etwas Ähnliches gab es in den fünfziger Jahren unter McCarthy auch schon einmal - und es zeigte sich, dass wir Amerikaner uns immer wieder aufrappeln und zusammenhalten. Die Vereinigten Staaten sind ein großartiges Land. Ein junges Land, das im Vergleich zu Europa einen erstaunlichen Weg zurückgelegt hat: Die Europäer beginnen gerade erst zu begreifen, dass ihre koloniale Vergangenheit zu ethnischen Spannungen führen kann. Bei uns gibt es wegen einiger hässlicher Ereignisse in den vergangenen Jahrzehnten schon länger ein Bewusstsein für Rassenprobleme, ein gesellschaftliches Engagement für die Bedürfnisse und Rechte der verschiedenen Kulturen. Aber ich gebe zu: Derzeit marschieren wir wieder ein paar Schritte zurück.

Die Medien scheinen daran nicht ganz unschuldig zu sein.

Stimmt. Sie jagen uns permanent Angst ein. Positive Nachrichten, Akte der Humanität, kommen in der Berichterstattung gar nicht mehr vor. Und natürlich werden wir geprägt durch das, was wir in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen. Ich kann das verstehen - wir alle haben schließlich unsere Ängste. Insofern schüren die Medien eine fatale Weltsicht. Denn Angst hat eine zerstörerische Kraft. Angst ist die Mutter der Gewalt.

Wovor fürchten Sie sich selbst am meisten?

Hmm. Zu meinen größten Ängsten gehört die Vorstellung, mich nicht ändern zu können, gefangen zu sein in einem Kreislauf des ewig Gleichen. Wandel, Wachstum und Weiterentwicklung finde ich extrem wichtig. Wenn ich in meinem Beruf irgendwo eine komfortable Nische gefunden habe, dann überkommt mich sofort das Gefühl: Ich muss hier raus!

Kommt daher auch die bisweilen überraschende Auswahl Ihrer Filmprojekte?

Ja. Ich wollte beweisen, dass ich mehr darstellen kann als den wütenden Rowdy von nebenan. Und ich glaube, ich habe meine Bandbreite noch bei weitem nicht ausgereizt. Dabei versuche ich schon immer, mich nicht auf mein Äußeres zu verlassen; ich habe klassische Heldenrollen vermieden und mich stets eher für die dunkle Seite der menschlichen Natur interessiert, für zwiespältige, gebrochene Figuren - wie zum Beispiel für Henry Chinaski, das Alter Ego des Säufer-Poeten Charles Bukowski in Factotum.

Aber dann haben Sie auch wieder Quatsch gedreht wie „Herbie Fully Loaded - Ein toller Käfer startet durch“...

Jetzt reden Sie mir bloß kein schlechtes Gewissen ein! Ich will Ihnen nichts vormachen: Von künstlerischen Ambitionen allein kann niemand leben - drum muss man eben ab und zu auch Kommerzkacke drehen. Martin Scorsese hat es mal so ausgedrückt: Ein Film für mich, einer für die anderen. Je nach finanzieller Lage ist es manchmal auch einer für mich und zwei für die anderen. Nach der Lektüre des Herbie-Drehbuchs sagte ich: Leute, verschont mich mit dem Mist! Daraufhin schrieben sie jedoch meine Rolle extra um, und plötzlich fand ich sie sogar lustig. Ich dachte: Endlich mal ein Film ohne Sex, Drogen und Gewalt - einer, den meine Neffen und Nichten auch sehen können! Bei den Dreharbeiten erlitt ich einen regelrechten Kulturschock. Allein das Buffet am Herbie-Set war wahrscheinlich so teuer wie das gesamte Budget für Factotum.

Sie zitieren gern den Bukowski-Satz: „Manche Menschen werden nie verrückt - was müssen die für ein schreckliches Leben führen!“ Sind Sie froh, dass Sie in Ihrer Jugend ein paar verrückte Phasen durchgemacht haben?

Als Jugendlicher wollte ich mit dem Kopf durch die Wand; ich hatte eine Menge Probleme, und es gab Dämonen, die mich immer wieder in Versuchung führten. Aber eines kann ich inzwischen mit Sicherheit sagen: Ich war nie wirklich verrückt. Das weiß ich, seitdem ich selbst mal einen Schizophrenen gespielt habe - in Streets of New York. Das war einer dieser Filme, die tatsächlich nur sieben Leute gesehen haben. Offenbar interessierte sich niemand für das Thema des Films: Obdachlosigkeit. Wir drehten in einem echten Obdachlosenasyl an der Südspitze Manhattans, in dem neunhundert Männer in einem riesigen Raum lebten - der Ort mit der höchsten Tuberkulose-Rate der Welt. Hoch über dieser Trostlosigkeit wehte die US-Flagge, und ich dachte: Meine Güte, sieht so etwa der amerikanische Traum aus?

In Interviews berufen Sie sich auch immer wieder auf Schriftsteller wie Ernest Hemingway, Dorothy Parker oder Joseph Conrad. Man könnte meinen, Sie lesen lieber Romane als Drehbücher...

Im Prinzip stimmt das sogar, denn die meisten Drehbücher sind einfach Schrott. Bisweilen pfeffere ich allerdings auch mal einen Roman in die Mülltonne, etwa wenn er zu blumig geschrieben ist. Ich stehe mehr auf die einfache, klare Sprache von Hemingway oder Kerouac. Mit Bukowski habe ich mich gleich zweimal in meinem Leben intensiv beschäftigt: Vor zwanzig Jahren verschlang ich seine Prosa - ich liebte den respektlosen Humor, das Saufen und Vögeln, den ganzen Lebensstil. Und vor drei Jahren, bei der Vorbereitung auf Factotum, habe ich zum ersten Mal seine Gedichte gelesen - und eine Verletzlichkeit entdeckt, die ich bei ihm nie vermutet hätte. Doch um ehrlich zu sein: Ich lese zwar gern, komme aber nur selten dazu. Wenn ich mich auf Dichter berufe, dann zitiere ich sie höchstwahrscheinlich falsch. Meine Bildung ist wirklich sehr unvollständig.

Das klingt fast so, als würden Sie es heute bereuen, dass Sie mit siebzehn wegen der Schauspielerei die Schule geschmissen haben.

Na ja, darauf bin ich nicht gerade stolz. Ich hatte indes keine Wahl: Unser Schulsystem sah es leider nicht vor, dass man für Dreharbeiten mal eben drei Monate aussteigt. Es wäre übertrieben zu sagen, ich würde den Abbruch meiner schulischen Ausbildung bereuen. Doch manchmal tut es mir schon leid, dass ich nie mit einem Lehrer oder einem Professor über bestimmte Bücher reden konnte. Dieser Gedankenaustausch fehlt mir - ich war bei der Lektüre immer auf mich allein gestellt. Aber eine Journalistin sagte mal zu mir: Die belesensten Leute, die ich kenne, sind allesamt Schulabbrecher!

Mit achtzehn drehten Sie unter der Regie von Francis Ford Coppola „Die Outsider“ - zusammen mit Ihren damals völlig unbekannten Kollegen Tom Cruise, Patrick Swayze, Rob Lowe und Emilio Estevez. Sind Sie seither befreundet oder erbitterte Konkurrenten?

Keines von beidem. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Karrieren von Schauspielern miteinander vergleichen. Und ich sitze auch nicht im Kino und denke: Verdammt, dieser Sack hat mir die Rolle weggeschnappt! Jeder von uns geht seinen eigenen Weg. Aber es ist schon erstaunlich, was die anderen so alles hingelegt haben. Ich... Ach, ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll.

Sie könnten zum Beispiel erklären, warum Sie nie in einer romantischen Komödie oder in einem großen Actionfilm gespielt haben.

Weil ich romantische Komödien verabscheue - die meisten finde ich weder romantisch noch komisch. Und weil man mir immer nur schlechte Actionfilme angeboten hat. Die Realität sieht leider so aus, dass wir Schauspieler kaum Einfluss darauf haben, in welche Richtung sich unsere Laufbahn entwickelt. Ich weiß schon sehr genau, was ich will - die Frage ist nur, ob man mich auch lässt. Als ich mich mal wieder durch eine Serie von miesen Drehbüchern gequält hatte, sagte ich mir: Schluss mit dem Gejammer! Dann drehe ich eben meinen eigenen Film! Daraufhin habe ich Drehbuch, Hauptrolle und Regie bei City of Ghosts übernommen.

Ein düsterer Thriller, der in Kambodscha spielt. Wie kamen Sie darauf?

Ich war 1993 zum ersten Mal dort - und fasziniert von der Mischung aus Brutalität und Schönheit. Bei den Dreharbeiten gab es alle Hindernisse, die man sich nur denken kann: Bullenhitze, hohe Luftfeuchtigkeit, sintflutartiger Regen, wilde Raubtiere, bösartige Affen, Parasiten, Landminen, Geiselnehmer, ansteckende Krankheiten . . . Fast ein Wunder, dass niemand ums Leben kam. Dann ließ auch noch der Verleih den Film fallen, so dass ihn fast niemand zu Gesicht bekam und mich alle Leute fragten: Mensch, Matt, wieso warst du denn so lange weg vom Fenster? Trotzdem würde ich es jederzeit wieder tun!

Ist denn schon ein neues Regieprojekt in Sicht?

Ja, ich habe gerade mein zweites Drehbuch beendet. Es basiert auf der wahren Geschichte eines New Yorker Gangsters namens Eddie Maloney: ein knallharter, respektloser Typ, der gegen die etablierte Mafia kämpfte. Bei einer Schießerei bekam er zwei 38er-Kugeln ins Hirn - und überlebte! Im Rettungswagen auf dem Weg zum Krankenhaus rief er: Hey, Jungs, rast nicht so über die Schlaglöcher, ich hab' echt schlimme Kopfschmerzen! Der Kerl war derart witzig und durchgeknallt, dass ich ihn unbedingt spielen möchte. Und am liebsten würde ich den Film auch wieder selbst inszenieren. Dafür wäre ich gern noch mal eine Zeitlang weg vom Fenster! (lacht)

Zur Person

Matt Dillon wird am 18. Februar 1964 als zweites von sechs Kindern eines irischstämmigen Ehepaares in New Rochelle, einem New Yorker Vorort, geboren.

Als er mit vierzehn den Unterricht schwänzt, wird er von einem Casting-Agenten für den Kinofilm „Wut im Bauch“ entdeckt. Sein internationaler Durchbruch gelingt ihm als rebellischer Rotzlöffel in Francis Ford Coppolas Jugendgang-Dramen „Die Outsider“ und „Rumble Fish“. Er wird nicht nur zu einem der gefragtesten Postermotive der achtziger Jahre, sondern etabliert sich auch als vielseitiger Charakterdarsteller, etwa mit Arthur Penns „Target“, Gary Marshalls „Flamingo Kid“ und Ted Demmes „Beautiful Girls“ - sowie mit zwei Filmen von Gus van Sant: „Drugstore Cowboy“ und „To Die For“.

1997 spielt er an der Seite von Cameron Diaz in der Erfolgskomödie „Verrückt nach Mary“ einen schleimigen Privatdetektiv. Die beiden verlieben sich ineinander und gelten als Traumpaar - bis zu ihrer Trennung nach drei Jahren.

Matt Dillon ist unverheiratet und lebt nach wie vor in New York.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, Burkhard Neie, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Morgan, UIP/Cinetext