Filmfestspiele Venedig

Good Night, Hollywood Boulevard

Von Michael Althen, Venedig

06. September 2006 Über die Filme Eric Rohmers gibt es den berühmten Spruch, sie seien so, als würde man der Farbe an der Wand beim Trocknen zusehen. Die Entsprechung für David Lynch müßte heißen, daß sein neuer Film „Inland Empire“ so ist, als würde man einem Telefon beim Klingeln zuhören. Es klingelt und klingelt und klingelt, und keiner hebt ab, denn es ist noch nicht einmal festzustellen, wo das Klingeln überhaupt herkommt. Wie in einem Traum, wo die Geräusche der Außenwelt sich in den Schlaf drängen und man ihnen ohnmächtig ausgeliefert ist, weil sie sich nicht abstellen lassen. Dieses Gefühl dehnt Lynch auf fast drei Stunden, ein einziger nicht enden wollender Alptraum. Und da der Film um halb neun Uhr in der Frühe gezeigt wurde, hatte man bald den Eindruck, man sei womöglich gar nicht aufgestanden, habe sich den Morgenkaffee auch nur eingebildet und befinde sich vielleicht noch im Bett und träume nur.

Warum solche Klopper auf Festivals bevorzugt morgens gezeigt werden, wird sich nie erschließen, denn man tut damit weder den Kritikern noch den Filmen einen Gefallen. Aber andererseits ließe sich auch nur schwer sagen, welcher Film für diese Uhrzeit eigentlich angemessen wäre, weil das Kino ohnehin eher ein Bruder der Nacht ist. David Lynch jedenfalls, der hier mit einem Ehren-Löwen geehrt wird, hat seit fünf Jahren, seit „Mulholland Drive“, keinen Film mehr gedreht, sondern hat geheiratet und sich einen Monat später wieder scheiden lassen und sich dann den Segnungen der transzendentalen Meditation gewidmet, ehe er beschlossen hat, mit Digitalkamera und ohne Drehbuch mal wieder den finstereren Seiten seiner Seele nachzusteigen.

Lynch parodiert Lynch

Ausgangspunkt waren ein paar Satzfetzen: „Die Geschichte eines Geheimnisses, eines Geheimnisses von einer Welt in einer Welt, das sich um eine Frau dreht, eine Frau inmitten von Liebe und Schwierigkeiten.“ Das kann alles und nichts heißen, die Frau ist jedenfalls Laura Dern, Heldin von „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“, und ihr Geheimnis besteht wie immer bei Lynch darin, daß sie zwei ist, daß also eine Doppelgängerin existiert, die in einer anderen Welt zu Hause ist, die der eigenen aber verdammt ähnelt.

Es beginnt mit einer Nadel in einer Plattenrille, einer polnischen Frauenstimme und Aufnahmen eines Paares, dessen Köpfe unkenntlich gemacht sind, während sie über Sex reden. Dann folgt die Aufnahme von einem Raum, in dem drei Figuren mit Hasenköpfen reglos auf einem Sofa sitzen oder bügeln, und schon befindet man sich mittendrin in einem Lynch-Film, der zugleich auch schon die Parodie eines Lynch-Films ist. Es gibt viele Räume, Flure, Fenster zu sehen, in denen nichts passiert, außer das jemand mit schreckgeweiteten Augen in ihrem Anblick verharrt, während es auf der Tonspur raunt und rumpelt wie in einem U-Boot, das zu tief getaucht ist.

Zusammenhang verzweifelt gesucht

Laura Dern spielt eine berühmte Schauspielerin, die mit Justin Theroux einen Film dreht, bei dem Jeremy Irons Regie führt. Immer wieder stellt Dern entsetzt fest, daß sie sich noch in der Filmhandlung wähnt, als sie sich längst wieder in der Wirklichkeit befindet. Sie nennt das „mindfuck“, was nur heißt, daß jemand ihrem Gehirn dauernd Streiche spielt. Es gibt eine Frau, der ein Schraubenzieher in den Bauch gerammt wurde, junge Mädchen, die ihre Brüste zeigen, eine bösartige Nachbarin, einen eifersüchtigen Ehemann. Es gibt Teile, die rätselhafterweise in Lodz gedreht wurden, und eine Passage auf dem Walk of Fame in Hollywood, wo Laura Dern ein Schraubenzieher in den Leib gestochen wird und sie langsam zwischen Obdachlosen verblutet - bis eine Kamera sichtbar wird, die das Ganze als Filmszene entlarvt, aus der es für die Hauptdarstellerin aber kein Entrinnen gibt.

Irgendwann ist es auch gleichgültig, auf welcher Seite der Kamera man sich befindet und wer Original und wer Doppelgänger ist. Wahrscheinlich wäre es auch egal, wenn man zwischendurch den Saal verlassen würde, weil dieses Labyrinth keinen Anfang und kein Ende hat. Wenn Kunst-Biennale wäre, könnte man sich gut vorstellen, daß dort der Film in einem anderen Kontext als Endlosschleife gezeigt würde. Man könnte einen dunklen Raum betreten, gebannt zusehen, verzweifelt einen Zusammenhang zu erkennen versuchen, würde weiterwandern, vielleicht wieder zurückkommen, jedes Mal wieder fasziniert, aber man wäre nicht drei Stunden in einem Saal gefangen, in dem das Telefon endlos zu klingeln scheint.



Text: F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 41

 
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